Dienstag,
17.
März
2009
Erzählen
»Es wird zu viel geglaubt
und zu wenig erzählt.
Es sind Geschichten,
sie einen diese Welt«
singt Herbert Grönemeyer. Das hat mir grad einer zugeschickt, der denkt, ich könne seine Texte verlegen.
Gründungsmythen
Geschichten können aber auch trennen. Welche einen, welche trennen? Kommt auf die Geschichte an. Jedenfalls »eint« eine Geschichte schonmal ein gewisses Datenmaterial (das man »Erfahrung« nennen könnte) und baut daraus eine Geschichte, die Identität stiftet: dem Erzähler oder Volk, der Partei oder dem Unternehmer, der Ware oder auch einer privaten Beziehung. Das sind dann die Gründungsmythen. Auch die Genesis in der Bibel ist ein solcher Gründungsmythos (des ganzen Universums), der unserer Kultur vertraut geworden ist, deshalb halten so viel daran fest und wollen Darwins Geschichte (Eint sie uns nicht auch?) von unserer Herkunft nicht wahrhaben.
»Mach mir keine Geschichten!«
Aber damit hat Grönemeyer recht: dass zu viel geglaubt wird. Auch das meiste, was wir zu wissen »glauben« ist ein Glauben. Weisheit wäre, die Glaubenskomponente des Wissens erkennen zu können. Was übrig bleibt ist minimal, aber bemerkenswert und schwer fassbar.
Mir geht dieser Spruch »Mach mir keine Geschichten!« nicht aus dem Kopf, der ja ein Appell an das Bemühen um Wahrheitsfindung sein will. Andererseits werden Erzähler gesucht: Deutschland fehlen die konsistenten Mythen, die unser Nationalbewusstsein prägen, hieß es dieser Tage auf der Leipziger Buchmesse (und wurde promt prämiert). Stimmt schon irgendwie: Unser nationales Selbstbewusstsein ist gebrochen, aber das hat ja auch viel Gutes. Mit ist ein gebrochener Nationalist aber lieber als ein ungebrochener; erst die Risse in den Mythen machen uns bewusst, dass unsere Identität auch eine andere sein könnte, und das bedeutet Freiheit.
»Lebensabschnitte«
Am kommenden Wochenende beginnt bei uns wieder ein Erzählworkshop. Ist das Thema zu groß? Manchmal kommt es mir so vor. Sich die eigene Identität gestalten durch Erzählen – großes Thema. Durch Erzählen die Risse und Brüche in der eigenen Biografie, im eigenen Leben heilen – großes Thema. Vermessen, das in drei Tagen auch nur andeutungsweise hinzukriegen. Aber man kann ja mal damit anfangen. Und ein bisschen Theaterspielen ist auch dabei.
Bin wieder leicht aufgewühlt vor dem Kurs, denn ich bin ja auch selbst noch am Basteln, was meine eigene Identität anbelangt. Das Basteln wird bleiben, es wird wohl nie aufhören, aber ich möchte dabei auch mal Ruhephasen haben (»Lebensabschnitte«). Dann wieder aufbrechen zu was Neuem.
Morgenübung
Das war jetzt Mal nur ein Zwanzig-Minuten-Eintrag am Morgen, bevor ich meine Tagesarbeit beginne. Lieber kurz als gar nicht bloggen. Wirbt der Text für meinen Workshop? Mag sein. Vermutlich aber regt er eher nur zum Nachdenken an, die Erzählstränge im eigenen Leben ausfindig zu machen und die Erzählkunst / Lebenskunst ein bisschen zu verbessern.
Geschichten stiften Identität