Mittwoch,
18.
März
2009
Arroganz
Was wäre das soziale Leben ohne sie?
Meine Freundin findet mich manchmal arrogant. Recht hat sie. Unterschiedlich ist unsere Wahrnehmung nur in der Hinsicht, dass ich Arroganz grundsätzlich für akzeptabel und sogar für wichtig, geradezu für lebensnotwendig halte. Arrogante Menschen, mich selbst eingeschlossen, finde ich zugleich lächerlich und attraktiv. Wenn ein Mensch keinen Funken Arroganz hat, ist er ein Weichei und wahrscheinlich in Gesellschaft kaum lebensfähig.
Sieben Typen
Johannes Galli hat das in seinem System der sieben Kellertypen gut auf den Punkt gebracht. Unter den sechs Typen Tranfunzel, Fetzer, Flittchen, Lästermaul, Binnix und Geizhals gibt es noch einen siebten, den Großkotz, das ist die Inkarnation der Arroganz. Wer diesen Typ in sich und anderen partout ablehnt und persönlich nicht ausdrücken kann, hat es im sozialen Leben schwer. Das gilt auch für die übrigen Typen, aber bei Großkotz und Fetzer geht es um die Durchsetzungsfähigkeit. Wer den Fetzer nicht ab und zu rauslässt – oder besser: als Komponente seines Handeln immer mit dabei hat – der kann sich nicht durchsetzen. Der Großkotz ist gewissermaßen die Selbsteinschätzung hinter dem Fetzer: Man muss schon eine gewisse Einbildung mitbringen, um sich überhaupt irgendwo irgendwann zuzugestehen »sich« (Wer bin ich denn, dass ich das darf, sagt der Binnix) durchzusetzen.
Wer bin ich denn?
Ich sage es mal noch philosophischer: Sich überhaupt für jemanden zu halten, setzt bereits ein gewisses Maß an (gesunder) Arroganz voraus. Wer bin ich denn? Der Wolf Schneider? Dass ich nicht lache … Doch, der bin! Darauf zu bestehen, dass ich der bin, ist philosophisch gesehen bereits arrogant. Diese Arroganz aber ist eine gute Voraussetzung für eine gewisse psychische Gesundheit und einen »normalen« sozialen Umgang. Wie viel von dieser Arroganz, eine Persönlichkeit, ein Jemand zu sein, man sich zugesteht ist für den »persönlichen Erfolg« wichtig. Deshalb legen Motivationstrainer so großen Wert darauf, diese Arroganz (hoffentilich sozialkompatibel) auszubilden.
Faszination
Schöne Frauen haben mich schon immer fasziniert. Manchmal dachte ich, das lässt mit dem Alter nach, aber so war es nicht, so ist es nicht. Eher ist es so, dass ich Schönheit aller Art jetzt, im Alter von 56, noch mehr genieße und nun schamloser dazu stehen kann, dass Frauen mich mehr anziehen als Männer, schöne Frauen mehr als weniger schöne (wie ungerecht!), schöne, lebhafte Kinder mehr als tumbe, die zu früh oder zu sehr domestiziert wurden. Wenn ich, zum Beispiel jetzt, beim Bahnfahren (ich sitze gerade im Zug von München nach Mühldorf), meine Augen schweifen lasse über die auf dem Bahnsteig Wartenden, wo bleiben sie hängen? Manchmal ausgerechnet bei den Arroganten! Warum?
Arroganz besiegt Natur
Selbstbeobachtung ist mein Hobby, mein Freizeitsport. Das Sitzen im Zug, das Warten auf dem Bahnsteig, das Beobachten der an den U-Bahnstationen oder Bushaltestellen Aussteigenden und Einsteigenden (Autofahren ist schon deshalb weniger spannend), was für ein Panorama auf die menschliche Gesellschaft eröffnet sich da! Ich kann kaum genug davon bekommen; ich beobachte so gerne Menschen und das, was dabei innerlich in mir vorgeht. Nicht nur auf mich haben Menschen, die schön sind oder sich für schön halten, eine besondere Ausstrahlung. Wenn aber die von Natur aus weniger gut Ausgestatteten sich für sehr schön halten, kann deren Ausstrahlung die der Schönen übertreffen, die sich für hässlich halten – man sieht es ja an den Gesichtern, für wie schön oder wichtig sich jemand hält. Wenn die Arroganten, eigentlich Hässlichen strahlender sind als die Bescheidenen, Selbstungewissen, ist das nicht endlich der Sieg des Geistes über den Körper?
Lächerlich und faszinierend
Das selbstgewisse Stolzieren derer, die um ihre eigene Schönheit und Wichtigkeit wissen, ich finde es lächerlich und faszinierend zugleich und weiß dabei natürlich, dass auch ich das bin. Auch ich bin so und soll so sein, muss so sein. Lächerlich sein und zugleich faszinierend, ich darf, will, muss ich sein, um in Gesellschaft reüssieren zu können, egal in welcher. Oder will ich doch lieber Eremit sein in den Bergen? Oder mich, hoch selektiv, nur mit Menschen zusammentun, die ohne Arroganz sind? Die gibt es nicht. Und wenn es sie doch gäbe? Wäre es eigentlich schade. Denn das Strahlen dieser Selbstgewissheit, jemand zu sein, wichtig zu sein und gebraucht zu werden, schön zu sein, einzigartig und unersetzlich, es würde das Bahnfahren langweiler machen, und nicht nur das Bahnfahren – das ganze soziale Leben wäre seines Glanzes beraubt.
Das Strahlen dieser Selbstgewissheit, es gibt uns Glanz