Donnerstag,
24.
Dezember
2009
Abheben ist gut, landen noch besser
Es gibt Nüchterne, Religiöse und Ernüchterte
Nicht wenn er abhebt, sondern wenn der Pilot aufgesetzt hat, applaudieren sie, denn Abheben ist leicht. Die wirklich hohe Kunst bei der Steuerung eines Fluggeräts aber ist das Landen. So ist das auch mit den Höhenflügen in der Esoterik, Spiritualität und den Religionen.
Drei Gruppen
Was die religiöse Dimension des Menschen anbelangt, gibt es drei Gruppen. Erstens die »religiös Unmusikalischen« (oder die sich dafür halten, denn niemand ist religiös völlig unmusikalisch). Zweitens die religiös Angehauchten, Berührten, Inspirierten, die Spirituellen und Esoteriker, die »auf dem Weg« sind, die »spiritual seekers«, die Religiösen – im (allerdings seltenen) Extremfall gibt es für sie nichts Wichtigeres als Gott oder ihren religiösen Weg. Drittens die in Bezug auf Religion und Religiöses Ernüchterten. Von der ersten und der zweiten Sorte gibt es viele. Die meisten Menschen gehören in einen dieser beiden Körbe, und es gibt alle Arten von Übergängen zwischen ihnen. Von der dritten Sorte gibt es nur wenige, ich schätze ihren Anteil auf weniger als ein Prozent, wahrscheinlich sind es weniger als ein Promille der Weltbevölkerung.
Einander verstehen?
Die meisten Religiösen (Gruppe zwei) können die Gruppen eins und drei nicht voneinander unterscheiden. Die Unreligiösen (Gruppe eins) halten die Religiösen (Gruppe zwei) für Spinner, verblendet, naiv, fanatisch oder beneidenswert leichtgläubig, und die Gruppe drei, die Ernüchterten, die erkennen sie nicht – sie sind irritiert von ihnen oder übersehen sie einfach; eigene religiöse Erfahrungen haben sie ja nicht, können also die Religiösen und Ernüchterten nicht wirklich verstehen.
Die Chance
Und die Ernüchterten? Man ahnt es schön: Der Autor dieser Zeilen rechnet sich selbst dazu und gibt dieser kleinen Gruppe weltpolitisch eine große Bedeutung. Diese Selbsteinschätzung eines Ernüchterten werden die beiden ersten Gruppen wieder unterschiedlich beurteilen: Die Religiösen halten den Ernüchterten für einen Abtrünnigen, Verräter oder »Gefallenen« (Engel). Die Unreligiösen verstehen ihn nur selten. Die wenigen aber, die ahnen, dass dieser Ernüchterte etwas bewegen kann, weil er die beiden Großparteien versteht (oder wenigstens so tut, als verstünde er sie), die könnten ihm eine Rolle geben als Friedensstifter. Das ist die Chance! Denn der Ernüchterte allein ist machtlos. Die Religiösen sind für ihn die schwierigere Gruppe, weil sie dazu neigen, in ihm einen Feind zu sehen. Die Unreligiösen sind selbst nüchtern, das ist schon mal eine gute Basis für eine Allianz; allerdings sind sie eben nüchtern, nicht »er«nüchtet, sie waren schon immer nüchtern; sie sind profan, sie waren nie Fan; auch sie verstehen also den Ernüchterten nicht wirklich.
Hinwege und Herwege
Manchmal werden Nüchterne religiös, das nennt man dann Konversion oder Gotteserfahrung oder Erleuchtung, der Eintritt in »den Glauben«, der eigentlich kein Glauben ist, sondern eine Erfahrung, nämlich die Erfahrung der religiösen Dimension (auch Atheisten und Skeptiker haben solche Erfahrungen und können dabei durchaus Atheisten Skeptiker bleiben). Das Umgekehrte wäre ein »Fallen aus dem Glauben«, und das kann auf zwei Weisen geschehen. Entweder man betrachtet die religiöse Dimension nun als Irrtum und wehrt sie ab. Oder man kennt sie, behält sie in sich, weiß nun aber auch um die Bedeutung der Landung. Diese wenigen, wieder (aus der Luft) gelandeten oder (aus dem Wasser) an Land Gegangenen, die sich von ihrer Vergangenheit nicht als Irrtum distanzieren, sondern sie würdigen und integrieren, die sind für den Frieden zwischen den ersten beiden Großgruppen – und überhaupt für den Frieden zwischen Menschen – eine Schlüsselgruppe.
