Samstag
20
Februar 
2010

Kreativität & Talent

6 Kommentare

Sieben Milliarden Kreative und ich

Habe ich Talent? Bin ich kreativ? Mein Geschreibe oder Gekritzel, meine Fotos, mein Tanz, ist das originell? Oder ist es nur ein Abklatsch von irgendeinem Vorbild, dessen ich mir vielleicht nicht einmal bewusst bin? Wenn bei dir die akute Not des Überlebens nicht gerade alles andere dominiert, fragst auch du dich irgendwann mal im Leben: Bin ich kreativ, originell, ein Unikat – oder nur eine Kopie von irgendwas oder irgendwem?

Als ich 2006 eines morgens las, dass Orhan Pamuk den Literaturnobelpreis bekommen hatte, vor allem für seine Erzählkunst, freute ich mich: Uiii, ER hat ihn bekommen! Wie schön. Er ist ein guter Schreiber, ehrlich, bescheiden und witzig, ein Glücksfall von Autor. Er beschreibt die türkische Kultur so hautnah berührend und dabei insbesondere auch Istanbul, diese quirlige, kosmopolitische Stadt, die ich so sehr mag. Und er ist bereit, für seine Werte einzustehen, ohne dabei aggressiv zu werden.
Aber dafür DEN Literaturpreis der Welt zu bekommen? Ich kenne hunderte anderer, die ihn ebenso verdient hätten. Er hat Glück gehabt, es war Zufall. Die glücklichen Umstände haben ihm den Preis zugespielt, nicht die Qualität seiner Arbeit. Wenn es nach Qualität ginge, hätten hunderte Anderer ebensogut den Preis bekommen müssen. Auch einige der Autoren, die kaum einer kennt und deren Texte ich als Herausgeber meiner kleinen Zeitschrift zu beurteilen habe, hätten ihn verdient. Es gibt so viel Erzähltalent in der Welt und so viel Bereitschaft und Fähigkeit sich sprachlich gut auszudrücken! Ob das grad irgendwelchen Juroren gefällt, ist Glückssache.

Sand auf den Straßen der Großen

Ich meine damit nicht, dass jemand anders den Preis hätte bekommen sollen, Pamuk hat ihn verdient. Aber auch andere hätten ihn verdient, die ihr Talent bereits entwickelt haben und Erzählkunstwerke vorlegen können. Und Millionen anderer gibt es, die verdient hätten, Umstände vorzufinden, die ihr Talent ausgebildet hätten!

Die normalen Umstände in der Welt sind Talentvernichtungsmaschinen. Du kommst mit Talent auf die Welt, dann mahlen diese Mühlen, und wenn sie ihr Werk getan haben, bist du ein paar Körnchen Sand auf einer der Straßen, auf denen »die Großen« ihre Paraden aufführen, ein erloschenes Licht, ein ausgehauchter Lebensgeist, als Individuum gestorben längst vor dem physischen Tod. 
Wenn man die Menschen in Bezug auf ihre Erzählqualität vergleicht, dann gibt es vielleicht nur ein paar Hundert oder paar Tausend, die sich mit Pamuk messen können. Wenn man das Talent vergleicht, das bei dir oder sonstwem als Kind da war mit dem von dem jungen Pamuk, dann stellt man fest, dass es Millionen gibt, die zu solcher Dichtung fähig gewesen wären.

Sie wollen dich kassieren …

Wer lebendig bleiben und eigen sein will, muss zuerst mal den Mut dazu haben, schon als Kind. Zweitens Lernumstände vorfinden, wo dieses Talent ausgebildet werden kann. Und drittens günstige ökonomische Umstände vorfinden, die erlauben, die erlernte Kunst auch auszuüben. 
Als 16jähriger dachte ich an Selbstmord, weil ich Angst hatte, sie würden mich kassieren – sie, die grauen Männer, die alle zu Untertanen des Üblichen machen, zu seelenlosen, angepassten grauen Mäusen, und dann wäre das Leben nicht mehr lebenswert. Ich hatte Angst, die Befreiung aus dieser Seelenvernichtungsmaschine vielleicht nicht zu schaffen. Wäre ich gescheitert, hätte ich mit den Wölfen geheult und mich mit ihnen lustig gemacht über solche wie mich mit ihren verwegenen Ansprüchen. Immerhin hatte ich den Mut aufzubegehren – und so begann meine spirituelle Reise.

