Mittwoch
4
März 
2009

Vorfrühlingsspaziergang

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Beobachtungen an einem überquellenden Bach über Reinkarnation, Nazis und die Päpste

Nach den vielen kalten Tagen im Februar schien hier am vorigen Samstag plötzlich wieder die Sonne, und es wurde richtig warm. Ohne Mantel oder Anorak schwang ich mich auf mein Mountainbike und fuhr ein bisschen raus durch den Frühlingswind. Es war so warm, dass überall der Schnee schmolz, so sehr, dass unsere beiden kleinen Bäche das Wasser nicht mehr fassen konnten und über die Ufer traten. Durch die matschige Wiese spazierte ich zu der Stelle hin, wo die beiden Bäche zu einem einzigen reißenden Wasser wurden, zu einem Fluss. Man hätte hier sogar Kajak fahren können! Der Strom erinnerte mich daran, wie ich als 15jähriger manchmal, vom Starnberger See kommend, erst durch das Moor und dann über die schnelle Strömung der Würm fast bis Mühltal stromab und wieder stromauf gefahren war.

Die Form bleibt, nicht die Materie

Jetzt aber dachte ich: Was macht diesen Bach wohl aus? In den Landkarten heißt er »Niedertaufkirchener Bach«. Ist er dieses Wasser? Das kann nicht sein, es ist ja jedes Mal anderes Wasser. Ist es das Bachbett? Nein, das ist nur der Rahmen; der Bach selbst ist das, was in dem Bett fließt. Aber das ist ja jede Sekunde neu! So ähnlich wie ein Mensch, der chemisch gesehen auch nur ein Fließgleichgewicht ist, das sich täglich erneuert. Schon ein Jahr später sind wir zu mehr als 90% materiell völlig neu.
Ist es vielleicht die Form, die uns ausmacht, uns und den Bach? Das wäre ein Schlag ins Gesicht für jeden Materialismus. Die Materie fließt (und ist nanophysikalisch sowieso nur ein unfassbares Konzept). Die Form ist es, was bleibt? Bei Bergen, Steinen und Möbeln bleibt auch die Materie, bei Menschen und Tieren, großenteils auch bei Pflanzen aber bleibt das Materielle nicht und jedenfalls auch nicht bei Flüssen, da bleibt allenfalls die Form – einigermaßen.

Individualität?

Dann fiel mir das Gezerre ein um die Frage, ob es Reinkarnation gibt. Gab es mich schon einmal? Und werde ich wiedergeboren? Die physische Form kann allenfalls in meinem Kindern wiedergeboren werden, und auch das nur mit erheblichen Abweichungen von der Form der Vorlage (der Eltern). Und die geistige Form? So wie hier nur das Flussbett einigermaßen bleibt, während das Wasser des Bach ständig neu ist?

Wer ich geistig bin, als Persönlichkeit, das ist offenbar genauso zusammengesetzt wie mein Körper, also ein Fließgleichgewicht. Gedanken kommen, Gedanken gehen, darunter auch meine aktuellen Überzeugungen, wer ich bin. Als geistiges Wesen bin ich so zusammengeklaubt wie mein Wortschatz: Alle Wörter, die ich verwende, hat es schon vor mir gegeben, nur die Kombination, in der ich sie verwende hat ein bisschen was Individuelles. So wie mein Gesicht aus Atomen und Molekülen besteht, die nicht anders sind als die Atome und Moleküle (und wohl auch die Zellen) anderer Gesichter, nur die Kombination der Einzelteile ist ein bisschen anders. Meine Individualität ist nur eine individuelle Kombination derselben Teile, die auch andere ausmachen. So wie jeder Fluss und jeder Regentropfen aus denselben Wasserteilchen (H2O) besteht.

DNS + Umwelt = Ich

Meine Persönlichkeit ist ein Produkt meiner DNS plus der Umstände, die mich gestaltet haben. Diese DNS besteht wieder aus Teilen, die auch andere Menschen haben, und dieselben Umstände würden wieder dieselbe Persönlichkeit ergeben, die da jetzt herumläuft, vor diesem Bach steht, staunt und sich für einzigartig hält. Eine exakte »Wiedergeburt« dieser Persönlichkeit wird es schon deshalb nicht geben, weil es extrem unwahrscheinlich ist, dass dieselben Umstände noch einmal auftreten, sowohl was sie soziale, ökologische und ökonomische Umwelt anbelangt, wie auch die DNS. Reinkarnation gibt es also nicht? Oder könnte der »gereifte Kern« der Persönlichkeit nach meinem Tod noch einmal irgendwo auftreten? Dazu bräuchte es wohl eine sehr ähnliche DNS (von der wussten die früheren Reinkarnationstheoretiker noch nicht) und eine gewisse Ähnlichkeit der Umstände.

Die »Reinkarnation« von Führer, Rebell u.a.

Nur in einem sehr groben Sinne kann ich mir die Reinkarnation einer Persönlichkeitsstruktur vorstellen. Zum Beispiel einen Jäger- und Sammler-Stamm, der von einem Häuptling geführt wird. Der wird im Kampf mit einem Nachbarstamm von einem Pfeil tödlich getroffen. Der Rest des Stammes überlebt und sucht sich nun einen neuen Führer. Die Persönlichkeit des neuen Stammesführers wird nun vermutlich in ihrem autoritären Gebaren dem früheren Führer ähnlich sein, aus mehreren Gründen. Erstens: Der Stamm ist ja noch derselbe, er sucht sich also »wieder so einen«. Zweitens: Die Führungsrolle prägt und macht aus dem neuen Führer einen, der dem alten in gewisser Hinsicht ähnelt. (Deshalb wird Obama nun manchmal Entscheidungen treffen, die denen seines Vorgängers ähneln, obwohl das während des Wahlkampfs noch kaum einer sich vorstellen konnte, denn der Führer ist immer auch Abbild der ihm zugewiesenen Rolle oder, anders gesagt, Abbild der zuweisenden Gesellschaft.)

