Sonntag,
10.
Januar
2010
Geheimnis?
Nein, das Gefäß ist das Entscheidende
Wenn in den »esoterischen Bravozeitschriften«, wie ein Freund von mir sie kürzlich nannte, von »Geheimnis« die Rede ist, dann ist damit das Geheimnis der Pyramiden, der Resonanz, der Polarität, des positiven Denkens oder das, was in »The Secret« steht gemeint, und in all den anderen Geheimnis-Büchern, also das übliche esoterische Geschwafel. Mich beschäftigt aber noch eine andere Art von »Geheimnis«.
Nämlich das, wovor die Leute erschrecken, wenn sie ganz platt, direkt und ohne Umschweife damit konfrontiert werden. Das, was wahr ist und wesentlich, aber so einfach und umwerfend, dass es der alltäglichen Wahrnehmung, die ja auf Neuigkeiten aus ist, normalerweise entgeht. Wenn man dann doch einmal darauf stößt, dann kann man es kaum glauben. Etwa das: »Du bist frei!« Wer kann das schon annehmen? Oder so, wie Tucholsky (mein großes Vorbild im Zeitschriftenmachen) es einst formulierte: »Erwarte nichts. Heute, das ist dein Leben.« Das las ich als Student in meiner Bude, und es warf mich um.
»Ich bin die Wahrheit!«
Von dem sufischen Mystiker Al Hallaj heißt es, er habe eines Tages gesagt: »Ich bin die Wahrheit!« Da haben sie ihn gesteinigt. Nur Allah ist die Wahrheit und Mohammed sein Prophet, wie kann einer da sagen: »Ich bin die Wahrheit!«? – das ist doch Gotteslästerung.
Der normale, brave Mensch sagt: »Wir sind alle seine Geschöpfe, wir sind Kinder Gottes.« Wenn dann einer sagt: »Ich bin Schöpfer!« Uhhh, da wird es gefährlich. Da haben sie die Steine schon in der Hand. Wer sich auf dieses Terrain wagt, sollte auf sowas gefasst sein.
Tags und nachts und dazwischen
Heute habe ich wieder die Dämmerung erlebt, morgens und abends. Im Winter sind mir diese Übergänge immer ein bisschen bewusster als im Sommer, weil da die dunkle Zeit länger dauert als die helle und ich auch die Morgendämmerung im Wachen erlebe. Es ist die Zeit des Hinübergehens. Die Menschen sind bei Nacht anders als tagsüber. Rilke hat das sehr schön und eindringlich ausgedrückt in seinem Gedicht »Menschen bei Nacht«:
Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und machst du nachts deine Stube licht,
um Menschen zu schauen ins Angesicht,
so musst du bedenken: wem.Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
das von ihren Gesichtern träuft,
und haben sie nachts sich zusammengesellt,
so schaust du eine wankende Welt
durcheinandergehäuft.
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrängt,
in ihren Blicken flackert der Wein,
an ihren Händen hängt
die schwere Gebärde, mit der sie sich
bei ihren Gesprächen verstehn;
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen.
Zwischen den Stühlen
Wir wissen eh nicht, wer wir sind: Ich und ich und du und wir und ihr … wer ist das überhaupt? Nachts wissen wir das ebenso wenig wie tags, aber nachts gehen wir anders damit um, und an der Schnittstelle vom Tag zur Nacht oder der Nacht zum Tag kann einem »dämmern«, dass das so ist.
Neulich schrieb mir einer, dass ich mir mit meiner Existenz »zwischen den Stühlen« so viel vermassle. Kann sein. Aber da wohne ich, das ist meine Bleibe, dort bin ich mehr ich selbst als auf irgendeinem der Stühle.
Hoffentlich steinigen sie mich dort nicht. Nein, nein, das werden sie nicht tun, heute ist das anders, da darf man sowas sagen. Da überhören sie einen zwar, aber sie steinigen einen nicht mehr. Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter, und das Weltbewusstsein öffnet sich immerhin ein Bisschen, ein kleines Bisschen auch für diese Dimension, die mystische.
Die Inszenierung des Geheimnisses
Was aber ist nun »Das Geheimnis«? Man kann doch nicht immer wiederholen: »Tat tvam asi«! Da halten sie einen für verrückt. Unter anderem deshalb haben die alten mystischen Schulen wohl ein Geheimnis daraus gemacht, in vielen Fällen einen richtigen Kult. Es ist so einfach, wie Tucholsky das ausdrückte, oder noch viel besser und eindringlicher in allen seinen Reden Jiddhu Krishnamurti. Aber da man es so ohne weiteres nicht verstehen kann, ohne innerliche Vorbereitung und langes Warten, haben die alten Schulen aus dem Offenbaren ein Geheimnis gemacht. Da wurde man erst eingeweiht in die erste Stufe, dann in die zweite, und so weiter, so ähnlich wie das heute die Reiki-Leute machen, nur mit noch viel mehr Brimborium. Und dann irgendwann, nach vielen Jahren der spirituellen Disziplin wurde der Schüler wirklich eingeweiht in Das Große Geheimnis: Du bist es! Tat tvam asi! Du bist der Schöpfer – nicht nur ein Geschöpf, sondern beides, Schöpfer und Erschaffener! Erwarte nichts, heute, das ist dein Leben.
Das Geheimnis des Geheimnisses
Wenn man so lange darauf hat warten müssen, dann kann man es vielleicht verstehen. Wenn man es hingegen einfach so gesagt kriegt und es in Millionen von Ratgebern steht, in den Regalen der Thalia- und Weltbild-Buchläden und auf den Tischen dieser Esoterik-Messen, und es kostet nur 8.95 €, als Taschenbuch in der soundsovielten Auflage, da kann man es nicht glauben. Wenn so viele Menschen es schon mit so wenig Aufwand bekommen und viele davon es wohl auch gelesen haben, obwohl es so billig ist, dann müsste die Welt doch heute eine andere sein. Es gibt aber auch heute noch Kriege, Umweltzerstörung, politische, religiöse und private Dummheit, nicht weniger als zu den Zeiten Salomons, also kann das nicht »das Geheimnis« gewesen sein. So einfach kann es nicht sein, sagt der gemeine Verstand, der common sense.
Das Geheimnis des Geheimnisses aber ist wohl das: Nicht die Botschaft ist das Entscheidende, sondern das Gefäß, das sie aufnimmt. Deshalb wird sie so selten verstanden, und deshalb beschäftigen sich die Mysterienschulen vor allem mit dem Gefäß.