Mittwoch,
2.
September
2009
Es wird mehr geschrieben denn je
Sprachkompetenz in Zeiten von eMail und Internet
»Ich glaube, dass wir uns mitten in einer Revolution des Schreibens befinden, wie sie nur mit der griechischen Kultur vergleichbar ist«, sagte Andrea Lunsford, die Leiterin der »Stanford Study of Writing« dem Online-Magazin Wired. Die Professorin an der kalifornischen Stanford Universität hatte fünf Jahre lang, von 2001 bis 2006, das Kommunikaktionsverhalten von fast 15.000 Studenten untersucht, mit dem Ergebnis, dass heute mehr geschrieben wird denn je.
Das ist auch meine Erfahrung aus 24 Jahren Redakteursleben und 18 Jahren Unterricht in Schreibkursen: Es wird mehr geschrieben denn je, und zwar vor allem in eMails. Auch auf Webseiten, aber vor allem in eMails. Es wird auch mehr Schriftliches veröffentlicht denn je. Alles das dank Internet. So viel zur These, die neuen Medien würden unsere Schreib- und Lesekultur zerstören. Und es geht hier nicht nur ums Schriftliche: Wer sein Schreiben verbessert, der verbessert fast ausnahmslos auch sein Sprechen.
Aktiver werden
Das Internet wirkt sich insgesamt jedenfalls positiv auf unsere Sprachkompetenz aus. Wir schreiben mehr, wir lesen mehr, und das Verhältnis vom Schreiben zum Lesen hat sich zugunsten des Schreibens verschoben, dank der Interaktivität dieses neuen Mediums. In einem Printmedium einen Leserbrief abgedruckt zu bekommen ist viel schwieriger als die Kommentarfunktion eines Online-Artikels zu nutzen. Als Mediennutzer passiv zu sein war normal. Wer heute noch nur passiv kommuniziert (nur liest und nicht schreibt, nur zuhört und nicht redet), ist »nicht mehr normal«.
Auch die Handys, die ja per SMS eine Botschaftslänge von nur 160 Zeichen zulassen, haben das Schreiben gefördert. Wer keine Flatrate hat, wird aus Kostengründen oft das Simsen einem Telefonat vorziehen. Sich dabei kurz fassen und auf das Wesentliche besinnen zu müssen ist eine gute geistige Übung.
Soziale Netzwerke
Auch die massive Nutzung sozialer Netzwerke hat die Schreibkultur gefördert – Facebook hat mittlerweile weltweit 250 Millionen Nutzer, das ist fast die Anzahl der Einwohner der USA. Man zeigt sich dort nämlich vor allem schriftlich. Klar helfen die Fotos, aber wer dazu Stuss schreibt und etwa die durch ein sexy Foto generierten eMails nicht intelligent zu beantworten weiß, fällt in diesem Medium bald durch. Sprachkompetenz zählte auf dem Beziehungsmarkt schon immer (siehe Cyrano de Bergerac). Heute zählt sie durch das Internet mehr denn je.
Stimmlose Kommunikation
Nichts kann Emotionen so gut vermitteln wie die menschliche Stimme, das ist wohl wahr. Da ein Facebook-Profil aber zunächst mal ohne Stimme auskommen muss, zählen dort die über die Worte vermittelten Gefühle. Ebenso wie in den eMails. Emoticons helfen ein bisschen, können aber ebenso stereotyp wirken wie vorgedruckte Grußpostkarten (solche vorformulieren Grußkarten gibt es ja auch heute noch, im Internet, aber sie wirken dort wie Fossilien).
Bleibt der Selektionsdruck in Richtung auf emotionale Schreibe – und die entwickelt sich tatsächlich, beobachte ich. Die Jugendsprache war schon immer emotional (wenn auch manchmal unterkühlt emotional). Heute ist die Internetkommunikation ganz allgemein emotionaler als die der meisten unserer großen Literaten von damals.
Verbalkompetenz ist gefragt
Das Internet macht allerdings die Präsentation und Kommunikation mit Audio- und Videodokumenten immer leichter – durch neue, leichter bedienbare Programme und durch das immer leichtere Versenden und Herunterladen großer Datenmengen. Dadurch wird der Selektionsdruck auf Bevorzugung von abstrakter Sprachkompetenz wieder etwas nachlassen, vermute ich, ganz verschwinden aber wird er wohl nicht.
Wenn du nicht kopfrechnen kannst, dafür lacht dich heute keiner mehr aus, für das Rechnen haben wir Maschinen. Wenn du dich aber verbal nicht gut ausdrücken kannst und im Dialog nicht schlagfertig bist, dann hast du es heutzutage schwerer als zu Zeiten, da Briefe noch handgeschrieben waren und per Postkutsche oder Postboten transportiert wurden.