Donnerstag,
20.
August
2009
Der alte Richter
It’s only the mind – or is it more?
Sommer 1978. Ich bin 25 Jahre alt, seit einem Jahr Sannyasin und lebe im niederbayerischen Purvodaya, dem ersten und damals einzigen Sannyas-Ashram in Deutschland. Ich trage Bart, mein Kopfhaar reicht mir bis fast auf die Schultern, und so oft es geht trage ich eine der luftigen Roben (Prinzip: Die trennen nicht, wie ein Gürtel, in oben und unten) – alles in orange, so war es bei Sannyasins damals üblich.
Ein Tages besucht uns dort ein gesetzter Herr von gepflegtem Äußeren. So um die 60 Jahre alt könnte er sein, und er ist sehr an Esoterik interessiert. Er schreibt wohl auch gelegentlich darüber und liest jedenfalls viel. In einem Adressverzeichnis hat er unseren Ashram gefunden und war nun für ein paar Tage hier zu Besuch, um unser Leben und unsere spirituelle Praxis mitzuerleben. Da ich für Besucher zuständig bin, führe ich ihn durch das Anwesen, einen zum Meditationszentrum ausgebauten großen Bauernhof, den Fongihof. Immer wieder kommt er auf mich zu, fragt höflich, ob ich Zeit habe für ein Gespräch und lässt seine Hochachtung vor meinem Weg durchblicken: das Philosophiestudium in München, die große Asienreise, die Zeit als buddhistischer Mönch, der indische Meister, nun das religiöse Leben in einem Ashram, in dem ich vollzeit unentgeltlich mitarbeite, wie in einem Kloster. Bald kommt er erneut zu Besuch und sagt, es sei wegen mir. Die anderen hätten Bhagwan nicht wirklich verstanden, sie seien geistig dieser anspruchsvollen Botschaft nicht gewachsen, nur ich sei das, niemand sonst im Ashram könne mir das Wasser reichen.
Ehre und Verachtung
Ein Teil von mir saugt diese Schmeichelei begierig in sich auf, sie ehrt mich, andererseits verachte ich ihn dafür. Er ist ja »noch so sehr im Mind«! Er ist hoch gebildet, aber was zählt Bildung schon? Ich habe Philosophie studiert, na und? Warum schätzt er das und die Gespräche mit mir so sehr? Weil er eben spirituell noch nicht so weit entwickelt ist. Da er sich aber auch nur bedingt auf die Meditationen (die ich in Purvodaya damals für Besucher anleitete) und nicht auf Bhagwan einlassen wollte, hatte ich auch nur geringes Interesse an ihm.
Allerdings war er sozial in Deutschland ein hohes Tier. Nun im Ruhestand, war er vorher zweithöchster Richter in einem großen Bundesland gewesen. Verheiratet mit einer Frau, die ihm übelnahm, dass er den höchsten Posten nicht geschafft hatte. Sie hielt auch von seinem Interesse an Esoterik nichts, sondern verachtete diesen privaten Spleen von ihm und ließ ihn das mehr oder weniger deutlich spüren. Jahrzehnte lang hatte er die europäische Esoterik studiert: Kabbbala und Alchemie, die Freimaurer und die Rosenkreuzer, Magie und Tarot und Aleister Crowley und alles das. Ein Lieblingsthema von ihm waren der Golem und die jüdische Mystik, und er war auch fit in fast allem, was die europäischen Dynastien anbelangte.
Geist und Körper
Als ich wegen einem Konflikt mit dem damaligen Leiter im Herbst 78 von Purvodaya auszog, blieb ich mit dem alten Richter in Kontakt, oder vielmehr er mit mir. In Freising machte ich den Taxischein für München, das schien mir geeignet als Lebensunterhalt und erwies sich auch als solcher gut passend. Ich bestand die Prüfung auf Anhieb und wohnte bald darauf in München. Dort kam auch der alten Richter wieder auf mich zu. Er lud mich auch zu sich ein, in seine Heimatstadt, in seine Wohnung und stellte mich dort seiner Frau vor. Trotz meiner Arroganz folgte ich der Einladung, immer noch in der Hoffnung, dass dieses »hohe Tier« in der deutschen Gesellschaft seine Beziehungen spielen lassen würde für meinen Meister, der in Deutschland so verrufen war, oder dass er vielleicht endlich einsehen würde, wie wenig seine Bildung und sein ganzes Wissen zählten.
Inzwischen hatte er Andeutungen gemacht, dass ihn das Eheleben mit seiner Frau nicht wirklich befriedigte (er hatte wohl auch Kinder, die längst erwachsen waren), und dass er sich aufgrund unserer geistigen Nähe zu mir auch eine körperliche Nähe wünschte. Ich wich aus. Er beharrte, und bei einem seiner Besuche ließ er es drauf ankommen: Er hatte sich in einer Pension in der Klenzestraße ein Zimmer genommen, mich dorthin gebeten und wollte nach einigen Umschweifen, dass ich seinen Lingam berühre. Oh … nein, ich wollte nicht. Doch, bitte, nur einmal! Nein. Daraufhin brach er den Kontakt ab.
Es war also nicht nur mein Geist, was ihn angezogen hatte. Thomas Manns »Tod in Venedig« fällt mir dazu ein. Der arme alte Mann! Und ich als Tadzio? Es war mir peinlich. Auch jetzt noch, rückblickend, ist es mir beides peinlich: dass ich seinen Geist verachtet habe, und dass ich seinem körperlichen Wunsch weder nachkam noch imstande war, ihn würdevoll abzuweisen.