The economy, stupid

Das zweite dann, die Ausbildung des Talents, das war hart für mich. Wahrscheinlich ist es das auch für die meisten anderen so. Ich bin Autodidakt in fast allem, was ich tue – jedenfalls im Schreiben und im Verstehen der Sprache und der Welt. Die paar Semester Sprachphilosophie, die ich studiert habe, waren kaum erhellender als geistvernichtend und entmutigend; Aufbau und Zerstörung halten sich da fast die Waage.

Das dritte, die Ökonomie, damit kämpfe ich jetzt. Mein Talent entwickle ich in meiner Freizeit weiter, als Hobby oder Luxus, nur selten werde ich dafür bezahlt. Dem Finanzamt galt mein Schreiben jahrelang als nur ein Hobby; die Einnahmen daraus waren zu gering, als dass die darauf bezogenen Ausgaben hätten anerkannt werden können. Ich lebe nicht vom Schreiben, sondern muss arbeiten, um mir diese kreative Tätigkeit erlauben zu können, ab und zu spät abends, wenn die wichtigen Sachen getan sind, die Geschäftlichen, Notwendigen. Dass ich das Schreiben unterrichte, außerdem Texte von anderen redigiere, eine Zeitschrift herausgebe, das tue ich gerne, aber das ist noch nicht der eigentliche kreative Akt. Ich tröste mich damit, dass auch Mozart und Beethoven als Musiklehrer arbeiten mussten, um sich leisten zu können, ab und zu eine Sinfonie zu komponieren. Ein Leben, das ganz um das Schreiben kreist, wer kann sich das ökonomisch schon leisten?

Trauer und Wut

So weit mein Lamento. Bedauert mich jetzt einer? Oder immerhin du dich selbst? Wer weint mit mir um die Millionen verkannter Genies? Würden diese Tränen irgendjemandem helfen? Trauer ist passiv, Wut die aktive, nach außen gerichtete Seite derselben Energie. Wut ist kreativer als Trauer. Nun also die Wut: Ich bin wütend auf ein System, das so viel Blödsinn fördert und bejubelt und die wirklich Guten, Kreativen verkümmern lässt!
Kein Talent zu haben ist traurig. Talent zu haben, und es nicht ausbilden zu können ist noch trauriger – da hat man am Glück der Kreativität schon mal geschnuppert, darf es aber nicht weiterentwickeln. Talent zu haben, davon zu wissen und darin sogar eine gewisse Ausbildung und Übung erfahren zu haben, dann aber aus wirtschaftlichen Gründen passen zu müssen, das ist das Traurigste – es sei denn, man kann diese Trauer in Wut verwandeln, in eine Tatkraft, die sich nicht beirren lässt vom doch fast immer nur punktuell hereintröpfelnden und nicht immer positiven Feedback.

Weltrevolution der Kreativität
Aber ich bin mit dieser Trauer und Wut ja nicht allein. Die kreativen Talente, deren Ausdruck und Wirkung an der Wirtschaft scheitern, sind Tausende. Sollen sie doch ihre Kreativität auch mal ins Marketing stecken, höre ich von allen Seiten. 80 % davon ins Marketing, das sei das Mindeste, was es braucht, um gute Erfolgschancen zu haben, sagen die Ratgeber. Bleibt ein Fünftel für das eigentliche Werk. Den meisten dieser Werke merkt man das an.
Die Massen der in ihrer Kreativität Behinderten sind aber noch viel größer. Die auf Chancen zur Ausbildung warten, sind Millionen. Die ihr Talent noch nicht entdeckt haben, ihre Eigenheit und Einzigartigkeit, sind Milliarden. Heißt das, dieses Lamento und diese Wut von mir gelten eigentlich nicht der Ökonomie, sondern der condition humaine?
Im einen wie im anderen Falle kommt es wohl darauf an, Weltschmerz in Tatkraft zu verwandeln. Diese Tatkraft kann einzelne Kunstwerke hervorbringen – gut so. Noch besser wäre es aber, mit dieser Tatkraft eine Welt zu erschaffen, die uns bald sieben Milliarden Bewohnern dieses Planeten eine Entfaltung der Kreativität erlaubt, die ebenso künstlerisch, wie ökonomisch und sozial sein kann.


