Dienstag,
2.
Juni
2009
Die spirituelle Subkultur
Eindrücke vom Rainbow-Spirit Festival in Baden-Baden, Teil I
Gestern Abend ging das Rainbow-Festival in Baden-Baden zuende. Abschied, Zusammenpacken, Einladen während das Auto im Halteverbot steht, dann ab auf die Autobahn und zurück durch die Nacht, heimwärts.
Ich war nun zum zweiten Mal dort, und zum ersten Mal mit einem Connection-Stand. Vier Tage Festival. Für mich und für viele andere der Anbieter war es eher eine Messe. Jedenfalls ein Bad in der Zielgruppe, ein Treffen mit Freunden, Kollegen, Lesern, Gurus, Künstlern – ein Fest. Und dabei auch Arbeit: meinen Stand betreuen, den Verlag vertreten, Hefte verkaufen. Wenn es mal ruhiger war am Stand, konnte ich eMails erledigen, wenigstens ein bisschen. Ich hab auf solchen Veranstaltungen immer meinen Laptop dabei, auf dem ich per UMTS-Modem ins Internet kann, Mails empfangen und abschicken.
Jay Uttal und die devotionale Musik
Gleich am ersten Abend spielte und sang der aus den USA stammende Weltmusiker Jay Uttal hinduistische Kirtans, zusammen mit dem Flötisten Manose und einem Tabla-Spieler: ein grandioser Einstieg in die musikalische Qualität dieses Festivals. Wie kann ein Amerikaner so hinduistisch fühlen? Jay jedenfalls kann es, er war hier schier hinduistischer als die Hindus. Wie auch die anderen Konzerte dieses Festivals begann er in Stille. Im dann folgenden klassisch-indischen Kirtan-Gesang (dazu spielte er das nordindische Harmonium) steigerte er sich allmählich durch die vielen Wiederholungen in eine religiöse Ekstase und nahm dabei den ganzen Saal mit. Für deutsche Ohren mögen die Melodien arabisch-indisch klingen (von uns aus gesehen ist das ein Kulturraum), für Indienreisende waren sie ein Wiedereintauchen in die indische Religiosität, die so gerne, leidenschaftlich und schamlos schwelt in der Ekstase der Hingabe an das Göttliche, möge es nun Rama, Sita, Krishna, Gopal oder sonstwie heißen. Devotional music at its best. Ein besonderes Highlight dabei: der Flötist Manose, der mit seiner kindlichen Verspieltheit glückstrahlend alle verzauberte. Und das Kind von Jay und seiner brasilianischen Frau, das während des Konzerts auf der Bühne bei den Musikern saß, mitspielte oder seinen Papa umarmte, als wäre es auf einem Picknick im Grünen.
Spirituelle Kunst
Am nächsten Tag ging ich gegen Mittag zu Peter Makenas und Aneetas »Heartdance« – Gemeinschaftstänze aus den Religionen der Welt, so ähnlich wie einst im legendären Poona die »Sufi-Tänze«, die schon damals nicht nur Sufi-Tänze, sondern auch christliche, jüdische, hinduistische und andere religiöse Tänze waren. Wahrhaft liebevolle Musik, verbindend, gemeinschaftsfördernd, ekstatisch. Am Abend ging es ebenso schön berauschend weiter mit den Bands von Milarepa und Prem Joshua. Allein für die Musik lohnt sich eine Reise zu diesem Festival. Es ist Musik, die sich um die Stille rankt, spirituelle Kunst auf höchstem Niveau.
Ein Spaziergang durch den Messeteil des Festivals aber bringt den Besucher auf andere Gedanken. Spirituelle Kunst? Auf höchstem Niveau? Ich empfinde den Gegensatz der hier dargebotenen, übers Auge empfangenen Kunst, zu der übers Ohr empfangenen als krass. Wie kann es sein, dass solch ein Festival so exquisite Tonkunst bietet, in seiner Präsentation visueller Kunst aber das Auge beleidigt? Dazu gehört die Grafik des Programmheftes zum Festival, die Festivalgrafik selbst (Typo und Bildauswahl), die meisten der an den Ständen dargebotenen Gemälde, die Gestaltung vieler Stände. Wenn spirituelle Musik sich am Verhältnis der Töne zur Stille zeigt, müsste sich visuelle spirituelle Kunst am Verhältnis der Farben und Formen zu den Leerräumen zeigen. Die suchte man hier vergebens.
