Montag,
11.
Mai
2009
Was uns trennt, was uns eint
Anmerkungen zu ein paar der gröbsten Missverständnisse, Religion und Esoterik betreffend
Wir sind Teil eines absurden Systems: Die Institutionen, die beanspruchen das Religiöse zu vertreten, sind auch die, die es am effektivsten verhindern. Ihre Vertreter, die Kleriker der Religionen, sind in diesem Verhindern so wirkungsvoll wie keine andere Berufsgruppe. Keine andere Kleidung eignet sich so gut als Verkleidung für Mephisto, den Widersacher, den Verführer wie die des Priesters.
Egal, ob das Ersehnte nun Gott, die Transzendenz, die Erlösung oder Erleuchtung heißt, ob Himmel, Paradies oder Nirvana: Wer am häufigsten von Gott spricht, von Religion, von den Heiligen Schriften macht sich des Missbrauchs so verdächtig wie ein Politiker, der ständig vom Frieden spricht – und im Schatten dieser pathetischen Reden einen Krieg plant.
Religion sei im Wesentlichen Liebe, das ist ja nun schon bald Motto für Schlagertexte und Hollywood-Schnulzen. Es gibt keine Religion außer der der Liebe, wer wollte da widersprechen. Warum aber sind die religiösen Institutionen dann in der Regel die größten Verhinderer der Liebe, der geistigen und emotionalen ebenso wie der körperlichen? Warum verhindern sie gerade das, was sie propagieren? Es ist so paradox wie absurd. Es macht mich traurig. Manchmal aber auch sehr wütend: Wenn ich etwa grad im Radio höre, dass der Papst sich dafür entschuldigt, dass in Kanada 150.000 Inuit und Cree-Kinder ihren Eltern weggenommen wurden, um sie in christlichen Heimen zu erziehen, wo sie geschlagen und vielfach sexuell missbraucht wurden. Das sind keine Einzelfälle, die man erledigt, indem man mal ein paar Täter kriminalisiert, es ist das System. Menschen, die behaupten Gott nahe zu sein oder ihn zu vertreten sollte man generell ein gewisses Misstrauen entgegen bringen. Ob das nun die Päderasten unter den christlichen Priestern sind oder die Brahmanen Indiens, die nicht mit einem Kastenlosen zu Tisch sitzen würden, weil sie fürchten, dabei unrein zu werden, oder die Gotteskrieger des Islam, die die Ungläubigen bekämpfen, allerorten sind wir von solchem religiösen Wahnsinn umgeben.
Hokuspokus
Für die Anhänger der Hochreligionen ist Esoterik die Schmuddelzone ihrer religiösen Kultur, die Gosse, in die sie ihren Abfall kippen, das Abgelehnte, Verdrängte, der Schatten. Als ich in einem Lexikon fand, dass das Wort Hokuspokus von hoc est corpus (meum) stammt, der Zauberformel des Abendmahls, des wichtigsten christlichen Rituals, ging mir ein Licht auf: Die magischen Praktiken von ein paar Esoterikern sind von ihrer Anzahl und Wirkung her vernachlässigbar; der eigentliche Hokuspokus ist das zentrale Ritual des Christentums, das Abendmahl. Von daher stammt ja auch das Wort. Der Zauber ist mitten unter uns, sollte man den Verdrängungskünstlern unter den Christen zurufen: »Wo zwei in meinem Namen versammelt sind«, ist der Hokuspokus mitten unter uns. Eine Oblate in den Leib des Heilands zu verwandeln, wenn das kein Hokuspokus ist, was soll das Wort sonst bedeuten? Gemäß katholischem Dogma ist diese Wandlung (Transsubstantiation) ja keinesfalls als Metapher zu verstehen, sondern die Oblate ist durch dieses magisch-esoterische Ritual zum der Leib des Heilands geworden, sagen sie. Sind sie nicht verrückt, die Römer?
Ich habe nichts gegen Rituale. Ich mag nur diese Doppelmoral nicht, die da sagt: Unser katholisches Ritual ist göttlich und mystisch, es verbindet uns mit dem Heiland, Gott, dem Universum; die Rituale der anderen aber gelten als »esoterisch«, es sind die Rituale der Primitiven, Ungläubigen oder vom Glauben Abgefallenen. »Mein Glaube ist der wahre Glaube, der der anderen ist Un- oder Aberglaube«, solche ideologische Rechthaberei kennt man ja auch aus der Politik.
