Samstag,
19.
September
2009
Wandlungen
Geschichten können Häutungen sein, Geburten, und die erste Erzählung eine Defloration
Als ich 16 war, begann ich zu reisen. Immer allein und meistens trampend. Bis ich 20 war, hatte ich mir auf diese Weise große Teile Europas erschlossen. Nach der Rückkehr fragten mich meine Eltern: Wie war es? Erzähl doch mal! Mein Vater ließ mich reden, wann ich wollte, meine Mutter war drängender: Erzähl doch mal! Warum erzählst du denn nichts?
Oft fühlte ich mich nach dem Erzählen bestohlen. Wie das? Ich erzählte, dann gab es diese Ahs und Ohs, glänzende Augen und den Wunsch nach mehr. Mehr? Ich hatte doch grad so viel gegeben!
Ich war kein professioneller Erzähler; ich konnte nicht erzählen, ohne dabei meine Seele herzugeben. Nach dem Erzählen fühlte mich erkannt, durchschaut, schließlich sogar ausgesogen, und da ich das nicht mochte, hörte ich damit auf. Meine arme Mutter verstand das nicht. Warum konnte er nicht so einfach drauflos erzählen, so wie die anderen Kinder auch? Ich verstand es ja selbst nicht. So wie mir die Leute aus meiner Familie zuhörten, so wollte ich nicht gehört werden, aber ich konnte auch nicht gut genug sagen, was mich daran störte.
»Seelenanteile verlieren«
Heute verstehe ich mehr davon. Heute kann ich erzählen, ohne dadurch »Seelenanteile zu verlieren«, wie es ein Schamane vielleicht nennen würde. Meine Reisen waren mir heilig, sie waren das größte, was ich bis dahin erlebt hatte. Das meiste davon konnte ich nicht sagen, oder nur sehr schwer. Es war zu groß für eine Erzählung oder erschien mir jedenfalls so. Ich litt darunter, dass die Erlebnisse mich hinwegfegten und ich davon doch nur so wenig sagen, ja kaum sie im Gedächtnis behalten konnte. Und bei manchen Erzählungen, vor allem vor gierigem Publikum, hatte ich danach das Gefühl, dass nun die Erzählung des Erlebnisses dieses so sehr überlagert hatte, dass das wirklich Erlebte darunter wie verschüttet lag.
Deflorierte Erinnerung
Aber was war schon »wirklich erlebt«? Jedenfalls hatten meine Erlebnisse etwas Jungfräuliches, ehe sie zum ersten Mal erzählt wurde. Danach waren sie defloriert, und jede weitere Erzählung desselben näherte sich immer mehr der Routine, der Wiederholung, der Erzählung des schon Erzählten und nicht mehr des Erlebnisses selbst.
Mein damaliges Zögern, insbesondere meinen Eltern zu erzählen, was ich erlebt hatte, würde ich heute so erklären: Die Reisen hatten aus mir einen anderen gemacht. Ich war am Ende der Reise nicht mehr derselbe wie zu Beginn. Der Sohn, den meine Eltern für den ihren hielten, war nun ein anderer geworden, aber dieser andere war noch ganz frisch, wie aus dem Ei gepellt.
Der erste Schrei
Eine Erzählung nimmt, um verstanden zu werden, ja immer die Perspektive seiner Zuhörer an. Ich musste also, um für meine Eltern verständlich zu sein, beim Erzählen ihre Perspektive einnehmen, die Perspektive, aus der diese Familie die Welt betrachtete. Das aber war die Sichtweise meines alten Ichs. Aus dieser über das neue Ich zu sprechen, hatte auf dieses Neue eine zerstörerische Wirkung, denn das Alte war stärker – so festgefahren, routiniert und sich seiner selbst sicher war es doch im Vergleich mit dem Zarten, Neuen. Das Neue konnte ja noch kaum atmen, es hatte seinen ersten Schrei in der Fremde getan, unbeobachtet von den Eltern, die in ihrem Sohn doch immer den ihren sehen wollten.
»Am Anfang war das Wort«
Heute würde ich diese Gefühle und Kommunikationsschwierigkeiten mit den Wandlungen der Identität erklären. Erzählung schafft Identität. »Am Anfang war das Wort« heißt für mich heute: Am Anfang einer Identität sind Worte. Und da jeder Identität, jedem Ich-Bewusstsein eine Weltanschauung entspricht, können Worte Welten erschaffen. Zeige mir wie du schreibst, redest, denkst, und ich sage dir wer du bist.
Intimes Tagebuch
Mein Tagebuch war ein intimerer Zuhörer als alle Menschen aus der »alten Welt«. Ich konnte ihm alles anvertrauen, es verriet mich nicht. Die Schwierigkeit, die richtigen Worte zu finden für das, was ich erlebte hatte, die gab es auch beim Schreiben ins Tagebuch, aber dort saugte mich niemand aus. Auch dort staunte mich manchmal über meine eigenen (oder nur vermeintlich eigenen) Worte, aber hier bekam sie niemand in den falschen Hals und machte mir Vorwürfe. Ich liebte mein Tagebuch, es war mein bester intimer Freund.