Donnerstag
13
Mai 
2010

Hefe im Teig der Gesellschaft

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Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch: an den Rändern der Gesellschaft

Aussteiger können der Gesellschaft besonders dann nützen, wenn sie wieder einsteigen ohne Bitterkeit – ohne das Draußensein ganz aufzugeben, aber auch ohne Ressentiments gegenüber der Heimat, die sie einst, oft aus guten Gründen, verlassen haben.

Ich bin ein Aussteiger und dann doch wieder Einsteiger, diese Linie zieht sich so durch mein ganzes Leben. Im Alter von 16 bis etwa 25 war ich ein Aussteiger, immer gepolt auf: weg, nichts wie raus hier! Die Schule war mir eine Qual. Als ich mit 18 endlich mein Abitur hatte, trampte ich über Land nach Nepal und suchte mir dort einen Job. Blieb dann aber doch nicht im Himalaya, weil mich auch der Studienplatz in München lockte. Mit 22 verließ ich die Uni, mein Land, den Kontinent und alle meine Freunde. Was ich besaß, das war in meinem Rucksack, und damit wanderte ich bald danach auf Borneo in den Wald hinein. Damals war da noch viel Wald und auch noch einige Indigenenvölkchen. Meine Flucht vor der Zivilisation aber endete erstmal dort im Wald durch Gefangennahme seitens eines Außenpostens des indonesischen Militärs. Der Vietnamkrieg war gerade erst zuende gegangen, und sie suchten im Dschungel nach Guerillas, während ich von Sarawak aus illegal die Landesgrenze überschritten hatte. Das Verhör überstand ich gut, musste dann jedoch binnen vier Wochen das Land verlassen. Über Java fuhr ich zurück nach Singapur, von dort trampte ich weiter nach Norden und gab im Frühjahr 1976 in Thailand auch meinen Rucksack auf, meine Kleidung, meine Haare – ich trat in ein buddhistisches Kloster ein und holte mir von nun an das Essen auf der Straße. Jetzt zählte nur noch dies: Ich wollte noch in diesem Leben die Erleuchtung erlangen.

Nichts wie raus hier!

Warum wollte ich nur immer weg, so weit wie möglich? Heute würde ich das so beantworten: Ich fühlte mich gefangen in der Kultur meiner Herkunft, unfrei, manipulierbar. Diese Kultur hatte die zwei Weltkriege erzeugt, den Holocaust, den Kolonialismus und die sexuelle Unterdrückung, mit allen ihren bösen Folgen an menschlicher Grausamkeit. Ein Teil dieser Kultur zu bleiben erschien mir als lebenslängliche Gefangenschaft in einem System der Heuchelei und gegenseitiger Ausbeutung. Würde ich dem nicht entkommen können, dann würde ich bald genauso wie all die anderen in den nächsten Krieg ziehen, aus Verklemmtheit und Sexualneid heraus andere quälen, unterdrücken, verleumden und dabei nicht nur die innere, sondern auch die äußere Natur um uns herum traktieren, die Pflanzen und Tiere, die für mich so sehr Heimat waren. Nein, ein Teil von alledem wollte ich auf keinen Fall sein.

Im Ich gefangen

Meine Eltern, mein Land, meine Freunde und meinen Ausbildungsweg zu verlassen erschien mir deshalb als zwingend. Auch meine Sprache, die würde mich doch nur einengen. Was für ein Jubel, als ich zum ersten Mal feststellte, dass ich in einer außereuropäischen Sprache geträumt hatte (man träumt ja in einer Sprache auch ohne darin direkt zu sprechen) – in Malaiisch. Dann erfuhr ich in den buddhistischen Klöstern meine ersten, stundenlangen Ekstasen, nach denen ich mich immer fragte: Bin ich nun endlich »ganz draußen«? Erleuchtet? Dann las ich in den alten Sutren über die Stufen der Erleuchtung von »in den Strom Eingetretenen« (sotapanna) und »Einmalwiederkehrern« – was für eine Verlockung! Draußen sein, nicht mehr wiederkehren müssen.

Als ich dann, 1977, meinem Meister begegnete, nannte er mich den »Wohlgegangenen«, der das Rad des Leidens verlassen hatte. Oh ja, bitte! Draußen sein aus diesem Rad der Wiederkehr des ewig Gleichen! Das Rad verlassen, das Hamsterrad der Routine und Gefangenschaft im Ich – in dem, wozu einen die anderen gemacht hatten.

Entledigung

Die Folgejahre waren für mich immer noch Entledigung. Das Aufdecken immer neuer Schichten von Anhaftungen, die zu durchschauen und dann abzulegen waren. Ich nahm im Lauf jener Jahre an vielleicht 50 Workshops teil, die alle letztlich nur dieses Ziel hatten: frei werden! Dann ging ich vom Nehmen solcher Workshops über zum Geben – mit immer noch demselben Ziel: frei werden! Von Anhaftungen, Identifikationen aller Art. Für wen halte ich mich denn heute wieder? Der tägliche Reality Check, eine Angewohnheit so wie das morgendliche Zähneputzen.

