Mittwoch
3
Februar 
2010

Was ist echt?

7 Kommentare

Wie wir uns verführen lassen

Schlimm, was man so alles mit Sprache anstellen kann: lügen, verleumden, einen Meineid begehen, einen Freund verraten, der dadurch seinen Feinden ausliefert wird. Andererseits können wir auch durch wahre Aussagen Menschen vor Gefahren schützen, zur Erkenntnis verhelfen, sie miteinander verbinden und Liebende zueinander führen.

Zwischen den beiden Extremen der guten Wahrhaftigkeit und der bösen Unwahrhaftigkeit gibt es jedoch alle Arten von Übergängen. Manchmal ist das Wahre vom Unwahren, das Echte vom Unechten gar nicht so leicht zu unterscheiden.

Ab in die Maske

Wer im Fernsehen auftreten will, muss vorher in »die Maske«. So nennen Fernsehleute das, was sie vor ihrem Auftritt mit dem Gesicht machen, damit es natürlicher aussieht und zum Beispiel nicht so glänzt. Die Zuschauer wollen Authentisches, also täuscht man Authentizität vor. Auch die Kunsthändler auf den Straßen von Kathmandu arbeiten für ein real vorhandenes Bedürfnis, wenn sie ihren Kunden auf antik gemachtes, künstlich gealtertes Kunsthandwerk anbieten – hier aber ist das Ziel, alt auszusehen, die Kosmetiker hingegen machen lieber auf jung.

Wollen wir wirklich »das Echte«? In den romantischen Phasen unseres Lebens wollen wir das und sind dabei manchmal ziemlich kompromisslos verliebt in die Wahrheit. Dabei ist ein guter Fälscher immerhin ein guter Fälscher und als solcher authentisch. Ein guter Werber ist ein Zauberkünstler, der seinen Kunden ein echt geschöntes Produkt vorführt. Im Idealfalls zeigt er ihnen alle die schönen Seiten, die es wirklich hat! Werbung, PR, Advertorials, Promotion, herstellerfinanzierte Texte, Kundenzeitschriften, Anzeigenblätter, die Werbesendungen im Fernsehen, das auch in Spielfilmen bezahlte Product Placement, alles das gleicht dem Rotlichtbezirk einer Stadt. Wenn auf dem Straßenstrich eine Frau mich mit »Na, du Süßer, ich liebe dich!« anspricht, weiß ich, dass sie das nicht tut, weil sie sich gerade in mich verliebt hat – der Kontext bestimmt die Bedeutung.

Der globale Puff

Mein Drucker sagte mir neulich, der weitaus größte Teil des heutzutage Gedruckten seien Werbedrucke. Das heißt: gekaufte Informationen, keine authentischen. Wir befinden uns also auch hier im Rotlichtbezirk. Die von Werbung zugemüllten öffentlichen Räume in den Städten sind ein Puff – unser ganzes globales Dorf, soweit die Weltwirtschaft es erreicht hat, ist so gesehen ein Puff oder eben einfach ein Marktplatz: Die dort veröffentlichten Informationen sind nicht echt, sondern von Interessenvertretern gekauft. Ebenso schlimm sieht es in meiner Mailbox aus: Nur durch raffinierte Spamfilter gelingt es, dass bei den Botschaften, die ich dort jeden Morgen durchzusehen habe, der Werbemüll nicht überwiegt.

Der Aufschrei, die Klagen, Hymnen und Gesänge echter Kunst sind selten gewordenDer Aufschrei, die Klagen, Hymnen und Gesänge echter Kunst sind selten geworden, denn jeder hat etwas anzupreisen, damit der Rubel rollt. Sogar bei der sich als echt gerierenden Kunst stehen oft Karrieredenken, Anpassungswillen, das Schielen nach einem Kunst- oder Designerpreis oder eine beschönigende Selbstdarstellung als Motiv dahinter.

Echt gut nachgeäfft

Was soll man da machen? Lamentieren oder lieber lachen? Vorschlag: Lasst uns auch bei den Nachahmungen und Fälschungen ihre Echtheit bewundern! Warum suchen wir denn überall nach dem Original? Warum suchen wir so sehr nach Authentizität und beanspruchen auch selbst echt zu sein? Etwas Gutes durch Nachahmung zu wiederholen, ist doch eigentlich eine gute Idee! Alle Vorbilder wirken so, und immerhin vermitteln unsere Schulen vor allem dies: die Fähigkeit gut nachahmen zu können.

Trotz dieser »ganzheitlichen« Sicht bleibt jedoch auch in mir ein Bedürfnis nach Authentizität und Natürlichkeit. Ich will nicht getäuscht, nicht reingelegt, nicht belogen werden. Wer diesen Anspruch nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit auch vor sich selbst gelten lässt, wird auch angesichts einer Welt voller Lügen und Täuschungen versuchen »echt« zu sein: der zu sein, die er wirklich ist, ohne sich zu verbiegen oder zu verbergen.

Hilfe, Hilfe!

