Montag
13
April 
2009

Drei Experimente

Ein Kommentar

Seit ein paar Monaten jagt ein Aufruf den anderen, ich solle mich für das bedingungslose Grundeinkommen einsetzen. Für die Vision einer Gesellschaft, in der die Menschen erst dann arbeiten müssen, wenn sie wirklich wollen und wofür sie wollen.

Das ist eine verlockende Utopie, quer durch alle Schichten. Sogar für die Reichen und Mächtigen hat sie was, denn wenn keiner mehr einem anderen Menschen mit Armut oder sozialem Abstieg drohen könnte, damit er überhaupt etwas arbeitet, wären diejenigen, die überhaupt arbeiten viel besser motiviert, und es müsste eine Freude sein, ein Unternehmen zu führen. Das Paradies eines würdevollen Lebens, nicht mehr »als Geisel der Wirtschaft« (wie Konstatin Wecker es nennt) scheint hier wieder seine lange verschlossenen Tore zu öffnen. Eine Avantgarde von Vor- und Querdenkern ist begeistert, so wie damals, vor nur zwei, drei Generationen, vom Sozialismus.

Das bedingungslose Grundeinkommen

Es ist jedoch nicht alles machbar, was in der Theorie glänzt. Bevor wir uns weiter in diese schöne Utopie hineinsteigern, sollten wir insbesondere drei ökonomisch-gesellschaftlichen Alternativen zum jetzigen Kapitalismus ausprobieren: das bedingungslose Grundeinkommen, die freiwirtschaftliche und die sozialistische Utopie. Die erste ist die jüngste von ihnen, sie schmückt sich noch mit dem Zauber des Anfangs. Nicht nur notorische Nörgler und Verlierer aus den sozialen Randgruppen setzen sich für sie ein, sondern mit Götz Werner und Dieter Althaus hat sie auch prominente Fürsprecher, die es in dem zu überholenden System bis an die Spitze gebracht haben. Gut so. Nun brauchen wir als nächsten Schritt ein größeres Experiment als nur dieses namibische Dorf, wo das Experiment ja seit Anfang 2008 mit 1.200 Einwohnern läuft – mit positivem Ergebnis.

Freiwirtschaft und Sozialismus

Auch die Freiwirtschaft lohnt mehr als nur ein kleines Experiment. 1932 in Wörgl hat man ein solches ja schon angestellt. Dieses »Wunder von Wörgl« wurde dann auf Druck der Hochfinanz in Wien trotz seines grandiosen lokalen Anfangserfolges verboten. Und auch die sozialistische Utopie sollten wir noch nicht völlig ins Grab oder Mausoleum der Geschichte befördern. Sie hat zwar grausame Diktaturen erzeugt, aber den Vorteil von weit mehr Praxiserfahrung (auch im Negativen und in großer Variantenbreite) als die anderen beiden Alternativen. Was wäre aus Kuba geworden ohne Blockade? Was wäre aus Deutschland geworden nach der Vereinigung, hätte man von der DDR nicht auch alles, was dort gut war, einfach platt gemacht?

Unterstützung für die Pioniere

Wir brauchen nun Experimente in Ländergröße. Namibia, Luxemburg, Estland, Island, Venezuela, Vietnam, Kuba … wo auch immer die Bevölkerung dazu bereit ist. Diese Experimente müssen von dem Rest der Welt unterstützt werden. Sie dürfen nicht, wie im Falle von Kuba oder dem Tiroler Wörgl blockiert, verboten oder geächtet werden. Wer nicht mitmacht, sollten den Mutigen dankbar sein, die sich das Experiment zutrauen, zum Nutzen aller anderen.

Der ungezügelte Kapitalismus als Weltwirtschaftssystem hat versagt: Er hat die Natur zerstört, Kriege provoziert, die Armut vielfach noch verschärft. Nun bitte keine Revolution mit dem üblichen Fanatismus und Gewaltexzessen, sondern mutig mit Alternativen experimentieren, und denen das Wohlwollen und die Unterstützung der Umgebung verschaffen. 

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Ein Kommentar zu »Drei Experimente«

  1. Hallo guten Morgen,
    egal, was ich von Wolf Schneider lese, ich kann fast allem zustimmen. Und ein bißchen neidisch sein, weil ich es nicht so gut und sicher sagen kann. Denken, fühlen, tu ich vieles genau so.
    Danke für die ausführlichen, verständlichen Äußerungen zu so vielen Themen, die mich (auch) immer mal wieder berühren, belasten und über die wir hier mehr oder weniger oft und mehr oder weniger heftig diskutieren.
    Schönen Tag und liebe Grüße, Barbara

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