Sonntag
25
Oktober 
2009

Neuzeit

2 Kommentare

Wir sollten die geschichtlichen Epochen neu benennen

Als ich in den 1960er Jahren zur Schule ging, lernte ich im Fach Geschichte, dass die Neuzeit um 1500 beginnt (genauer: um 1492 mit Kolumbus). Vorher war das Mittelalter, davor das Altertum. Wenn man die Geschichte in drei Phasen einteilt – alt, Mitte, neu – dann ist das Mittelalter in der Mitte, und seitdem haben wir »die neue Zeit«. Mir kam allerdings auch die so genannte »Neuzeit« schon damals ziemlich alt vor. Eine Neuzeit, die mit dem Ende des zweiten Weltkriegs beginnt, hätte ich plausibler gefunden. Heute würde ich sagen: Die neue Zeit beginnt um 1993 mit dem Internet als World Wide Web. Das Neue wird eben mit der Zeit alt. Der Reformator Philipp Melanchthon (1497 bis 1560) war einer der ersten, die den heute aktuellen Begriff der Neuzeit prägten. Er plädierte für 1453 als Beginn der Neuzeit, weil da die Türken Konstantinopel erobert hatten.

Jäger & Sammler, Landwirtschaft, Maschinen

Auch die erste dieser drei Epochen finde ich heute nicht mehr plausibel. Das Altertum ist ein europäisches, andere Kontinente haben andere Epochen früher Hochkulturen erlebt. Außerdem liegen auch vor dieser Zeit große und lange Epochen. Als erste große Epoche würde ich die Menschwerdung bis zum Beginn der Landwirtschaft bezeichnen, also bis vor etwa 12.000 Jahren. Die auf die Laudwirtschaft folgende Phase wäre dann die von Maschinen dominierte, die 1750 in England beginnt und 1900 bis 1950 weltweit. So gesehen wäre die Phase der Landwirtschaft die mittlere Epoche.»Neuzeit« wäre dann die Zeit der Maschinisierung. Wenn man denn bei drei Hauptphasen bleiben will und bei einer solchen Einteilung der Wirtschaft Priorität gibt. Man könnte aber auch mit dem Internet und der Ausbreitung der Personalcomputer (und dann der mobilen Endgeräte) noch eine vierte Phase hinzufügen.

Jedenfalls ist das Mittelalter im herkömmlichen Sinn nur eine kurze Epoche innerhalb der langen Zeit, in der die Landwirtschaft den Menschen und seine Kulturformen bestimmte. Und auch hier wieder stört heute die europäische Definition, ein Mittelalter so wie bei uns gibt es in den anderen Kontinenten nicht.

Auch eine Einteilung nach Kommunikationsformen wäre möglich: Entstehung der mündlichen Sprache (vor ein paar hunderttausend Jahren), der Schrift (vor fünf tausend Jahren), des Buchdrucks (1453), des Radio&Fernsehens (20. Jhd.), des Internets (1993).

Oder man teilt ein in eine Phase der relativ isolierten Kulturen (Amerika, Australien, trotz Seidenstraße auch Ost- und Südasien), die vom europäischen Kolonialismus abgelöst wurde (1492 bis 1960). Dann folgt die globale Kultur, mit verschärfter Globalisierung gegen Ende des 20. Jhd.

Neu und alt

Neu ist die Zeit immer, und das Vergangene ist alt. Was die Neuzeit ist, muss also in jeder neuen Epoche neu definiert werden, und entsprechend braucht es Neueinteilungen der vorangehenden Epochen. Dass heute noch auf den Schulen und Hochschulen die drei Epochen Altertum, Mittelalter und Neuzeit (ab 1500) gelehrt werden, ist so obsolet, wie seit Gutenberg die Klöster, in denen Jahrhunderte lang die Hauptbeschäftigung der Mönche das händische Abschreiben der Bibel war.

Kann es sein, dass ich selbst, in meiner kurzen Lebenszeit und sogar während der Lebenszeit meines Verlages, einen so großen Epochenwandel erlebe, wie der Beginn der Landwirtschaft es war, oder die Industrialisierung? Oder erscheint mir das nur so, weil ich mich dann wichtiger fühle?

Allerdings können wir Menschen uns heute selbst auslöschen, durch einen Atomkrieg oder eine Ökokatastrophe, und mit dem Internet beginnt eine fundamental neue Zeit. Wird dies die letzte große Epoche der Menschheit sein? Wird es einst Historiker geben, die diese Frage beantworten können?

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2 Kommentare zu »Neuzeit«

  1. Vielleicht ist ein Teil der Erklärung hier: http://www.ted.com/talks/david_deutsch_a_new_way_to_explain_explanation.html (leider nur Englisch)

    Viele Grüße!

  2. Hallo,

    danke für deine Zeilen…..ich war zuerst irritiert,bis ich herausfand dass die von dir beschriebenen Zeiten von der christlichen Zeitrechnung ausgehen.
    Global gesehen ist diese Betrachtungsweise natürlich nicht haltbar. Die Muslimische Zeitrechnung ist nun mal wesentlich jünger. Ein Kriterium dass massgeblich die Entwicklung der Menschen die ihre Spiritualität in dieser Religion finden, beeinflusst.
    In Übereinstimmung mit einer globalisierten Welt wäre es durchaus angemessen eine Neuzeit zu benennen und diese an der technischen Entwicklung des www zu definieren………..
    Für mich ist dieser Epochenwandel etwas ganz aussergewöhnliches, weil in immer kürzeren Zeitabständen jahrhundertalte Strukturen sich verändern……zwei beispiele, wir haben einen bekennenden Schwulen Aussenminister während es immer noch Länder gibt in denen eine solche sexuelle Ausrichtung die Todesstrafe steht. Wie wird die Welt darauf reagieren?……… in Marokko, als erstes islamisches Land, dürfen Frauen nun den Koran lehren, war ein langer Weg dahin…………………..
    Mir erscheint es wesentlich was ich daraus mache in eben dieser Zeit zu leben, was mein Beitrag dazu ist…………………

    eine Gute Zeit in dieser Zeit
    Nadia A.

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