Samstag,
4.
Juli
2009
Treue
Gebot oder Verbot? Was Monos und was Polys dazu meinen
Ich bin gerade am Fertigstellen unseres aktuellen Tantra-Specials zum Thema »Dich alle liebe ich!«, in dem unsere Autoren die polyamore Lebensweise der konventionellen monogamen gegenüberstellen. Dabei treffe ich auf verschiedene Interpretationen der Tugend der Treue.
»Treue ist eine Tugend, die die Verlässlichkeit eines Akteurs gegenüber einem anderen, einem Kollektiv oder irgendeiner Sache ausdrückt«, schreibt die Wikipedia dazu. Fokussiert auf die Liebesbeziehung wäre das die Verlässlichkeit gegenüber meinem Liebespartner (oder meinen Liebespartnern). Worin sollen wir denn verlässlich sein? Je nachdem. Ich könnte zum Beispiel darin verlässlich sein, dass ich dich (oder euch) weiterhin liebe; das wäre die positive Definition. Etwas, das es gibt und das gefällt oder gut tut, soll so blieben, darauf möchte mensch sich verlassen können.
Man kann Treue aber auch negativ definieren: als die Verlässlichkeit, andere nicht zu lieben; das ist die in unserer Gesellschaft übliche Definition. Man meint damit etwas, von dem man nicht will, dass es eintritt: Die Untreue soll nicht eintreten. Ob der positive Inhalt des Treueversprechens (das Gebot gegenüber dem Verbot) erhalten bleibt, scheint den meisten Leuten egal zu sein, das Verhindern einer Untreue ist ihnen wichtiger.
Sei mir nicht untreu!
»Ich bin ihm seit zehn Jahren treu«, sagt eine Frau und meint damit, dass sie seit zehn Jahren mit keinem anderen Mann mehr Sex hat. Ob sie in all den Jahren mit ihrem Mann Sex hat, ob sie ihn überhaupt liebt, ist damit nicht gesagt. Nur: Mit keinem anderen hat sie Sex! Sie hat das Verbot nicht übertreten, aber ob sie das Gebot eingehalten hat (wenn das Treueversprechen denn eins war), das bleibt dabei offen.
Ich kenne keinen Menschen, dem Treue egal ist. Vielen ist das Verbot sehr wichtig: Du sollst mit keinem anderen (Sex haben, dich verlieben oder, wie bei Desdemona, ein Taschentuch verlieren)! Aber was wird mit mit mir, wenn »mit keinem anderen« dies oder das tust? Was, wenn du deine Gunst auch mir nicht schenkst, nützt mir deine Zurückhaltung gegenüber anderen kein bisschen.
Sei mir treu!
Mir ist es viel, viel wichtiger, dass deine Liebe zu mir erhalten bleibt, als dass du sie keinem anderen schenkst. Wenn es dir gut tut, sie anderen zu schenken, dann schenk sie, aber bitte erhalte dabei deine Liebe zu mir! Das ist mein Wunsch nach Treue. Ich nenne dies die positive Definition, und ich meine, dass sie mehr Glück bringt als die negative. Sie hat dieselben Vorteile, die das positive Denken gegenüber dem negativen hat: Sie fokussiert auf das Positive (deine Liebe zu mir) und fördert es dadurch. So besteht die Chance, dass das Negative (deine Liebe zu anderen) durch Nichtbeachtung verkümmert wie ein Pflanze, die man nicht gießt.
Andererseits: Schade, um die nicht gegossenen Pflanzen, es könnten ja auch sehr schöne darunter sein, nicht nur Unkraut. Vielleicht sind deine anderen Liebesbeziehungen ja gar keine störendes Unkrauts, sondern tragen zu deinem Lebensglück bei. Dann wirst du umso glücklicher von ihnen immer wieder zu mir zurückkehren, so dass auch ich von diesem Glück profitiere.
