Dienstag,
28.
Juli
2009
Zeit für was Neues
Nach den Spielregeln der seriellen Monogamie
Anfang Juli war im Zeitmagazin in Martensteins Kolumne Genaueres über die Regeln der Partnerwahl in Amerika zu lesen (zugleich auf Zeit online). Grad als wir unser Heft über Polyamorie fertig machten – das passt. Wie die Hand in den Handschuh. Oder eher: wie die Faust aufs Auge?
Das Buch, aus dem Martenstein hier die Regeln anführt, heißt »The Rules«. Es ist schon 1995 erschienen und war wohl mal auf der New York Times Bestsellerliste eine Zeitlang die Nr. 1. Es hatte also beträchtliche Resonanz (Oprah Winfrey: »The Rules isn’t just a book, it’s a movement«), und wenn man die Webseite von The Rules ansieht, merkt man, dass es ernst gemeint ist. Also kein Witz, sondern eine ernsthafte Beschreibung der Regeln, die Beziehungssuchende anwenden »müssen«, so meinen die Autorinnen, um beim Dating Erfolg zu haben. Regeln, die insbesondere die Frau anwenden soll, um einen Mann zu bekommen.
Richtig rein, richtig raus: die serielle Monogamie
Das alles spielt sich ab in Zeiten der seriellen Monogamie, versteht sich. So sehr versteht sich das, dass es hier keiner extra so nennt. So sind unsere Zeiten eben. Man findet durch das richtige Dating den jeweils neuen Partner (der formelle Beginn ist »the talk«, bei dem man Exklusivität vereinbart) und verabschiedet sich von ihm auch wieder auf die richtige Weise durch das »Schluss machen«. Man muss es nur alles richtig machen, dann steht dem Liebesglück nichts mehr im Weg. Wer über das Buch mit den Regeln hinaus noch individuelle Unterstützung braucht, kann ein »dating coaching« in Anspruch nehmen, die beiden Autorinnen sind nämlich »dating coaches«.
Dating – nichts für Amateure
Das Dating ist also anscheinend nicht so ganz leicht, man braucht dafür einen Coach. Offenbar nichts für Naturtalente, sondern man muss wissen, wie es geht. Man muss es lernen und dazu die Regeln kennen: The Rules.
Ich erinnere mich dunkel, dass der Beginn einer Liebesbeziehung einst von Gefühlen geleitet war. Heutzutage ist das offenbar anders. Wer die Regeln nicht kennt, ist verloren. Und wenn man diesem Buch trauen darf, dann sind die Regeln des amerikanischen Datings komplizierter als die Etikette der Beziehungsanbahnung im europäischen Adel der vergangenen Jahrhunderte, von der Renaissance bis ins 19. Und wer nicht nach den Regeln spielt, wird aus der guten Gesellschaft ausgeschieden.
Europa, hast du es besser?
Zugegeben, es gibt immer auch Anarchisten, und Martensteins Kolumnen sind Satiren. Das amerikanische Dating bietet in der Hinsicht reichlich Stoff. In Europa ist es lockerer, aber auch nicht ohne: »Gehst« du mit ihm? Bist du mit ihr »zusammen«? Diese Worte und die solches signalisierenden Gesten wecken Erwartungen – je nach Szene und Herkunft ein bisschen andere, aber alle bestens geeignet, zu Enttäuschungen zu führen, denn meistens werden diese Erwartungen nicht ausgesprochen, und wenn sie dann nicht eintreffen, folgt der emotionale Zusammenbruch, das Ende der Beziehung. Der dann nach einer solo Phase, wieder eine neue folgen darf.
»Nach dem zweiten Date ist der Austausch von Zärtlichkeiten erlaubt. Bei einer sehr hohen Rechnung« (gemeint ist: weit über 100 Dollar) »darf der Mann Geschlechtsverkehr vorschlagen, die Frau darf ohne Gesichtsverlust akzeptieren, selbstverständlich auch ablehnen. Nach dem dritten Date und allen weiteren, die folgen, kommt es üblicherweise zum Geschlechtsverkehr« (Martenstein).
Wie weit sind wir gekommen, 220 Jahre nach den »Leiden des jungen Werther« und dem Siegeszug der Liebesheirat? Zu einer Abfolge von Liebesaffären, die genau geregelt sind, um »erfolgreich« zu sein. Die Liebe als anarchische Kraft? Das war mal. Dionysos, Pan, Eros, Venus? Antike Götter, mit denen wir Heutigen nichts mehr zu tun haben.
Liebe rebelliert
Jede Form der Liebe braucht einen Bezug zur Vertikale, zur Transzendenz
Zeit für eine Ablöse, meine ich. So wie Romeo und Julia gegen die Bestimmungen ihrer Eltern rebelliert haben, Werther gegen die Verlobung seiner geliebten Lotte, Madame Bovary und Effie Briest gegen das Joch ihrer Ehen, so muss heute ein fühlender Mensch gegen das Joch der Dating-Strukturen rebellieren. Es braucht etwas Neues.
Ist die Polyamorie das Neue, das die serielle Monogamie ablösen kann? Zumindest ist sie eine Option. Was auch immer die Form ist, in der die Liebe sich bewegt (ja, sie braucht Formen): Sie braucht einen Bezug zur Vertikale, zur Transzendenz, sonst ist sie nicht mehr als ein verglimmender Funke oder eine Utopie, die sich wie bei Shakespeares Romeo&Julia und unzähligen anderen Erzählungen der Weltkulturen nur im Tod erfüllt.