Was heißt »Religion« eigentlich?
Wo das Wort »Religion« herkommt, darüber sind sich die Gelehrten nicht einig. Dass es vom lateinischen re-ligare, rückbinden abstammt, ist nur eine unter vielen Herleitungen, aber unter heutigen Esoterikern und vielen Christen ist sie die populärste. Der Kirchenvater Lactantius soll (im 4. Jhd. nuZ) das Wort so erklärt haben, meinte damit aber eher die Rückbindung des frommen Gläubigen an den Gott der Bibel als die heute so beliebte esoterischen Definition von Religion als Rückbindung an »das Ganze«. Die esoterische Begriffserklärung und die des Kirchenvaters sind ja nur dann identisch, wenn man mit Gott »das Ganze« meint, also inklusive dem Teufel und allen Sündern, Ungläubigen und Abtrünnigen.
Ob die Worterklärung von Religion als »Rückbindung an das Ganze« nun stimmt oder nicht – ich mag sie. Es ist selten genug, dass eine allseits beliebte Interpretation mir sympathisch ist, obwohl sie wissenschaftlich (in diesem Falle: historisch) nicht so recht haltbar ist. In diesem Falle aber gefällt sie mir, und ich freue mich, hier mal mit den Massen in dasselbe Horn blasen zu dürfen. Dem allgemeinen Geraune, mit der Herkunft des Wortes seine »eigentliche Bedeutung« gefunden zu haben, muss ich damit ja nicht zustimmen.
Religion heißt also »Rückbindung mit dem Ganzen«. Nun, nehmen wir das doch mal ernst! Dann folgt daraus, dass das, was uns mit dem Ganzen nicht verbindet, sondern uns von Teilen davon abtrennt, nicht religiös sein kann. Dann ist der getrennte Religionsunterricht, der die Kinder katholischer Eltern nicht nur von den Türkenkindern trennt, sondern sogar von den Kindern evangelischer Eltern, nicht religiös, sondern sektiererisch (von lat. secta, Richtung und secare, schneiden, abtrennen).
Religionen wie das Christentum und der Islam sind in diesem Sinne also eigentlich Sekten, denn sie vereinen nicht, sie trennen. Sie sind nicht katholisch im Sinne des griechischen katholicos, auf das Ganze bezogen, universal, allumfassend. Wahrhaft katholisch wäre demnach ein Religionsunterricht, der nicht zwischen dem heute katholisch und evangelisch Genannten unterscheidet, nicht einmal zwischen christlich und islamisch, und nicht einmal zwischen theistisch und atheistisch, sondern wirklich »allumfassend« die religiöse, rückbindende, vereinende, transzendete Dimension des Menschen lehrt und fördert. Das tut ein Kurs in stiller Meditation (z.B. Vipassana) sicherlich mehr als das Pauken des Kathechismus, und auch der heutige Ethik-Unterricht, ausgeführt von einem nicht religionsgebundenen Philosophen, leistet das viel, viel besser als der Religionsunterricht eines Pfarrers, der die Dogmen seiner Kirche lehren muss, um von ihr als Seelsorger und Pädagoge bezahlt zu werden.