Die Wende aber war längst geschehen, vom Zunehmen der Anhaftungen zum Abnehmen, ich wurde tatsächlich immer freier, leichter, schlanker, beweglicher, anpassungsfähiger, mitfühlender, einfühlsamer. Da war ich aber noch draußen, dort über den Wolken, wo »die Freiheit wohl grenzenlos« ist. Freiheit, die auch Unverbindlichkeit ist.

Die zweite Wende

Die zweite große Wende in meinem Leben würde ich heute den Wiedereinstieg in die Erdatmosphäre nennen, die Landung. Das Akzeptieren neuer Bindungen. Soll ich sie Anhaftungen nennen? Sie waren anders. Es waren freiwillig eingegangene Verpflichtungen. Sie beruhten auf Entscheidungen, denen reale Optionen vorausgegangen waren. Ich hätte auch anders können, aber ich wollte es so. Damit begann ich im Alter von 32. Das war 1985, das Jahr, in dem die Zeitschrift connection entstand. Sie war nicht als »Gründung« gedacht, als planvolle Bindung, aber ich wuchs mit ihr in immer tiefere, freiwillige Bindungen hinein. Sie waren anders als die alten, denn in ihnen war ich nicht mehr manipulierbar, so wie früher. Nicht mehr steuerbar von außen, so wie damals, an dünnen, unsichtbaren Fäden, derer ich mir selbst nicht bewusst war, sondern nun war ich frei.

Wiedereinstieg

Der Wiedereinstieg bedeutete, vom Besitzlosen wieder zum Besitzer zu werden. Erst war es ein Verlag, dann auch ein Haus, in dem bis zu zwanzig Menschen wohnten. Ich startete ohne eigenes Geld, musste dementsprechend viel Schulden machen und bekam damit Besitz, Macht und Verantwortung. Auch mein Wissen nahm zu, mein Können und meine Bekanntheit. Die Verpflichtungen wurden so viele, dass die Freiheit abzunehmen schien. Relativ zur Zeit der Besitzlosigkeit war meine Macht nun groß, aber auch das Wissen um die die mich beschränkenden Folgen des Machens war groß. Nun war ich wieder drin im System, dem einst so verabscheuten, ich war ein Teil davon.

Aber es brach. Das im Zinsprinzip begründete exponentielle Wachstum muss Zyklen und Linien brechen, und es brach auch hier: Wegen Überschuldung musste ich Privatinsolvenz anmelden und wurde erneut besitzlos. Meine Freiheit nahm dadurch zu: Davor war ich besitzender, heute bin ich besitzloser Manager eines Verlages.

Randgruppe und Mainstream

Bin ich jetzt noch »draußen«, außerhalb dieser Gesellschaft? Bin ich ein Outsider oder ein Insider? Die von mir herausgegebene Zeitschrift bedient eine gesellschaftliche Randgruppe mit einer kleinen, stabilen Leserschaft von zehn bis zwanzig Tausend. Ist das eine Randgruppe? Wir wollten doch nie Lösungen finden für nur einen kleinen Teil der Gesellschaft, der in seiner Auswirkung für die Gesamtheit fast irrelevant ist! Das geht wohl den meisten Randgruppen so. In unserem Größenwahn meinen wir, der Grund für unser Randgruppendasein sei, dass die Massen zu dumm sind, die wirklichen Ursachen ihrer Probleme zu erkennen und entsprechend Lösungen zu finden. Nur wir, »the chosen few«, die auserwählte, kleine Elite seien dazu bestimmt und befähigt. Vielleicht aber ist uns, bescheidener gesagt, einfach nur das Marketing misslungen: Wir wollten die große Masse ansprechen, haben aber nur eine kleine Zielgruppe erreicht? Vielleicht ist es gar eine immanente Eigenschaft aller Gesellschaften: Je größer sie sind, desto mehr »scheißt der Teufel immer auf den größten Haufen«, wie das alte Sprichwort sagt.

Wir wollen rein!

Die Ursache für das Draußensein war in meinem Fall anfänglich die Abscheu vor den Dummheiten der Massen und mein daraus folgender, selbst gewählter Ausstieg. Dann kam eine weitere Dynamik hinzu: Wer sich selbst nach draußen befördert, wird nun als Außenseiter angesehen, und die von ihm geschmähte Masse lässt ihn, ganz im Gegensatz zu der biblischen Geschichte vom verlorenen Sohn, nicht wieder hinein in die alte Heimat. Außerdem wollen so viele von da draußen rein ins vermeintlich Warme: Die aus der Unterschicht wollen aufsteigen, die Afrikaner wollen nach Europa, die Mexikaner in die USA. Die meisten Randgruppen auch innerhalb der begehrten Länder, wie etwa die Spiris (die Ökos sind ja heute gerade im Übergang vom Rand hin zur Mitte) wollen nicht ausgegrenzt sein, nicht erniedrigt und nicht nur geduldet.

