Freitag,
25.
Dezember
2009
Hochbegabung
Was macht man damit?
Weihnachtstag bei meiner Mutter. Ich fahre im Zug an meinem alten Gymnasium vorbei, wo ich 1971 Abitur gemacht habe. Damals galt ich als »hochbegabt«, umgangssprachlich als »Genie«. Was macht das mit einem? Erwächst daraus eine gesellschaftliche Rolle?
Mit 15 war ich auf dem Gymnasium Starnberg Klassenbester, und mein Klassenlehrer schlug vor, mich von der neunten in die elfte Klasse zu versetzen, zusammen mit zwei anderen, das war in Bayern gerade gesetzlich möglich gemacht worden, hieß »Hochbegabtenförderung«, und wir drei sollten die Ersten sein. Nun wurde das Für und Wider einer solchen Versetzung erwogen, meine Eltern wurden gefragt und auch ich. Eh schon recht jung für meine Klasse, wäre ich nach der Versetzung der Jüngste. Wäre das gut für meine Entwicklung? Würde ich den Stoff der 10. Klasse überhaupt so einfach überspringen oder mir autodidaktisch aneignen können?
Überspringer
Die Entscheidung fiel positiv aus, wir drei übersprangen. Alle drei von uns schafften den Übergang nahezu spielerisch und hatten auch in der Gemeinschaft der neuen Klasse recht gut Anschluss. Ich las die Schulbücher der zehnten Klasse in einem Teil der sechswöchigen Sommerferien durch und war dann in der neuen Klasse von Anfang an wieder Klassenbester. Das Überspringen der zehnten Klasse hatte in meiner geistigen Entwicklung offenbar keine Lücke hinterlassen. Das übliche Absitzen eines Schuljahres erschien mir von da an noch lächerlicher als vorher: Wenn ich in drei Wochen Sommerferien die Schulbücher eines Jahres mir so einfach reinziehen konnte, dachte ich, wozu dann diese ganze »Veranstaltung Schule«?
Gynmasium Oberstufe
Für die drei folgenden Jahre bis zum Abitur verpasste mir das den Ruf, ein Genie zu sein, was auch immer das für den einzelnen, mich so Etikettierenden bedeuten mochte. Meist wurde es nur schmunzelnd gesagt, verdruckst, manchmal anerkennend, bewundernd. Mir war es ein bisschen peinlich. Ich wollte nicht als Genie gelten, ich fürchtete, dadurch ausgeschlossen zu werden aus der Gemeinschaft der Normalen. Noch schlimmer wäre es gewesen, als Streber zu gelten. Also provozierte ich meine Lehrer ausreichend, blieb ab und an vom Unterricht fern, versäumte es, meine Hausaufgaben zu machen und engagierte mich politisch in der antiautoritären Schüler- und Studentenbewegung. Es waren die Jahre 1968-71. Eines unserer Anliegen war, unseren Direktor zu stürzen, den wir für unfähig hielten. Fast wäre uns das fast gelungen. Ich war in der Zeit im Schülerkonvent, und mein Elternhaus war eine der Stellen, wo wir uns in ihrer Abwesenheit trafen, zur Vorbereitung unserer »revolutionären« politischen Aktionen.
Endlich wieder unauffällig
Nach dem Abi trampte ich nach Indien, kehrte dann aber zurück, um an der LMU München das Physikstudium zu beginnen. Außerdem war mir vom British Coucil München ein Stipendium für Oxford versprochen worden, im Studiengang Physik und Philosophie. Oxford aber klappte nicht (der British Council hatte die Anmeldung verschlampt), und so wechselte ich nach zwei Semestern Physik an der LMU zum Hauptfach »Wissenschaftstheorie und Logik«. Dort an der Uni zählte meine – wirkliche oder vermeintliche – Hochbegabung nicht. Ich war nur einer unter vielen, fiel nicht weiter auf und konnte mich mit mir selbst beschäftigen, was ich auch ausgiebig tat. Nach acht Semestern fand ich immer noch keine Befriedigung meines Wissensdurstes und verließ die Uni für eine große Asienreise, auf die ich mich ein Jahr lang vorbereitet hatte.
So eine große Hoffnung!
