Dienstag,
29.
Dezember
2009
Vom Profanen zum Fan
Begeistert zu sein ist normal
Den religiös oder esoterisch Begeisterten misstrauen die Profanen. Meist verstehen sie sie einfach nicht. Dabei ist »Begeisterung« schon der erste Schritt auf dem Weg zur Religiosität.
Das lateinische Wort »Fanum« bedeutet: »ein der Gottheit geweihter, heiliger Ort«. Hieraus haben sich die Worte »Fan« entwickelt, »fanatisch« und »profan« (der vor – pro – dem Heiligen sich befindende Bereich eines römischen Tempels).
Ver-rückt sind die, die draußen stehen
Die Fans von Elvis Presley und den Rolling Stones, vom Apple Betriebssystem und von Schalke 04, was unterscheidet sie von den Fans von Mahatma Gandhi oder Padre Pio? Die Kultobjekte sind verschieden, die Kulthandlungen aber sind einander sehr ähnlich. Dazu gehören die Ausrichtung auf Objekte, Personen und Symbole, das Gefühl der Zugehörigkeit, die Steigerung bis hin zum Fanatiker, manchmal sogar der Umgang mit Abtrünnigen und auf jeden Fall die Begeisterung der frisch Konvertierten. Sogar noch das Wort für die Nicht-Begeisterten, die Pro-fanen, leitet sich ab von dem für das Heilige, das Fanum: Es sind die, die draußen stehen vor dem heiligen Bezirk. Nicht die Fanatiker müssen sich definieren als Ver-rückte, sondern die Nicht-Fanatischen als Un-heilige.
Obsessionen
Ja, begeistert zu sein ist etwas ganz Normales, ebenso die obsessive oder quasi obsessive Ausrichtung auf Personen, Gegenstände, Orte, Zeitpunkte, die als heilig oder unheilig (oder sogar unheilbringend) betrachtet werden und durch diesen Betrachtungsakt zu solchen gemacht werden. Religionen und politische Bewegungen wurzeln in solcher Begeisterung, auch viele künstlerische und andere gesellschaftliche Bewegungen und ebenso die Zuwendung zu einem einzelnen Künstler (»Ich bin ein Fan von xy«) oder Guru oder sonst einer kultisch verehrten Person, wie sie ja auch in Liebesbeziehungen und Autoritätsbeziehungen geschieht.
Ethik
Es macht allerdings einen Unterschied, ob ich ein Fan von Adolf Hitler oder vom Dalai Lama bin. Nicht so sehr vom Kult her, aber von der ethischen Bewertung der Person, der diese Hingabe gilt. In beiden Fällen – wie auch in den anderen solcher Zuwendung – geschehen Hingabe und Herzöffnung, Bewunderung, Loyalität, Treue und der Mut zu Heldentaten.
Mystik
Ob das eine davon »religiös« zu nennen ist und das andere nicht, fällt mir schwer zu beurteilen. Wenn die Hingabe und Begeisterung für das Größere, womit sich der Fan identifiziert, ein Unendliches ist, dann könnte man es eine religiöse Hinwendung nennen. Das trifft dann aber nur für die Mystik innerhalb der Religionen zu (das weitaus meiste an den Religionen ist ja nicht-mystisch), und die Religiosität (weil dem Unendlichen zugewandt) solcher Hingabe gilt dann ebenso für die atheistische Mystik und die Naturmystik, und es kann auch für die Begeisterung eines Wissenschaftlers gelten, der sich der Erforschung der Wunder der Natur verschrieben hat, ähnlich wie ein Mönch sich dem Gebet oder der Meditation widmet.