It’s only the mind!
Ich war schon so weit, dass ich das nicht mehr brauchte, er verstand das nur nicht
Einmal hatte ich den alten Mann zu meinen Eltern eingeladen. Ich wollte ihnen zeigen, was für ein von der Gesellschaft hoch geachteter Mensch da so große Stücke auf mich gab. Für meine Eltern war Bhagwan nämlich ein gefährlicher Guru, ein Seelenfänger: »Wir haben es doch erlebt, damals«, sagten sie und meinten die Hitlerzeit. Dieser Mann aber, der es in der Bundesrepublik Deutschland so weit gebracht hatte, achtete Bhagwan für seine Weisheit – und mich als Schüler dieses Meisters. Das wollte ich meinen Eltern zeigen. Ich wollte, dass sie mich in deser Hinsicht mehr respektieren. Das Interesse meiner Eltern an diesem Besuch aber war gering. Heute weiß ich nicht mal mehr, ob der Besuch tatsächlich stattfand, oder ob ich es mir nur gewünscht hatte.
Immer wieder sagte der Alte: Du musst schreiben!!! Das Schreiben hatte ich längst aufgegeben. Ich war schon so weit, dass ich das nicht mehr brauchte, er verstand das nur nicht. Über die rein intellektuelle Ebene war ich doch hinaus gewachsen, deshalb hatte ich mit dem Schreiben aufgehört. Ab und zu spürte ich noch ein Bedürfnis danach, aber das verging wieder, so wie das gelegentlich auftretende sexuelle Begehren eines Mönchs, der im Grunde längst auf Sex verzichtet hatte und nun ganz den geistigen Weg ging. Folglich wollte ich mich von diesem Mann auch nicht zum Schreiben verführen lassen, nicht einmal zu langen Gesprächen. Das war doch nur »the mind«, der Kopf, der Verstand, hahaha, nein, das war nichts mehr für mich.
Briefe und Tagebücher
Er aber ließ nicht locker. Da gab ich ihm meine alten Tagebücher, die ich im Alter von 16 bis 22 geschrieben hatte, als ich noch glaubte, mit Worten ließe sich etwas von der Welt und dem Leben wiedergeben oder gar verstehen. Eigentlich hatte ich die längst entsorgen wollen, hatte aber damit gezögert. Würde ich nicht eines Tages dort doch noch Mal reinschauen wollen, so wie man sich im Alter gerne Jugendfotos ansieht? Sie hatten mir doch damals so viel bedeutet. Sie nun ihm zu geben war genau richtig: Da hatte er Futter für seinen Mind, und ich würde nun nicht mehr so viel mit ihm sprechen müssen, ihm gar Briefe schreiben. Die Briefe, ach … er schrieb mir so oft und wünschte sich immer, dass ich ihm antworten würde. Nun hatte er die Tagebücher zu lesen! Aber es klappte nicht mit dem Füttern, er schrieb mir nun noch mehr.
Höflich teilte ich ihm mit, dass ich seine Briefe kaum lesen würde. Ich war doch »damit fertig« – mit diesen Themen, der Philosophie, dem Mind, dem Denken. Er aber schrieb trotzdem, weiterhin. Das Bedürfnis war in ihm so stark, er konnte nicht anders, sagte er. So erhielt ich nun in etwa zweiwöchentlichem Rhythmus 10- bis 14-seitige Briefe, in denen er jeweils einen Abschnitt meiner Tagebücher verarbeitet hatte. Monatelang ging das so. Immer wieder mit der Ermahnung: Das ist so tief, was du da geschrieben hast! Das musst du eines Tages veröffentlichen! Auf jeden Fall musst du schreiben, schreiben schreiben! Es geht so viel verloren, wenn du das nicht tust! Wer ist denn schon diesen Weg gegangen, von der europäischen Bildung in die Stille eines asiatischen Klosters und wieder zurück – wenn du nicht schreibst, wer dann?
Ende der Beziehung
Bald würde ich auch über diese Eitelheit hinaus sein und in glückseligem Schweigen in das Große, Ganze eingehen
Genervt lehnte ich ab. Nein, er war einfach noch nicht so weit, dass er die Sinnloskeit jeglichen verbalen Ausdrucks erkennen konnte. Ich bedauerte ihn. Auf einer Ebene schmeichelte mir seine Geduld, seine Hingabe und Verehrung für mich, aber auch das war ein »Noch« – noch schmeichelte mir das. Bald würde ich auch über diese Eitelheit hinaus sein und in glückseligem Schweigen in das Große, Ganze eingehen.
Er konnte mich nicht zum Schreiben bewegen. Er fand keine Anerkennung für die Verehrung, die er mir entgegen brachte. Schließlich fand er auch keine körperliche Erfüllung seiner Liebe zu mir. Der Brief nach der Brüskierung seines Wunschs nach Sex war sein letzter. Wütend war er, wohl auch, weil es ihm peinlich war, dass er sich so weit entblößt hatte. Die Tagebücher schickte er mir zurück, mein Versuch der Entsorgung war misslungen, und ich schickte ihm, mit einem höflich bedauernden Brief, den großen Stapel seiner Briefe an mich zurück.
Bald darauf erreichte mich die Nachricht, dass er gestorben war.