Die große Asienreise dauerte mehr als zwei Jahre, und als ich nach der Rückkehr wieder mal in Starnberg meine Zähne untersuchen ließ, staunte ich, dass der Zahnarzt, den ich vorher nicht kannte (mich jedenfalls nicht an ihn erinnerte), von mir wusste: »Sie haben doch damals die Klasse übersprungen und dann das beste Abitur Ihres Jahrgangs gemacht!« Er kannte auch meinen Vater, der damals in Seewiesen Direktor eines der Max-Planck-Institute war. Ich war sein einziger Sohn, so begabt und so eine große Hoffnung! Hatte das Physikstudium begonnen, reiste dann aber ab nach Osten, radikal der hiesigen Gesellschaft absagend und allen meinen persönlichen Chancen in ihr. Noch dazu saß ich als Osho-Sannyasin orange gekleidet bei ihm im Zahnarztstuhl, mit der Mala um den Hals. Das irritierte ihn. Wie konnte das sein: Nach diesem grandiosen Start einer Karriere solch ein Absturz? Oder war dieser Absturz eigentlich ein Aufstieg?
»Ihr seid blöd«
Meine gesellschaftliche Einordnung als normal, hochbegabt oder gar genial habe ich in den Jahren nach meiner großen Asienreise nicht weiter beachtet. Erst als »der alte Richter« mich wieder darauf ansprach (in meinem Blogeintrag vom 20. 8. 09 steht dazu etwas mehr), war mir diese Außenwirkung etwas bewusster. Akzeptabel war sie für mich immer noch nicht. Ich verachtete diese Gesellschaft, die Kriege führte, Armut produzierte, die Natur ruinierte und für die Sexualität, Liebe und Bewusstsein keine hohen Werte waren. Folglich konnte ich eine eventuelle Anerkennung von Seiten dieser Gesellschaft auch nicht als Würdigung meiner Fähigkeiten annehmen.
Der Gesellschaft ein Dorn im Auge
Heute beginnt sich an dieser Einstellung etwas zu ändern. An meiner Einstellung zur Gesellschaft und auch an der Einstellung der mich beurteilenden Gesellschaft zu mir, für dich ich dich, gelinde gesagt, eine etwas ungewöhnliche Biografie habe. Vor allem die 13 Jahre (1977 bis 1990) in denen Osho mich stark geprägt hat – in denen ich mich freiwillig und gerne stark von ihm prägen ließ – waren und sind dieser Gesellschaft ein Dorn im Auge. Wenn ich heute von katholischen Institutionen zu einem Vortrag oder Diskussionsbeitrag eingeladen werde; wenn das Gütersloher Verlagshaus (der Verlag von Dietrich Bonhoeffer und eine der Urzellen des Bertelsmann Imperiums) ein Buch von mir über Esoterik herausgibt und bewirbt; wenn ein Kirchenredakteur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mich um einen Text über Weisheit bittet und diesen dann als Einleitung in ein Sonderheft über »Weisheit – das denkende Herz« setzt, das ein christlicher Verlag herausgibt, der gerade dabei ist, sich in transreligiöse Richtung zu öffnen, dann spüre ich diese Veränderung.
Arroganz
Die Veränderung aber geschieht auch in mir. Ich höre Leute über den Afghanistan-Krieg diskutieren und lese die Medienberichte hierzu. Ich höre die Kommentare zur gescheiterten Konferenz in Kopenhagen (sie konnte ja nicht anders als zu scheitern) und die zu Religion, Spiritualität, Wirtschaft, Frieden und die Armut in der Welt, und bin dabei oft verführt zu denken: Spinnen die? Blickt denn hier keiner durch? Warum unternehmen sie nicht einmal den Versuch, ein bisschen tiefer zu blicken? Dann lehne ich mich zurück und denke: Ach, was bin ich arrogant. Warum glaube ich, in diesen Themen einen tieferen Einblick zu haben als andere? Wie eitel von mir, sowas zu denken.
Wut auf die Dummheit der Massen
Aber es bleibt eine gewisse Wut auf die Dummheit der Massen und die sie ausnützenden und steuernden Mächtigen. Ja, Wut! Manchmal nur eine stille Wut, manchmal aber auch möchte ich sie laut hinausschreien oder weine in meiner Hilflosigkeit, so wie grad wieder heute morgen. Da sprach ich mit meiner Mutter über den zweiten Weltkrieg, den sie von Hamburg aus erlebt hat, und in dem sie einen Bruder verloren und einen anderen mit amputierem Bein zurückkommen sah. Dann sprachen wir über den Afghanistan-Krieg, und mir kamen schon nach zwei Sätzen die Tränen. Haben sie denn nichts gelernt aus dem zweiten Weltkrieg? Über die Beschränktheit des Nationalbewussteins, die Opfer- und Täterdynamik und die Lügen des Krieges? »Ab sechs Uhr wird zurückgeschossen«, so hatte Hitler den zweiten Weltkrieg begonnen – mit der Lüge, dass Polen Deutschland angegriffen hätte. Dann der Bush junior Krieg 2003: Saddam habe Massenvernichtungswaffen. Eine Lüge. Die Weltmacht aber propagierte, sich »verteidigen« zu müssen. Der Aggressor und seine Verteidigungslüge, der Mächtige und seine Selbstdarstellung als Opfer, warum spannen sie denn nichts, diese Idioten? Müssen sie denn alles wiederholen, bis zum Ende der Menschheit, bis alles ruiniert ist? Es würde auch genügen, den Umschwung der deutschen Sozialdemokratie zum Nationalbewusstsein im August 1914 zu studieren, um in Wut zu geraten oder in Verzweiflung und den Glauben an die Intelligenz des Menschen zu verlieren.
