Sonntag
27
Dezember 
2009

Massentrancen

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Und die Rolle der Außenseiter

In einer Stadt ist das Trinkwasser vergiftet. Alle, die davon trinken, werden verrückt, aber sie wissen es nicht, weil sie alle gleichzeitig verrückt werden. So zu sein, das ist ihre Normalität. Nur einer erkennt diese Verrücktheit, vielleicht, weil er von weit her gekommen ist und der einzige Fremde ist in der Stadt. Wie kann er den Bewohnern klar machen, dass sie verrückt sind? Er muss selbst von dem Wasser trinken, um einer von ihnen zu werden.

Diese alte Sufi-Geschichte schickte mir ein Freund gerade zu, vielleicht weil er meine vorigen Blogeinträge gelesen hatte. Sie erinnert mich daran, wie ich jeden Morgen die Süddeutsche lese, um einer von ihnen zu werden und mich dabei oft frage: Will ich das wirklich?

Abstinenz und das Fastenbrechen

Einige Jahre lang habe ich Nachrichtenabstinenz praktiziert. Dann begann ich allmählich, dieses Fasten zu brechen und habe mir erstmal wieder einige englischsprachige, internationale Medien reingezogen. Schließlich wurde ich in Deutschland sesshaft und lese nun seit einigen Jahren wieder die Zeitung, die auch in meinem Elternhaus jeden Morgen auf dem Tisch lag: die Süddeutsche. Anfangs fand ich nur sehr Weniges in der Zeitung interessant. Hatte beim Lesen immer so ein Gefühl von »Die spinnen, die Römer« (Asterix). Dann robbte ich mich allmählich an den politischen Teil heran; immer mehr davon verstand ich und verfolgte bald die Ereignisse in der Welt wie mit Spannung erwartete Folgen eines Fortsetzungsromans. Heute finde ich oft sogar die Texte auf der ersten Seite der SZ interessant, und nicht nur, weil dort steht, was »die Römer denken«, sondern inzwischen sogar, weil mir diese Themen als wichtig erscheinen. Wichtig? Offenbar habe nun auch ich aus dieser Stadt das Wasser getrunken und bin einer von ihnen geworden. Ich kann sie verstehen, die Römer, ich kann mitreden. Ich bin damit damit aber auch einer der Vergifteten geworden, so wie der berühmt Arzt, der das Mittel an sich selbst austesteten wollte, um an sich die Symptome zu studieren. Dann starb er daran. Aber das ist eine andere Geschichte, hoffentlich nicht die meine.

Sie wissen nicht, was sie da zu sich nehmen

2006 erschien mein Buch »Zauberkraft der Sprache«. Darin versuchte ich die Art, wie solche Vergiftungen geschehen, in einfacher, nicht allzu sehr verzaubernder Sprache zusammenzufassen. Kann einer das verstehen, der selbst vergiftet ist? Das Buch hatte nur mäßigen Erfolg, wie auch die Zeitschrift, die ich herausgebe, nur mäßigen Erfolg hat. Die Massen bewegen sich eben anders als ich. Ist ihr Bewusstsein vergiftet? Wenn man die Ausblendung der Gefahren, denen diese Weltgesellschaft ausgesetzt ist, eine Vergiftung nennen kann, dann ja. Man kann es auch eine Dröhnung nennen. Die Massenmedien vermitteln diese Dröhnung. Die Ernährungsindustrie und die Gewohnheiten unseres modernen Lebens liefern den physischen Teil dazu, so entsteht diese Dröhnung, und die Bedröhnten wissen nicht, dass sie bedröhnt sind. Wer anders denkt, ist ein Außenseiter. Er muss nicht einmal verketzert werden, er ist ja keine Gefahr, er wird einfach überhört. Es gibt ja genug andere, die gefälliger denken und leichter rezipierbar sind als diese Schwierigen, Andersdenkenden. Der Bürger hat die Wahl, und die Infoflut tut das Ihrige.

Die tägliche Kost

Zur Verteidigung der Süddeutschen ist zu sagen, dass sie vermutlich zu den zwanzig besten Tageszeitungen der Welt zählt – soweit meine Einschätzung. Trotzdem ist sie eine Dröhnung. Die von ihr verkündete Meinung ist der von den anderen wirkungsvollen Medien verkündeten Meinung zu ähnlich, sie nährt sich ja aus denselben Quellen: aus dem, was die Nachrichtenagenturen liefern, und hinter diesen prägenden Geschichten und Bildern stehen immer wieder dieselben Begriffe und Paradigmen, durch deren Brille die Welt betrachtet wird von den Massen der Entscheider. Sie entscheiden, was einen Nachrichtenwert hat und was nicht, was begrüßt wird und was nicht. Diese Begriffe, die Prioritäten des aktuellen Wertesystems, die tägliche Kost der Nachrichtenagenturen und die Flut der Pressemeldungen, das ist das Wasser, das die Weltgesellschaft täglich trinkt und das sie alle verrückt macht. Einander ähnlich genug verrückt, so dass sie ihre Verrücktheit nicht bemerken.

Die Massendröhnung

Wie konnte in Europa jahrhundertelang, in einer Gesellschaft, die sich für wissenschaftlich gebildet hielt, der Aderlass als Allheilmittel gelten? Massendröhnung. Wie konnte es sein, dass in der derselben Gesellschaft jahrhundertelang das Trinken von Wasser und der Hautkontakt mit Wasser als gesundheitsgefährlich galt? Massendröhnung. Wie kann es sein, dass heute noch Kriege als approbates Mittel zur Lösung politischer Krisen gelten und die Souveränität der Nationen als unantastbar gilt? Massendröhnung. Die Süddeutsche ist eines der Medien, in denen auch mal Außenseiterstimmen zu lesen sind – gut so. Wird das reichen, um die Massentrancen ein wenig aufzulockern? Kaum. Werde ich genug von dem Gift zu mir genommen haben, um gehört zu werden? Oder wird es zu viel sein von dem Gift, so dass ich nun einer der ihren bin und die Verdrängungen und Ausblendungen der Massen als solche nicht mehr wahrnehme?

Vielfalt

Ich bin nicht der einzige Querkopf, das weiß ich. Wenn ich von »demjenigen« spreche, der die Massentrancen durchschauen könnte, von »dem Fremden«, der in die Stadt der Vergifteten kommt, meine ich alle, die zu einem solchen Durchblick imstande sind. Jeder sieht etwas anderes ein bisschen genauer und kann etwas anderes etwas besser artikulieren, so dass die Massen es verstehen. Wir Außenseiter und Querdenker, die die verschiedenen Stadien der Ver- oder Entgiftung der Zugedröhnten beobachten, wollen gehört werden. Die Vielfalt dieser Stimmen ist wichtig, sie kann eine blinde Masse vor der sicheren Katastrophe bewahren. Wir können uns irren, ist doch klar – aber auch Massen können sich irren, und diese Irrtümer sind gewaltig, weil massenhaft und als solche viel schlimmer als der Irrtum eines einzelnen querdenkenden Außenseiters.

Oder, wie die 68er damals sagten: Scheiße ist gut – Millionen von Fliegen können sich doch nicht irren!

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