Die Brahmanen des Westens
Als Leser der SZ flattert mir immer mal wieder die evangelisch-christliche Zeitschrift Chrismon ins Haus. Kaufen würde ich sie mir nicht, aber da sie nun schon kommt und ich am Religiösen generell interessiert bin, blättere ich sie mir immer mal wieder durch. Sie erscheint monatlich in einer Auflage von 1.5 Millionen und liegt außerdem noch der ZEIT, der FAZ und einigen anderen Tageszeitungen bei. In Deutschland gibt es gewiss mehr als 10 Millionen an Esoterik Interessierte, gemäß einigen Untersuchungen ist es etwa ein Drittel der Bevölkerung. Trotzdem wäre eine Beilage bei den genannten Zeitungen, die dieses Interesse abdeckt, undenkbar. Die großen Medien in Deutschland und den meisten anderen Ländern des Westens sind auch heute noch viel zu sehr von Denken und Wirken christlicher Honoratioren bestimmt. An TV-Sendungen zu esoterischen Themen sieht man zwar, dass sie mehr Quote bringen als das Salbadern der Bischöfe, aber es schickt sich nicht, diese ohne Häme oder Stirnrunzeln zu bringen. Aus kommerziellen Gründen werden die esoterischen und alternativheilerischen Themen von den Massenmedien angenommen (die Anzeigenkunden zahlen nach Quote), den Redakteuren aber wäre es peinlich, als Esoteriker zu gelten, deshalb behandeln sie das Thema so von oben herab. Ein guter Journalist möchte nicht »einer von denen« sein, ein Esoteriker, igitt. Das ist doch Schmuddelzone. Die Journalisten in den deutschen Edelmedien wirken in der Hinsicht ähnlich wie die Brahmanenkaste in Indien: Sie perpetuieren das System entgegen dem Willen des Volkes. Die Kastenlosen (Dalits) sind in Indien längst zahlenmäßig mehr als die Brahmanen, sie stellen circa ein Fünftel der Bevölkerung und zusammen mit den niedrigen Kasten leicht die Mehrheit. Wenn es in Indien demokratisch zuginge, müssten diese Teile der Bevölkerung ihre Ansprüche entsprechend besser durchsetzen können als die Brahmanen. Aber da hilft alle Demokratie nicht, auch im ach so demokratischen Indien, der größten Demokratie der Welt: Die religiöse Doktrin der Brahmanen gilt dort auch heute noch.
Die drei Säulen des Systems
Unser westliches System hat neben der brökelnden Säule des Christentums, das einst das Monopol fürs Religiöse inne hatte, noch zwei andere Säulen mit ebenfalls erodierendem Monopolanspruch: die Schulmedizin mit der daran hängenden Pharmazie und das neoliberale Wirtschaftssystem. Alle drei Säulen dieses »Establishments« können bei der Abwehr unerwünschter Mitbewerber auch heute noch mit der Unterstützung des Staates rechnen. Für die Christen zieht der Staat über das Finanzamt die Kirchensteuer ein. Warum nicht für die Esoteriker eine Esoteriksteuer? Und warum zahlen die Krankenkassen nicht alternativmedizinische Verfahren? Weil sie in den Händen der Brahmanen von der Schulmedizin sind. Noch schlimmer ist das Monopol des neoliberalen Kapitalismus, der sozialistische und freiwirtschaftliche Modelle noch viel rigoroser ablehnt als die heute schon so geschwächten Kirchen die Konkurrenz aus Asien, der Esoterik oder des Schamanismus. Die cubanische Modell wird »verketzert« und wirtschaftlich blockiert, so wie das »Wunder von Wörgl« von der Hauptstadt Wien aus einst verboten wurde.
Religionsunterricht
Wir sollten eine Kultur der Meditation pflegen, beginnend schon in der Schule. Gut, dass bei dem Plebiszit in Berlin kürzlich die Initiative »pro Reli« (die eine trennende war, also keine wirklich religiöse) nicht gewonnen hat, sondern der Ethikunterricht für alle blieb. Wir schicken ja auch nicht die Kinder von SPD-Wählern in den SPD-Sozialkundeunterricht, sondern lassen sie mit den Kindern der CDU/CSU-Wähler in eine Klasse gehen.
Religiöse und spirituelle Disziplinen sind nötig, um sich spirituell zu entwickeln; man darf dabei die Methoden nicht vermanschen, sonst wirken sie nicht. Diese Vielfalt der Methoden, Disziplinen, Kulturen und Subkulturen ist wunderschön! Aber sie darf nicht dazu führen, dass die Menschen zu sehr miteinander fremdeln. Der Wahnsinn der parteilichen Spaltung religiös orientierter Menschen führt überall in der Welt zu unsäglichem Leiden; die politisch-religiösen Probleme in Palästina, dem »Heiligen Land« der drei westlichen Theismen, sind nur ein besonders krasses Beispiel für das Schlamassel einer solchen Getrenntheit. Die Schulung des Nachwuchses in getrennten Klassen ist genau genommen eine parteiliche Ausrichtung, oder, etwas krasser gesagt: eine ideologische Gehirnwäsche. Ein Unterricht, der nicht eint, ist nicht wirklich religiös und sollte deshalb auch nicht »Religionsunterricht« genannt werden. »Kaderschmiede« wäre dafür ein passenderer Begriff.