Verantwortung?
Aber: Bin ich denn intelligenter, ich angeblich Hochbegabter? Und wenn ja, resultiert dann daraus eine Verantwortung für die Gesellschaft, den Menschen gegenüber, die möglichweise mit weniger Intelligenz und Einsicht gesegnet sind als ich? Oder sind es nur meine Arroganz und Eitelkeit, die mir einreden wollen, anderen auf die Sprünge helfen zu können? Andere Menschen sind schöner als ich oder größer, sie können schneller laufen oder besser jodeln, aber wenn es wahr ist, dass ich mit Intelligenz und Einsicht mehr gesegnet bin als der Durchschnitt, muss ich dann nicht auch umso lauter den Mund aufmachen und – ja, schreien! – gegen die Dummheit in der Welt? Nicht nur mein genetisches, auch mein soziales Erbe zählt hier als eventuell verpflichtendes Privileg: dass ich in einem akademisch gebildeten Elternhaus aufwuchs und schon als 14-, 15-jähriger an Grundlagendiskussionen der Seewiesener Wissenschaftler teilnehmen durfte. Oder, noch weiter gefasst: dass ich männlich bin, eurasisch (the white, male, eurasian chauvinistic ego), dass ich in Deutschland geboren Bildung erlangen durfte ohne dafür bezahlen zu müssen, was für ein Privileg!
Untätige Bescheidenheit
Oft halte ich andere Menschen für dumm oder uneinsichtig. Vermutlich bin ich zumindest in dieser Hinsicht ganz normal. Und immer mal wieder macht mich das wütend und besserwisserisch. Selbstbeobachtung ist für Hochbegabte sicherlich ebenso wichtig für alle anderen. Ein hochkompetenter Freund von mir, der ebenfalls publizistisch tätig ist, sagte kürzlich einmal dazu: Schade, dass gerade die Dummen ihre eigene Dummheit nicht sehen können und sich für klug halten. Die Klugen aber können sie sehen, sagte er, und das macht sie bescheiden – oft so sehr, dass sie untätig werden. Gerade die intelligenten Menschen zweifeln an ihrer Intelligenz. Wäre es nicht besser, wenn ihnen mehr Selbstsicherheit – und auch, an passender Stelle: Arroganz – eigen wäre?
Ja, das wäre besser. Dabei mögen die Zweifel an meiner eigenen Kompetenz mich bitte nie verlassen. Ich wünsche sie auch allen anderen, aber in Maßen – nicht zu viel und nicht zu wenig.
Seelenfrieden
Meinen Seelenfrieden kann ich immer wieder auf diese, zugegeben etwas sarkastische Weise, finden: Eine Welt voller dummer Menschen, die sich selbst und ihre Umwelt ruinieren, sich dabei aber als wissend zur Schau stellen, das ist Dummheit pur. Also Weisheit pur, denn die Zurschaustellung von Dummheit ist ein Privileg der Weisen, während die Zurschaustellung von Weisheit ein untrügliches Zeichen von Dummheit ist.
So befriedigt kehrt meine Seele dann zur ganz normalen, alltäglichen Arroganz zurück und handelt, so gut sie kann, nach bestem Wissen und Gewissen – also unvermeidlich besserwisserisch, denn wer nicht glaubt, etwas besser zu wissen als andere, der handelt nicht im Sinne des Gemeinwohls.
Anders gesagt: Ihr Klugen, vielleicht sogar Weisen, lasst das sokratische »Ich weiß, dass ich nichts weiß« in Zeiten des Handelns mal weg. Die Welt wäre eine bessere, wenn die Bescheidenheit zwischen den Klugen und den Dummen gerechter verteilt wäre.
Soweit meine Gedanken im Intercity von München nach Dortmund, am 1. Weihnachtstag 2009. Um mich viele Menschen mit Kindern, Weihnachtsreisende. Teils lesen sie (z.B. die Briefe in die Heimat von deutschen Soldaten, die das SZ Magazin gestern veröffentlichte). Teils träumen sie, teils quasseln sie über dies und das. Es ist Abend, ich bin in Münster, und ich stelle diese Zeilen nun ins Netz. Möge auch meine Mutter sie lesen können.