Ein, zwei, drei
Zurück zum Abheben und Landen und zur biografischen Dimension. Im Zen gibt es ein paar schöne Bilder dafür. Das eine: Zuerst waren die Berge noch Berge und die Flüsse noch Flüsse (das ist die Phase der Nüchternheit). Dann waren die Berge keine Berge mehr und die Flüsse keine Flüsse (das ist die Phase der Religiosität, die alles umdreht). Zum Schluss sind die Berge wieder Berge und die Flüsse wieder Flüsse (die Phase der Ernüchterung). Oder ein wenig bildreicher: die zehn Büffelbilder (the ten bulls). Dort kehrt der Ernüchterte zum Schluss auf dem Marktplatz heim und ist wieder einer von allen. Zuvor hat er den Büffel – die Erleuchtung – gezähmt und heimgeritten. Er versteht nun die religiöse Demension, ist ihr aber nicht mehr ausgeliefert, ist draußen und drinnen zugleich. Erleuchtung und Ernüchterung sind für ihn dasselbe.
Biografisches
Geht es nur in die eine Richtung, von links nach rechts? Kann man Erleuchtung und Ernüchterung verlieren? Die echte Erleuchtung und Ernüchterung kann man nicht verlieren, nur die relative Ernüchterung und die relative Erleuchtung (die Höhenflüge). Diese Vorgänge sind irreversibel. An den »aus dem Glauben Gefallenen« sieht man allerdings, dass es auch einen Schritt vom Glauben zur Ungläubigkeit gibt, der keine Weisheit impliziert, sondern nur Enttäuschung. Das geschieht, wenn der Glaube ein »belief« ist, kein »faith«, wenn es eher der Glaube an ein zu glaubendes System von Überzeugungen ist, nicht das Eintauchen in eine neue Dimension der Erfahrung. Dann kann man da wieder rausfallen und ist dann manchmal ein erbitterter Gegner der Religiösen, einer der »härtesten Kritiker der Elche« (die waren früher selber welche).
Die Aufklärung
Auch ganze Kulturen können Entwicklungen durchmachen, hin zur Religion und wieder zurück oder auch darüber hinaus. Die Aufklärung und folgende Romantik und Restauration sind solche Bewegungen von ganzen Kulturen. Der Islam habe seine Aufklärung erst noch vor sich, wird manchmal gesagt, vor allem von Menschen, die das Christentum für religiös reifer halten. Wo aber sind hier die Ernüchterten, die Transzendierten? Es sind noch zu wenige, als dass sie weltpolitisch auffallen würden. Die Aufklärung des 18. Jahrhundert in Europa war leider nur teilweise transzendent und hat deshalb einen Rückfall ins naiv Religiöse nach sich gezogen. Sie hat das Individuum politisch ermächtigt und so die moderne Demokratie begründet (die perikleische war ja eigentlich eine Oligarchie), aber sie hat bei dieser Ermächtigung die religiöse Dimension ausgelassen, sonst wäre sie anarchisch-mystisch geworden. So wie die Weisheitswege Asiens es in ihrer Essenz seit Jahrtausenden sind.
Fliegen können
Flugzeuge bauen zu können – überhaupt fliegen zu können, finde ich großartig! Immer wieder staune ich, wenn ich so ein Ding über den Himmel ziehen sehe. Manchmal sitze ich sogar selbst in so einem drin und kann es kaum fassen, wie es vom Boden abhebt und dann – fliegt! Wie ein Vogel! Ja, und dann … möchte ich aber auch irgendwann wieder landen, zurückkehren auf die Erde, wo die Pflanzen und Tiere sind, das Wasser und die anderen Menschen, dort ist meine Heimat. Deshalb finde ich es richtig, dass wir dem Piloten beim Landen applaudieren, und nicht beim Starten.