Mittwoch
18
November 
2009

Pseudoguru

2 Kommentare

Be a leader! Womit auch immer

Ich habe entdeckt, dass ich Deutschlands führender Pseudoguru bin. Wie das? Ganz einfach: Meine Marketingabteilung sagte mir, ich müsse mich endlich gründlicher mit meinem Alleinstellungsmerkmal beschäftigen, sonst stünde es schlecht um die Zukunft unseres Verlages. Guru, Spiritualität, Mystik, Aufklärung, alles schon besetzt. »Pseudoguru« aber noch nicht! Hab das grade gegoogelt. Da ist wirklich noch nicht viel los. Damit müsste es leicht sein, in die pole position zu kommen und die Führung in dieser Marktnische beanspruchen zu können. Also: nichts wie hin …

So, nun bin ich da. Auf Jetzt-TV.net zum Beispiel werden eine Reihe von Gurus präsentiert. Ich bin einer davon. Oder eher: Beinahe wäre ich einer von ihnen geworden, aber das Interview, das Wolfram Umlauf, der Inhaber dieser Webseite, damals mit mir führte, geriet, was meinen Teil anbelangt, zu einem gurukritischen Interview. Ich warf diesen Gurus vor, nicht besonders kreativ zu sein mit ihren Auftritten: weiße Kleidung, erhobene Position des Stuhls, Tischchen mit Blumenstrauß, Ramana-Maharshi-Bild … ziemlich einfallslos, fand ich. Was mir die Aufnahme in diese erlauchte Gesellschaft fast vermasselt hätte. Fast – denn der Wolfram war so großzügig, mich trotzdem in diesen Olymp aufzunehmen.

Beinahe ein Guru

Genau genommen bin ich also ein Beinahe-Guru, denn beinahe wäre ich einer geworden. Aber: Beinahe eine Guru, geht das denn? Guru kann man doch nur ganz oder gar nicht sein! Halbwissen ist schlimmer als gar kein Wissen, deshalb ist ein nur halb erleuchteter Guru kein richtiger, sondern nur ein Pseudoguru. Und da ich höchstens halbwegs erleuchtet bin, mehr habe ich nicht geschafft, bin ich also ein Pseudoguru. Aber als solcher bin ich einzigartig! Immerhin das. Oder, anders gesagt, wahrheitsgemäßer: Pseudogurus, die bereit sind, sich also solche zu outen, gibt es sonst nicht. Schade eigentlich. Warum gibt es in dem Bereich so wenig Ehrlichkeit? Andererseits ist das auch wieder gut, denn auf diese Weise komme ich leichter zu einem Alleinstellungsmerkmal. Außerdem, Ehrlichkeit hin oder her … in den anderen Berufen geht es auch nicht ehrlicher zu als im Gurugewerbe.

So tun als ob

Was macht man denn so als Pseudoguru? Ich stelle mir vor, ein Interviewer im Fernsehen kennt diesen Beruf noch nicht und will nun wissen, was man da so macht. Meine Antwort wäre in etwa: Man führt die Leute auf die falsche Fährte. Man tut nur so, als wüsste man Bescheid über diese Themen, die einen als Mensch so interessieren: Vergänglichkeit, Liebe, Weisheit, die Achtsamkeit beim Schuheanziehen … im Grunde ist man aber genauso doof wie alle anderen. Aber irgendwie hat man es geschafft, sich in eine Position der Autorität zu versetzen, und die Leute glauben nun, man wüsste mehr als sie. Das ist hier die Basis des beruflichen Erfolges.

Und wie schafft man es, als Autorität wahrgenommen zu werden, obwohl man genau so doof ist wie alle anderen auch, will der Interviewer wissen. Das ist nicht schwer, antworte ich. Die Leute suchen nämlich alle nach einer Autorität. Eher ist es schwer, sich dem zu entziehen. Wenn ich sagen würde, dass ich nichts weiß, würde mir das keiner glauben. Oder sie würden mich vergiften, so wie Sokrates.


Vorheriger Eintrag: Nächster Eintrag:
 

2 Kommentare zu »Pseudoguru«

  1. Hallo lieber Pseudoguru,

    wie wär es mal mit ner Fastenkur? Den ganzen Eso-Spiri-Guru-Advaita-Tantra-Kram schlicht übersehen?
    Dann gibt es bestimmt bald wieder schöne,niveauvolle, amüsante, tiefblickende, leicht fließende Kunststücke aus deiner “Schreibfeder”…

    herzlich,
    Evelyn ;-)

  2. hallo guten morgen,
    dieser block gefällt mir, noch dazu das aus deinem munde zu hören. dieser genannte spiri-kram hat zum teil ja unsere grossen religionen ersetzt. der glaube an etwas allein ist für mich schon eine autorität.

    lieben gruss sofie

Dein Kommentar

*) Pflichtfelder