Die »Alternativen«

Im Falle der Gruppen von »Alternativen« ökologischer und spiritueller Art (meist sind sie auch sozial, politisch sowie in ihrem Bildungs-, Ernährungs-, und Gesundheitsbewusstsein »andere«) scheint es mir durchweg so zu sein, dass sie gesellschaftlich bedeutender sein wollen als sie sind. Der Mainstream nimmt ein neues Mem (oder gar Paradigma) nur dann auf, wenn dafür massiv Kapital eingesetzt wird, weil ein großes Wirtschaftsunternehmen, ein Global Player sich davon einen Vorteil verspricht. Manchmal auch durch Prominente, die ein Thema pushen, so wie Richard Gere den Buddhismus salonfähiger gemacht hat oder Al Gore dem Klimabewusstsein zum Durchbruch verhalf. Oder durch Skandale oder Märtyrer. Oder durch historische Koinzidenz: »Nichts ist so stark, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist«, sagte einst Victor Hugo – und noch heute hoffen unzählige Randgruppen, dass es nun doch bitte ihre Ideen sein mögen, deren Zeit nun endlich gekommen ist, oder sie verkünden diesbezüglich voller Pathos große Zuversicht.

Wir brauchen Mutanten

Aber nicht nur den Randgruppen selbst ist ihr Randgruppendasein vorzuwerfen: dass sie zu sehr von sich selbst eingenommen sind und davon, mit ihren Ideen die Welt retten zu können und dass sie sich abschotten mit je eigenem Jargon, Kleidung und anderen Identitätsmerkmalen, die ja nur in glücklichen Einzelfällen modischen Chique ausstrahlen und ansonsten eher Misstrauen wecken. Zugleich ist auch dem Mainstream eben dieses Misstrauen gegenüber den scheinbar so Andersartigen vorzuwerfen, denn doch gerade von dort, von den Rändern der Gesellschaft her, kann Rettung nahen.

Dabei mag das Prinzip der biologischen Entwicklung durch Mutation und Selektion als Vergleich dienen: Man braucht ausreichend viele Mutanten, damit eine von ihnen zum Erfolg wird. Die meisten Mutanten taugen biologisch gesehen nichts, sie sind »Freaks«, das heißt: keine Verbesserung, nicht überlebensfähig. Es genügt aber, dass eine einzige der Mutanten das für die veränderten Umweltbedingungen benötigte Merkmal aufweist! Dann hat es sich – biologisch gesehen – gelohnt, solche Vielfalt zu erzeugen, auch wenn das meiste davon Ausschuss ist.

Und was ist es, das diese Vielfalt erzeugt? Sex! Die asexuelle Fortpflanzung erzeugt nur Kopien der Eltern, nur die sexuelle erzeugt eine Vielfalt, die groß genug ist, um immer wieder sich verändernden Lebensbedingungen (Warmzeiten, Eiszeiten, neue Fressfeinde, das Ausbleiben von Nahrungsmitteln) Paroli bieten zu können.

Fördert die Freaks!

Soweit die Biologie. Und die Kultur, kann die das auch? Sie bestimmt uns Menschen heute ja noch viel mehr als die Biologie. Ich meine, dass auch die dominante Kultur (das heißt: der Mainstream) eine große Vielfalt freakiger Mutanten erzeugen muss, damit mindestens eine von ihnen den kommenden Katastrophen gewachsen ist. Dem Sex in der Biologie entspricht in der Kultur zunächst der Flirt der Gegensätze miteinander (das ist in der Biologie die Balz), in deren Spannungsfeld dann durch punktuelle Fusion (Begattung) immer wieder Neues geboren wird. Monokulturen taugen dafür nicht, sie sind in der Kultur genauso katastrophenanfällig wie in der Landwirtschaft und wie die asexuelle Fortpflanzung in der Biologie.

Deshalb bin ich für eine Kultur der Vielfalt von »Alternativen« und dafür, dort einzelne, viel versprechende besonders zu fördern, auch wenn sie dem Mainstreamer zunächst als ver-rückt erscheinen – weggerückt vom Üblichen. Die Verrückten können Gift sein im Organismus einer Gesellschaft (Terroristen, Nazis, religiöse Fanatiker), aber sie können auch einen Vitalstoff darstellen, ein unerlässliches Vitamin, das der Gesellschaft sonst fehlen würde – oder sie können die Hefe sein, die den Teig schließlich aufgehen lässt. In den Gruppen der Außenseiter kann mit der dort erprobten »anderen« Lebensweise die Chance für ein nachhaltiges, glückliches Leben des homo sapiens in seinem Biotop prototypisch heranwachsen.

(Dieser Text steht, mit vielen weiteren Aussteiger/Einsteiger-Berichten, in gekürzter Fassung in der Printausgabe des aktuellen Oya-Magazins)

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