Und diese Echtheit ist nicht nur edel und gut, sie kann im Fall der Fälle sogar überlebenswichtig sein. An einem Sonntagnachmittag im Stadtpark fuhren zwei Männer mit einem Boot auf den See. Ausgerechnet der Nichtschwimmer der beiden lehnte sich beim Betrachten der Goldfische so über den Rand, dass er hinein fiel und nun um Hilfe rief. Sein Begleiter griff nach ihm, bekam aber nur die Jacke zu fassen. »Hilfe, Hilfe, ich ertrinke!« Nun griff der überraschend zum Retter Berufene nach dem Haarschopf des Ertrinkenden, aber der erwies sich als Perücke. »Hilfe, Hilfe …«. Endlich bekam er den Arm des Hilflosen zu fassen, aber der stellte sich als Prothese heraus. Wütend rief er zurück: »Wenn du willst, dass ich dir helfe, musst du mir schon etwas Echtes von dir geben!«


Mehr zum Thema Echt? in der Märzausgabe von connection Spirit.


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7 Kommentare zu »Was ist echt?«

  1. Eine sehr schöne Metapher diese Geschichte…. Als ich neulich einen Freund aufsuchte, um mich von dem ganzen emotionalen Müll zu befreien, der sich während der letzten Wochen bei mir angesammelt hatte, tat ich mir anfangs sehr schwer mich zu öffnen.
    Mein Freund erkannte das und reichte mir seine Hand, indem er zuerst etwas von sich erzählte, etwas, das ihn bedrückte… dann konnte ich loslassen und redete. Es war zwar nicht die ganze Wahrheit, aber nah dran… nahe genug, um nicht zu ertrinken ;)

    Beste Grüsse

    Philipp

  2. “Nahe genug, um nicht zu ertrinken”, das ist sehr schön gesagt!
    :-) )
    Wolf

  3. Hallo Wolf,

    Wenn ich mich verstecke, dann tue ich das, um mich zu schützen – vor Verletzung aber auch vor Auseinandersetzung.
    Es gibt Situationen, wo das absolut notwendig ist, vor allem der Schutz, weil ich sonst der Situation nicht gewachsen wäre. Es gibt aber auch Situationen, wo ich mich dadurch selbst verletze, weil ich mich nicht öffne, weil ich mich MIR nicht öffne. Ich nehme mir etwas, wenn ich mich verstecke.
    Es fühlt sich einfach nicht gut an, hinter einer Mauer/Maske zu sein, weder um mich dahinter zu ducken, noch um dahinter hervorzuschießen.
    Wie es sich anfühlt, das ist für mich das Kriterium für mein Echt-Sein.
    Und dieses Echt-Sein muss sich nicht >>gut<< anfühlen. Es kann sehr weh tun, und dennoch ist es das, von dem ich nicht genug bekommen kann.

    Liebe Grüße,
    Hermann

  4. Danke :)

  5. Hallo Hermann,

    ja, auch das sich Versteckenkönnen ist wichtig. Das sieht man zum Beispiel auch in der individuellen Entwicklung, bei Kindern, die zum ersten Mal ein Geheimnis haben, die stolz darauf sind, dass sie es haben und mit wem und es als Auszeichnung empfinden, von anderen in ein Geheimnis eingeweiht zu werden.
    Oder bei der Bedeutung von Diskretion und Intimität, der Wahrung eines privaten Raums, in den nicht jeder reinschauen kann.
    Oder bei den Maskenspielen der Karnevalskulturen und anderswo.
    Zu wissen wo und wann man sich zeigt, wo und wann man sich versteckt, so dass es einem selbst und anderen gut tut, das braucht eben Weisheit (äh … weiter nichts ;-) . Nur das Eine zu wählen (Verschlossenheit oder Offenheit) ist dumm.

    Dieses Spannungsfeld ähnelt wohl auch dem der ewigen Polarität zwischen Separation und Verschmelzung (in den Liebesbeziehungen, aber auch sonst), zwischen Ego und mystischer Erfahrung.

    Wolf

  6. Hallo Wolf,

    Heißt das jetzt, dass du eine bewusste Entscheidung triffst, dich zu verstecken bzw. offen zu sein?
    Ich kann mir oft bestenfalls zuschauen, dass ich echt/unecht bin. Meistens (immer?) komme ich erst durch mich irritierendes Feedback drauf, dass ich vielleicht unecht bin. Und selbst da bin ich mir nie so ganz sicher, ob das Beobachtete meine Wahrheit ist, oder ob der andere jetzt mit meinem Sein nicht zurecht kommt.
    In den Situationen, wo ich potentiell ordentlich verletzt werden könnte, habe ich aber selten Kontrolle über mein Echt-Sein. Erst wenn ich draufkomme, dass ich da gerade eine Schutzmaske aufhabe, kann ich auf die Suche nach meiner Angst gehen, um die Chance auf noch mehr Echtheit zu vergrößern.
    Ich kann also in diesem Zusammenhang mit dem Begriffen Weisheit und Wahl nichts anfangen.

    Liebe Grüße,
    Hermann

  7. Hallo Herrmann,

    ja, leider wissen wir meist nicht, ob (oder wie weit) wir unecht sind. Wenn wir es nicht wissen, können wir es auch nicht ändern. Wenn wir es ahnen – schon besser.
    Wenn man provoziert wird, kann einem das helfen, sich zu vertiefen – falls man dazu bereit ist, und dann dabei nicht zu sehr “re”agiert.
    Dann kann man eine Ebene tiefer fallen. Und noch eine. Und so weiter.

    Wolf

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