Vorheriger Eintrag: Nächster Eintrag:
 

6 Kommentare zu »Kreativität & Talent«

  1. Hallo Wolf,

    Dieses “Weltschmerz in Tatkraft verwandeln”, so schön das auch klingt und richtiger nicht sein kann,ist zugleich auch eine Schlange, die sich selbst bei jeder Gelegenheit in den Schwanz beißt. Viele Talente, so außergewöhnlich sie sein mögen,scheitern an einer gehörigen Portion Selbstzweifel, die wohl auf die “condition humaine” zurückzuführen ist. Wer etwas schreibt, dichtet oder komponiert, gibt ein gewaltiges Stück von sich selbst Preis und das – ohne melodramatisch klingen zu wollen- in einer Welt, in der man sich oft nicht mal traut, seinem Nachbarn ein schönes Wochenende zu wünschen. Man könnte ja das Gefühl haben, ihm damit zu nahe zu treten.

    Bei genauerer Betrachtung dieses Beispiels kommt einem natürlich ein kleines Lächeln ins Gesicht, so absurd scheint diese Scham plötzlich- und doch ist sie ständig präsent; bei jedem Schnelleinkauf bei Billa, bei jedem Telefonat mit einer fremden Person, bei jeder versehentlichen Berührung in der Straßenbahn begehrt sie auf, diese Scham.
    Sie betrifft natürlich nicht alle Menschen, aber genügend, um ein allgegenwärtiges Gefühl der Entfremdung und des Abstands zu erzeugen.

    Da frag ich mich natürlich:”Wer traut sich das?” Wer traut sich eine Kurzgeschichte zu schreiben und diese dann, sei es nur unter Freunden, vorzulesen? Wer traut sich etwas einfach so in die Welt zu posaunen? Ich weiß, es gibt sie… jene, die sich trauen, die die Schwelle zum Nachbarn überwinden und ein schönes Wochenende wünschen. Leider ist die Zahl derer, die es nicht tun, um einiges größer.Und die brauchen neben Talent und den passenden ökonomischen Bedingungen vor allem Mut- den Mut zur Tat, den Mut Weltschmerz in etwas Positives, etwas Neues zu verwandeln.
    Den Mut, sich diesem Weltschmerz zu stellen und ihn als Inspiration zu sehen.
    In Worten so schön klingend, stellt sich dieser Wunschgedanke oft als sehr schwer realisierbar heraus; denn es ist genau dieser Weltschmerz, diese Entfremdung, diese Furcht vor Zurückweisung, die uns auch daran hindert unser Talent auszuleben.

    Nur so ein paar Gedanken, ergänzend zu deinem Artikel….

    Lg Philipp

  2. Lieber Philipp,

    danke für deine Ergänzung! Ich kenne sie auch sehr gut, diese Scham. Positiv gesehen, hindert sie einen immerhin vor exzessivem Größenwahn (ein bisschen Größenwahn ist ja ganz okay ;-) .
    Die negative Seite aber fällt schwer ins Gewicht: Man traut sich nicht, mit den eigenen Schätzen rauszurücken – sich zu zeigen!

    Wolf

  3. Hi Wolf,

    du schreibst “Trauer” ist die andere Seite der “Wut”.
    Ich empfinde das nicht so.
    “Trauer” ist die andere Seite der “Freude”. “Wut” ist die andere Seite des “Mitgefühls”.

    liebe Grüße,
    Eve :-)

  4. Lieber Wolf,
    gestatte, daß ich auch ein paar Gedanken und Empfindungen zu deinem Artikel äussere.

    Du schreibst:
    “Die normalen Umstände in der Welt sind Talentvernichtungsmaschinen. Du kommst mit Talent auf die Welt, dann mahlen diese Mühlen, und wenn sie ihr Werk getan haben, bist du ein paar Körnchen Sand auf einer der Straßen, auf denen »die Großen« ihre Paraden aufführen…”
    Dies wirkt auf mich wie ein Klischee. Es ist schon so oft und in ähnlicher Weise geäussert worden und ich halte es für unwahr. Dem geäusserten liegt die paradiesische Vorstellung zugrunde, daß im Kleinkind ein ungeheuer reiches Arsenal existiert und ein jedes dies mannigfaltig zum Ausdruck bringen könnte. Wie sähe eine Welt voll mit diesen Fabelwesen aus?
    Dieser Phantasie widerspricht die condition humaine. Nehmen wir eine schwere Geburt, nehmen wir den frühen Tod eines Elternteils, eine Scheidung, oder was auch immer und schon ist es aus mit den 100 Prozent Genies. Ausserdem las ich in der Connection, daß selbst ein erleuchtetes Paar nicht unbedingt ein neurosefreies Kind auf den Weg bringen kann.

