Donnerstag,
16.
Juli
2009
Im Mantel des Bekannten
Wer »keinen Namen hat«, schaut in die Röhre
Die Massen sind in Trance. Auch die Individuen sind in Trance, aber wenn die Massen in Trance sind, ist das viel gefährlicher. Ich misstraue diesen Trancen. Als Kind des Nach-Hitler-Deutschlands dürfte das eigentlich keinen verwundern, dachte ich. Die Erfahrung aber zeigt, dass ich darin doch eher eine Ausnahme bin.
Die in den Massen merken nämlich nicht, dass sie in Trance sind, weil sie alle in derselben Trance sind und diese für die Realität halten. Wer anders denkt ist ein Außenseiter und wird entweder als störend wahrgenommen oder gar nicht.
Vorigen Herbst wurde ich vom Zürcher Tagesanzeiger aufgefordert, für dessen Analyseseite etwas über »Die Sprache in Zeiten der Finanzkrise« zu schreiben. Der Auftrag erging an schneider@connection.de, deshalb dachte ich: Sie können mich eigentlich nicht mit meinem Namensvetter, dem »deutschen Sprachpapst« verwechselt haben, sondern bezogen sich als Referenz wahrscheinlich auf mein Buch »Zauberkraft der Sprache« oder auf meine sprachkritischen Texte im Blog.
»Wunderbar«, sie übernehmen »tel quel«
So ließ ich mich trotz einiger Skepsis darauf ein, lieferte den Text pünktlich ab und erhielt vom zuständigen Redakteur die schlichte Antwort: »Ihr Text ist wunderbar, ich bringe ihn tel quel.« (»Tel quel« ist schweizerisch und heißt so viel wie: so wie er ist.)
Der Auftrag hatte mich während der Buchmesse am Connection-Stand erreicht. Ich hatte ihn irgendwie mit reinquetschen müssen, Schreibzeit circa zwei Stunden, mit Recherche waren es vielleicht drei oder vier. Das Thema ist ja nicht mein Haus- und Hofthema, und so war ich ein bisschen stolz, dass ich es so schnell geschafft hatte, mitten unter den Buchmessenverpflichtungen, und dass ich dafür diese klare, positive Antwort erhalten hatte, mit der Zusage, den Text unverändert zu übernehmen, als Aufmacher für die Meinungs- und Analyseseite des renommierten Schweizer Tagesanzeiger.
Ob sie mich nicht doch mit IHM, dem deutschen Sprachpapst verwechselt hatten? Umso mehr der Ehre, fand ich; und für den Redakteur, der mir den Auftrag gegeben hatte, wäre es eine kleine Peinlichkeit gewesen, während der Mailaustauschs mit schneider@connection.de kein einziges Mal www.connection.de angeklickt zu haben. Zudem: Wer den Namen »Wolf Schneider« googelt, stößt an dritter oder vierter Stelle auf mein Webtagebuch. Wer uns verwechselt, ist als selbst schuld und schlampig in der Recherche.
DER Wolf Schneider
Tageszeitungen sind schnell. Als ich das PDF des Artikels zu sehen bekam, war die Seite schon gedruckt. Und was stand da am Ende des Artikels? »Der Deutsche Wolf Schneider ist Autor von Sprach- und Stillehren wie ‘Deutsch für Profis’«:
In «Kredit» steckt das Wort «glauben» (PDF)
Alles klar, antwortete ich, nur … eine kleine Verwechslung: Ich bin nicht der Autor von »Deutsch für Profis«, sondern der von »Zauberkraft der Sprache«.
Die vorigen Mailwechsel waren sehr schnell gewesen. Die Antwort auf diese Mal dauerte ein paar Stunden. Sie lautete: »Au wei. Da hoffe ich bloß, der andere Schneider sieht das nicht.« Ich war also der falsche Wolf Schneider. Er wollte DEN Wolf Schneider, nicht mich. Er ist nach dem berühmten Namen gegangen, nicht nach der Qualität des Textes – den hatte er ja, ohne Abstriche, als »wunderbar« angenommen, weil er glaubte, er sei von IHM.
Wer keinen Namen hat …
So geht es nicht nur mir. Wer »keinen Namen hat«, wird nicht gehört, egal welche Qualität die Aussage hat. Wenn ich der SZ, der Zeit, dem Spiegel Texte von mir angeboten hatte, erhielt ich nicht einmal eine Antwort. Auch wenn es ein Interview mit Raissa Gorbatschowa war, mit close up Fotos von ihr und ihrem Mann, aufgenommen während des ersten »State of the World Forum« in San Francisco. Text: erste Sahne, nicht schlechter als der hier genannte Text für den Tagesanzeiger. Im Gegenteil: noch wesentlich besser, meine ich. Trotzdem keine Antwort. Man machte sich nicht einmal die Mühe einer Ablehnung, die doch per eMail nun wirklich kein Aufwand ist. Auch wenn ich der SZ einen Leserbrief schreibe, erhalte ich keine Antwort und natürlich auch keinen Abdruck, dabei brauchen sie da nicht einmal ein Honorar zu bezahlen (der Tagesanzeiger hat mich mit 500 CHF honoriert). Angst vor einer Verwechslung? Wohl kaum. Es wäre doch ein leichtes, mich als Herausgeber von connection zu identifizieren oder mit meinem Geburtsjahrgang (er ist 1925 geboren, ich 1952), um nicht mit IHM verwechselt zu werden.