Satsang
Eine Empfehlung führte mich ins Satsang mit Madhukar. Sein Auftritt ist gekonnt, ausgefeilt, konsistent. Die Stille wohltuend. Seine Arroganz unter so viele Friede-Freude-Eierkuchen angenehm scharf. Seine Antworten 0815-Vedanta: Das Nichts ist gut, das Etwas schlecht. Das Hier&Jetzt ist das einzig Wahre, ebenso die Ewigkeit, das All, die Auflösung des Ego, das Verweilen in der Ekstase der Erkenntnis nichts Bestimmtes zu sein. Ego und Persönlichkeit sind die Ursache des Leidens, nur die Hingabe an das Ganze ist der Weg zum Glück. Madhukar selbst hingegen zeigt sich als Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, ein Widerspruch in sich. Pausengespräche: »Ich mag die Aura seiner Männlichkeit«, sagte eine Frau voller Begeisterung, nachdem sie bei ihm im Satsang gewesen war, »er darf nur nicht dem Mund aufmachen, dann ist alles wieder vorbei«. Gelächter der Umstehenden. Eine andere: »Ich finde seine Antworten scharf und witzig und bin davon immer wieder überrascht«. Es gibt ja auch sexuelle Vorlieben, so versuche ich mir diese Unterschiede im Geschmack und in der Wahrnehmung zu erklären: Manche sind eher devot, andere dominant. So ist das wohl auch bei den Satsang-Gebern und ihren Fans.
Eine andere Empfehlung führte mich ins Satsang mit Rick Linchitz. Der sei so schlicht. Ich hielt es dort aber trotz (oder wegen?) all der Schlichtheit nur 20 Minuten lang aus, dann war mir die Zeit zu schade: Hier drinnen sitzen und immer nur hören, dass alles sich hier und jetzt abspielt, das Individuum eine Illusion ist und die Frage nach dem Beobachter, der dies erlebt, zu nichts führt? Während draußen das Festival tobt in all seiner Vielfalt. Nein, dann doch lieber die echte Stille, ohne diese Satsang-Klamotten. Oder mitmachen im Tanz des Lebens.
Die Satsang-Präsentation auf diesem Festival scheint mir für Menschen zu passen, die noch in der Idee gefangen sind, dass die Persönlichkeit alles ist und des Religiöse dort drüben ist, jenseits, im Niemandsland, bei den Heiligen, im Ignorieren oder Verdrängen der Zeit und der weltlichen Strukturen. Wer vom Nektar der religiösen Ekstase aber schon ausgiebig gekostet hat; wer sie integrieren will, anstatt ihr süchtig-suchend anzuhängen, ist hier eher gelangweilt. Hier auf dem Rainbow-Festival gibt es den Nektar, das schon, aber kaum Mittel, die Abhängigkeit davon nun auch wieder loszuwerden.
Drinnen und draußen
Noch viel mehr war auf dem Festival zu beoachten: das Feiern der Promis, die Guru-Strukturen, der Kommerz und die Freiheit davon. Vielleicht gelingt es mir, morgen oder übermorgen hier im Blog dazu noch ein paar mehr Notizen da zu lassen.
Jetzt nur noch das: Ich war gerne draußen! Zumal das Wetter an diesen Pfingsttagen so prächtig war. Drinnen das Festival – mal mehr Eso-Messen-Kommerz, mal mehr Fest, Feiern, Begegnung, Party. Draußen die Parkanlagen von Baden-Baden in der Frühlingssonne, mit so vielen glücklichen Besuchern. Die Festival-Energie schwappte nach draußen, füllte den Park und die Stadt, und ich wusste wieder, wie glücklich ich allein unter Bäumen bin. Oder auch mit Freunden. Auf den Wiese, am Fluss, an den Brunnen, in den Fußgängerzonen dieser fast autofreien Stadt. Ich möchte solche Feste nicht missen, aber ich bin dann auch gerne wieder draußen. Manches da drinnen kann ich nur mit Humor ertragen. Gesellschaftliches Leben kann man wohl generell nur mit Humor ertragen. Auch wenn sich diese Subkultur spirituell nennt, ist sie immer noch eine Subkultur, eine Gesellschaft, mit all ihren Macken, Konditionen und Konditionierungen, ihrem Jargon, ihrem Kitsch, ihren Moden.