Das Unbewusste löscht das Nein
Millionen von Paaren lieben sich nicht mehr, in beiden Bedeutungen: Sie lieben sich selbst nicht mehr und einander nicht. Aber sie sind einander insofern treu, als sie ihre Liebe auch keinem anderen schenken. Sie haben einen hohen Zaun um den Garten ihrer Liebe gezogen, die Beschäftigung mit dem Zaun aber hat sie den Inhalt des Gartens vergessen lassen. So haben sie das Untreue-Verbot eingehalten (»Du sollst keinen anderen lieben außer mir«), das Ergebnis aber ist ein sehr trauriges. Sie haben das Verbot einhalten, und dabei das Gebot vergessen; vielleicht weil es nicht im Fokus ihrer Aufmerksamkeit stand, dass Treue auch ein Gebot sein könnte: die Aufforderung, etwas Gutes zu erhalten.
So wie ein Mensch, der sich darauf fokussiert nicht krank zu werden, leichter krank wird als einer, der es darauf anlegt gesund zu bleiben, denn die Ausrichtung der Aufmerksamkeit schafft Wirklichkeiten. Das Unbewusste kennt keine Negation, sagen die NLPler dazu. Es löscht das Negationszeichen einfach, so wie wir es in vielen sprachlichen Floskeln auch tun, nicht wahr? Es ist wahr, will ich damit sagen, und die Folge ist: Wer es darauf anlegt, »nicht krank« zu werden, erteilt dem Unbewussten damit die Botschaft krank zu werden, denn das »nicht« wird dabei gelöscht. Sagen diese Therapeuten. Das ist nicht völlig richtig, meine ich, sonst hätte auch die Aufforderung, nicht bei Rot über die Kreuzung zu fahren viele Unfälle zur Folge, aber es ist doch was dran, meine ich.
Definitionshoheit
Die polyamor Liebenden sollten das beachten: Es geht hier um die Definitionshoheit des Begriffs »Treue«. Den scheinen die monogam Liebenden für sich gepachtet zu haben, so sehr, dass es ihnen sogar gelungen ist, ihre Negativ-Interpretation – die Fokussierung auf das Verbot – den Polys aufzuzwingen, die das Wort nun auch brav im herkommlichen Sinn verwenden: Treue heißt, etwas nicht zu tun.
Zurück zur Definition im meist benutzten Lexikon unserer Zeit: Treue ist die Verlässlichkeit eines Akteurs. Worin soll er verlässlich sein: darin etwas zu tun oder darin, etwas nicht zu tun? Auch von einem Finanzverwalter oder Fondmanager würde ich in erster Linie wollen, dass er das Geld gut verwaltet, es gut einsetzt oder gut anlegt und nicht, dass er nicht betrügt (oh Gott, bei dieser dreifachen Verneinung kommt auch mein Unbewusstes kaum mehr mit). Eine Million falsch angelegt ist schlimmer, als 10.000 von der Rendite betrügerisch aufs eigene Konto überwiesen zu haben; und das, obwohl Geld viel eher ein Nullsummenspiel ist als Liebe.
Liebe ist kein Nullsummenspiel
Wenn ich mir Loyalität wünsche, dann wünsche ich mir, dass du zu mir stehst und nicht, dass du anderen deine Hilfe und Unterstützung versagst. Ich wünsche mir reich zu sein und nicht, dass andere arm sein mögen. Ich wünsche mir geliebt zu werden und nicht, dass (auch) anderen deine Liebe versagt bleibt. Ich möchte, dass ich viel bekomme (Liebe, Essen, Freiheit) – ob irgend jemand mehr von dem bekommt, was ich begehre, ist mir, wenn ich genug bekomme, fast egal.
Liebe ist kein Nullsummenspiel. Sie ist kein begrenzter Kuchen, der zwischen den Hungrigen aufgeteilt werden müsste. Je mehr man von ihr gibt, desto mehr wächst sie. Mit der Zeit ist es etwas anderes, sie ist begrenzt. Der Tag hat nur 24 Stunden, das Leben nur 70 oder 80 Jahre. Diese Stunden, Tage und Jahre kann ich nicht mit allen verbringen, da braucht es Entscheidungen, Einschränkungen. Wem ich wie viel von meiner kostbaren Lebenszeit schenke, ist wichtig, aber es ist noch nicht alles. Insofern Liebe mehr ist als nur Zeiteinteilung, gilt: Je mehr davon, desto besser!