    „Sie wollen dich kassieren …“

    Bei diesem Abschnitt dachte ich mir: Was wir als Jugendliche so alles erleben?! Bedrohungen aller Art und wenn wir dann später zur Ruhe kommen,war alles nicht mehr so schlimm – und die Jugendzeit garnicht mehr richtig verständlich.
    Deine Bedrängnis hatte ihre defintive Ursache, war sicher so begründet, ja, aber der Grad an Bedrohung?!

    „Ich bin Autodidakt in fast allem, was ich tue“
    Wer ist das nicht?

    „Bedauert mich jetzt einer? Oder immerhin du dich selbst?“

    Ich besitze auch Talente, habe eines, zwei recht gut entwickelt, wie ich meine (und andere meinen). Es gäbe die Option, eines davon bis zur Spitze zu treiben, etwa so wie Picasso, dessen Hand scheinbar wie von selbst Kunstwerke schuf. Die Hand setzte sich aufs Papier und schon war es geschehen. Doch das hätte seinen Preis und wer weiß, wo man hingelänge.
    Es gab im Bereich der Schachkompositionen jemand, der 20 Jahre massiv auf eine Lösung eines vertrackten Problems hinarbeitete und dann kam ein Novize daher und warf in einem Jahr drei putzsaubere Lösungen aufs Papier.
    Nein, ich bin froh, daß meine Talente sich geregt haben und mir Freude schenken ab und an. Aber ich WILL sie nicht auf die Spitze treiben. Das ist gut so.

    „Noch besser wäre es aber, mit dieser Tatkraft eine Welt zu erschaffen, die uns bald sieben Milliarden Bewohnern dieses Planeten eine Entfaltung der Kreativität erlaubt…“

    Ja, das wäre paradiesisch.

    Lieben Gruß
    Gerhard

  5. Lieber Gerhard,

    mein Text ist ein bisschen kindlich, auch jugendlich (bös gesagt: pubertär), das finde ich auch selbst so. Trotzdem: Ich meine, dass diese »Haltung eines Anfängers« (im Leben) auch ihren Sinn hat und ihren Platz haben sollte – MIT diesem ganzen Idealismus.

    Wer ist Autodidakt? Die meisten arbeiten in Berufen (oder jobben in Bereichen), die sie auf irgendeinem regulierten Ausbildungsweg erlernt haben, da bin ich schon eine Ausnahme. Das einzige solche Formular, was ich “normal” erworben habe, ist der Taxischein für München, und der ist nun nicht mehr gültig.

    Spezialist sein/Generalist sein – hier muss wohl jeder für sich eine passende Lösung finden. Je größer der Markt (jetzt der globale), umso größer die Anreize für weitere Spezialisierung. Trotzdem wollen wir noch selbst unser Handy einrichten können und imstande sein, ein paar Krokuszwiebeln einzusetzen oder einem Kind die Windeln zu wechseln.

    Kreativität, aber wo? Eingesetzt für die Gestaltung des eigenen Lebens, zum Wohle aller, ja, das wäre das Beste …

    :-)
    Wolf

  6. Hallo Eve,

    Ich will dir hier keinesfalls an Stelle von Wolf antworten (könnt ich ja auch gar nicht), an den dein Veto ja eindeutig gerichtet ist ;) aber ich kanns mir nicht ganz nehmen lassen, meinen Senf hier draufzudrücken.. Ich glaub, wenn, wie in diesem Fall, Trauer und Wut als Gegenpole verwendet werden, dann eher von einem psychologischen Standpunkt aus. In der Semantik selbst würden sich “Trauer” und “Freude” vermutlich näher stehen als “Trauer” und “Wut”, wie du ja richtig gesagt hast…

    Aus eigener Erfahrung weiß ich leider (oder zum Glück?), dass sich Trauer, vor allem wenn sie länger andauert, sehr leicht in Wut und Rage verwandeln kann- nämlich dann, wenn man sich innerlich wehrt gegen die Trauer, wenn das sprichwörtliche Maß voll ist, wenn man die Trauer nicht mehr ertragen will/kann- dann wird daraus Wut- und eine ganz schön große kanns werden ;) Leider ist es dann oft auch zu spät, diese Wut für etwas positives einzusetzen… oder hast du da was ganz anderes gemeint und ich verrenn’ mich da?

    Lg Philipp

Dein Kommentar

*) Pflichtfelder