Ganz ähnlich gibt es »Reinkarnation« bei den Persönlichkeiten des Rebellen (Verräter, Abtrünniger, Ketzer), der First Lady, des Strebers oder Sündenbocks. Stirbt ein Sündenbock, wird die beschuldigende Gemeinschaft sich einen neuen suchen, in dem diese Persönlichkeitsstruktur »reinkarniert«.

Die »Reinkarnation« von Teilen der Gesellschaft

Ebenso mit diffamierten sozialen Minderheiten: Was macht die Deutsche Gesellschaft nach der Vernichtung und Vertreibung der Juden? Sie braucht eine neue Minderheit, die »den Schatten« (die verdrängten Anteile) der Mehrheit trägt, den diese an sich selbst nicht sehen will. Auch Nationen wie »Deutschland« ändern sich mit der Zeit in ihrer Persönlichkeitsstruktur und ihren Eigenschaften der Schattenverdrängung, doch einiges davon bleibt über Generationen hinweg gleich. So bleibt auch eine gewisse Ähnlichkeit in dem Bedürfnis nach Verdrängung und Zuweisung von Schuld. Die so ausgegrenzten Teile der Bevölkerung (in den vergangenen Jahrzehnen waren dies u.a. »die Sekten«) werden systemisch gebraucht, dürfen aber doch nicht zum guten Teil der nationalen Persönlichkeit gehören.

Imagine there is no heaven!

Dies sind nur ein paar der Gedanken, die mir an diesem Vorfrühlingnachmittag durch den Kopf gingen. Die Sonne schien, die Wasser der Schneeschmelze stürzten sich durch das enge Bett des Bachs, traten über die Ufer und veränderten so »die Persönlichkeit« des Bachs. So wie ein Mensch, der einen emotionalen Ausbruch hat und danach sagt: Da war ich nicht mehr ich selbst!

Wegen des schönen Wetters und der schlechten Tagesnachrichten über Papst Benedikt und Bischof Mixa fiel mir auch das Lied von John Lennon wieder ein: »Imagine there is no heaven, [...] above us only sky« – Ach, das wäre schön! Eine Welt ohne Päpste und Bischöfe, in der die Menschen ihre natürliche Religiosität enfalten könnten! In der ihr Blick hinaus in den endlosen Himmel (sky) nicht von Vorstellungen eines fiktiven Jenseits (heaven) gestört würde. Das wäre echte Religiosität! Der atheistische John Lennon ein religiöserer Mensch als Papst Benedikt XVI. … da werden sie aber wieder kreischen, wenn ich das aufschreibe, dachte ich mir auf Rückfahrt auf meinem Radl.

»Heiliger Pius«, der du die Nazis gedeckt hast…

Doch, so ist es. Der Papst ist der Führer einer uralten, verkrusteten Struktur. An diesem Platz hat er es sehr schwer, den Frühling zu spüren, die Liebe oder das Wesen der Bäche und Flüsse – und eine Welt ohne heaven, just the sky, das schon gar nicht! Nun will er seinen Vorgänger Pius XII. heilig sprechen, die Vorbereitungen dazu sind in vollem Gange. Pius XII., der 1944 genau im Bilde war über den Holocaust und doch nichts dazu sagte, und der Hitler, Himmler, Goebbels, Bormann und andere formale Katholiken der Nazi-Führungsriege im Schoß von Mutter Kirche behielt, während er in Frankreich, Polen und anderswo Arbeitspriester, die der KP beigetreten waren, aus der Kirche ausstieß.

Überhaupt: Dass Hitler, Himmler und Goebbels Mitglieder der katholischen Kirche geblieben waren, das war mir gar nicht bewusst (Küng zählt diese Namen auf in seinem Interview mit der SZ). Übel! Die Art von »Christlichkeit«, die man von Kirchenmitgliedern erwarten darf, ist wohl noch viel niedriger anzusetzen, als ich je dachte. Einer solchen Gemeinschaft möchte ich nicht angehören.

Gedämpfter Hochmut

Andererseits: Hitler war auch Vegetarier. Vegetarier sind deshalb noch keine schlechten Menschen. Man kann es auch so sehen: Dass Hitler als Vegetarier »einer von uns« war, ist ein gutes Mittel gegen jedes Aufkeimen von Hochmut unter Vegetariern, sich als etwas Besseres zu fühlen. So will ich das nun auch mit dem Katholizismus betrachten: Der wird nicht schon dadurch besudelt, dass Hitler (und Himmler und Goebbels) während der schlimmsten Nazi-Exzesse Kirchenmitglieder blieben. Das kann für die Genannten auch taktische Gründe gehabt haben. Aber dadurch wird die Kirche besudelt und mit ihr der damals amtierende Papst: dass er diese Nazis nicht exkommunizierte, auch nachdem er vom Holocaust wusste, und dass er darüber schwieg.

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