Sonntag,
19.
Juli
2009
Sei bedeutend!
Wie meine Eltern meine Sinn-Suche prägten
Gestern habe ich über meinen Vater geschrieben, heute schreibe ich über meine Mutter. Ein Spruch von ihr, den sie in ihrer ironischen Art gerne zum Abschied sagte, war: »Sei bedeutend!« Vor allem, wenn ich für längere Zeit wegging, sagte sie das – grinsend – und erwartete, dass ich zurückgrinsen würde.
Typisch!
Mein Vater war in unserer Familie »der Bedeutende«. Er war Universitätsprofessor und international anerkannter Wissenschaftler, weltgewandt und charmant im Umgang mit Frauen wie Männern aller Generationen und Nationen. Er war nicht nur in seinem Fach anerkannt, sondern auch beliebt. Und meine Mutter war – seine Frau. Auch sie hatte Freunde, aber weitaus weniger. Auch sie genoss Anerkennung, aber weitaus weniger. Vor allem war sie die Frau ihres bedeutenden Mannes und Mutter von uns drei Kindern. Sie hatte ihr Studium einst aus gesundheitlichen Gründen abgebrochen, während mein Vater es zum Abschluss brachte (in Göttingen, kurz nach dem Krieg). Dann begann er seine wissenschaftliche Karriere, während sie drei Kinder groß zog.
Dekonstruierender Spott
Das ist natürlich noch nicht die ganze Wahrheit, die alles erklärt, sondern dies sind nur ein paar Puzzleteile im Gemälde unserer Familie. Auch meine Mutter ist bzw. war (sie ist jetzt 85) begabt und intelligent, aber sie ist langsamer, erdiger. Und sie hatte ihre Art, sich über die Berühmtheit ihres Mannes lustig zu machen – die Worte »Sei bedeutend!«, die sie so oft und so verschmitzt zu ihrem Sohn sagte, dem einzigen Sohn der beiden, gehörten zu dieser Belustigung. Und obwohl das eine Macke von ihr war und ich Stereotype nicht mochte, teilte ich mit meinen beiden Schwestern den subtilen Spott über die Berühmtheit des Vaters – den er in seiner Art übrigens mitmachte und so auch noch schürte. Zumindest teilweise war er mit seiner Selbstironie und Kritik an Blasiertheit jeglicher Art sogar die Ursache davon, was ihn natürlich noch unangreifbarer machte. Den Spott über die Nichtigkeit seiner Bedeutung lies dies jedoch nicht versiegen.
Aufbruch
Kompliziert, das Ganze? Das sind wohl alle Familiensysteme. Eine der vielen Folgen dieser Konstellation war jedenfalls, dass ich mich, um meinen Vater zu toppen (jeder Sohn versucht das früher oder später), als noch unbedeutender, oder besser: als noch mehr über jede Bedeutung erhaben zeigen musste. Sonst wäre ich vor den grinsenden Augen meiner Mutter und Schwestern durchgefallen. Ich brach also das Studium ab und verließ das Land und den Kontinent als Aussteiger und Auswanderer, der »die Schnauze voll hat von alledem«. Ein Kulturflüchtling, aber auch Aufbrechender zu neuen Ufern, neuen Horizonten, vielleicht neuen Bedeutungen oder Wohnstätten im Land der Unbedeutendheit.
Suche
Schon während der letzten Gymnasialjahre, dann während der vier Jahre Philosophiestudium war neben der Ethik (für mich war das: die Theorie der Motive menschlichen Handelns) mein Hauptinteressengebiet die Darstellungstheorie, also die Theorie dessen, was überhaupt Bedeutung haben kann. Hätte ich auf dem Gebiet einen Prüfer gefunden für eine Magister- oder die Doktorarbeit, dann hätte ich wahrscheinlich mein Studium abgeschlossen und wäre vermutlich erst dann nach Asien gepilgert als dann nicht mehr ganz so abtrünniger Aussteiger. So aber blieb ich vorerst allein mit meiner Suche nach dem, was etwas bedeutet und was überhaupt etwas bedeuten kann.
Sein oder bedeutend sein
Erst viele Jahre später kam ich in dieser Frage zu einem vorläufigen Fazit. Erstens: Eine der wichtigsten Grundunterscheidungen in der Welt ist die zwischen sprachlichen und nichtsprachlichen Objekten (oder Ereignissen). Zweitens: Jedes Objekt, auch die nichtsprachlichen, können Bedeutungsträger werden (das heißt, zu sprachlichen Objekten werden) und auch die sprachlichen »sind etwas« ohne ihre Bedeutung. Drittens (und hier wird es ein bisschen ‘spirituell’): Auch der Mensch, jeder Mensch, ist Bedeutungsträger und damit Partikel einer Sprache; zugleich »ist« er einfach, hat also auch Eigenschaften, ein Wesen, eine Natur oder Existenz ohne irgend jemandem irgend etwas zu bedeuten. In Abwandlung des berühmten Hamlet-Spruchs heißt das: Sein oder bedeutend sein, das ist die Frage! Wobei mein Herz natürlich auf der Seite des Seins war, des simplen, von allen Bedeutungen entkleideten Seins.
Abschied mit Dank
Habe ich diese Erkenntnis meiner Mutter zu verdanken? Oder urursächlich meinem Vater, der ja Anlass dieses Spruchs meiner Mutter war? Auf beide Fragen: Ja und Nein. Jedenfalls fügen sich die hier genannten Eigenschaften meiner beiden Eltern so schön in die Geschichte meiner Selbsterforschung und meines philosophischen Werdegangs, dass es schade wäre, diese Brücke nicht zu bauen und auf ihr hinüber zu spazieren. Ich gebe mit dieser Herleitung meinen Eltern und mir Bedeutung, die ohne diese Herleitung nicht gegeben wäre oder von einem anderen Beobachter erst gegeben werden müsste. Ich bin also auch in der Hinsicht bedeutend (und damit folgsames Kind meines Vaters) und bedeutungslos (und damit Kind meiner schmunzelnden Mutter). Und indem ich mich auf keine der beiden Seiten schlage, befreie ich mich von beiden Seiten und Eltern und bedanke mich damit zugleich für meine Herkunft und den Witz, den sie mir mitgegeben haben, dies zu verstehen.