Montag
26
Juli 
2010

Fußball

22 Kommentare

Womit identifizieren wir uns eigentlich?

Neulich war wieder Weltmeisterschaft. Das interessiert mich nicht. Doch, es interessiert mich! Denn es begeistert die Menschen, und so viele von ihnen! Und was viele Menschen begeistert, das interessiert mich. Wir hatten Gäste im Haus, ich stellte ihnen den Fernseher an, es lief gerade Deutschland gegen Argentinien, und in der dritten Minute fiel das erste Tor.

Bitte keine win-win Situationen!

Ein Tor, na und? Wohin rennen sie denn da? Wäre es nicht besser, man gäbe jeder der beiden Parteien ein Tor, in das sie den Ball reinschießen können? So stören sie sich doch nur, denn es steht fast immer einer im Weg. Es könnte doch so leicht sein, ohne Hindernisse, und wir hätten Frieden.

Nein, das wollen sie nicht. Sie wollen Kampf, Wettbewerb, Parteien und Situationen, wo nur einer gewinnt und der andere verliert. Win-win Situationen, die man in der Wirtschaft angeblich erstrebt, die will man im Sport nicht. Da identifiziert man sich mit einer Partei und will, dass diese – und nur diese – gewinnt.

Von links nach rechts, ist das gut?

Damit sind wir beim Thema: Identifikation. Darum geht es. In der ersten Halbzeit wollte ich, dass die mit der einen Trikotfarbe, die von links nach rechts rennen, mit dem Ball ins rechte Tor reintreffen. Nach der Halbzeit war es plötzlich umgekehrt, da liefen die mit derselben Trikotfarbe von rechts nach links, und ich wollte, dass sie ins linke Tor treffen. Ich muss zugeben, dass ich mit diesem Wechsel der Zielrichtung Schwierigkeiten hatte. Erst war es noch gut, von links nach rechts voranzukommen, nun auf einmal von rechts nach links. Ab und zu erwischte ich mich bei dem Gedanken: Eigentlich ist es doch weiterhin ganz gut, wenn die gut vorankommen, die von links nach rechts stürmen und dann vielleicht sogar ein Tor schießen, obwohl sie eine Trikotfarbe haben, die ich zunächst nicht für “die unsere” hielt.

Ich bin flexibel

Meine Lieblingsfarben trug keine der beiden Parteien. Also, warum diese und nicht jene? Weil man mir gesagt hatte, dass diese die Deutschen sind und ich – schon viel früher hatte man mir das gesagt – auch ein Deutscher sei. Also muss ich mit denen mitfiebern. Dabei merke ich, dass meine Loyalität nicht groß ist. Mal gefallen mir diese, mal jene. Mal wünsche ich diesen den Erfolg, mal jenen. In der Hinsicht bin ich eben flexibel, und ich meine sogar, dass unser Fähigkeit, sich mit etwas identifizieren zu können, eine ganz großartige ist und die Freiheit darin, womit wir uns identifizieren, vielleicht die wichtigste Freiheit ist, die wir Menschen haben.

Der gute Zweck

Treu sein können wir trotzdem. Aber wir können wählen, womit wir uns identifizieren und welcher Identifikation wir die Treue halten – beides ist nämlich nicht egal, sondern hat Folgen. Statt einem Fußballclub oder einer Nation können wir uns zum Beispiel auch mit einem wirklich guten Ziel verbinden: der Abschaffung der Genitalverstümmelung, dem Erhalt der Biodiversität, der Förderung von Bildung, Gesundheit, Liebe. Stell dir vor, die Leute würden jedes Mal, wenn wieder tausend ägyptischen Mädchen die Genitalverstümmelung erspart wurde, so jubeln wie bei einem Tor von Deutschland gegen Argentinien – was wäre das für eine Welt!

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22 Kommentare zu »Fußball«

  1. Lieber Wolf,

    vielleicht geht es auch einfach nur darum, das Spiel (des Lebens) wieder als Spiel erleben zu können und nicht als Wettbewerb oder (Überlebens-) Kampf … :-)
    Im Spiel weiß ich, dass es eine Rolle ist und keine Identität (Identifizierung).

    Mit herzlichem Gruß

    Marianne

  2. Liebe Marianne,

    stimmt: Im Spiel wissen wir, das es eine Rolle ist. Mehr oder weniger. Das »Weniger« zeigt sich zum Beispiel, wenn man selbst oder die eigene Mannschaft verloren hat und man dann mies gelaunt ist, wütend, Ausflüchte sucht und Vorwürfe findet, manchmal auch (Hooligans) gewalttätig wird.
    Im besten Fall kann das Spiel eine Übung sein, den »echten Verlust« etwa eines Partners oder Kindes oder des eigenen Vermögens als ein Verlieren in einem Spiel anzusehen.

    Grüße
    Wolf

  3. Lieber Wolf,

    Verlieren (Verlust) schmerzt – egal ob im Spiel oder im normalen Leben. Die Tränen der Spieler sind echt (authentisch).

    Ich glaube, es geht darum, sich (im Spiel des Lebens) mit dem Schmerz des Verlustes (zumindest langfristig) nicht zu identifizieren. Wenn man das tut, dann steckt (nach meiner Erfahrung) immer eine noch nicht geheilte frühere (traumatische) Verlust-Erfahrung dahinter.

    Grüße
    Marianne

  4. Liebe Marianne,

    Du hast sicher recht, aber Du brichst auf halbem Wege ab. Es sei denn, das was mir eben beim Lesen gleich in den Kopf kam, gehört aktuell nicht zum Thema.

    Mein spontan folgender Gedanke ging auf jeden Fall so:

    Sich nicht mit Verlusten jeglicher Art zu identifizieren ist das Eine. Das Zwingend Andere ist unbedingt, sich genauso wenig mit Gewinn, Annehmlichkeiten und Wohlgefühl zu identifizieren.

    Dann wird ein Schuh draus, dann passt es.

    Dann kann sich das Tor zur echten geistigen Freiheit oder auch “nur” zur Gelassenheit und zu innerem Frieden öffnen.

    Aber gemach, obwohl ich der festen Überzeugung bin, dass es so ist, spüre ich überdeutlich meine eigenen Identifikationen, sowie ich mich von etwas berühren lasse. Rührt etwas an meine Seele, sei es Schmerz oder Freude, so bin ich selbst dieser Schmerz oder auch die erlebte, Freude.

    Kritisch wird es erst, wenn ich an dem einen oder seinem Gegenstück trachte fest zu halten, womit ich an Deinen Schlußsatz von der “noch nicht geheilten früheren Verlust-Erfahrung” anknüpfe, allerdings im Positiven wie im Negativen.

    Der erlebte Verlust resultiert doch aus der Sucht nach Gewinn.

    Grüßle, Hermann

  5. Hermann, dann ist es also verkehrt, ein “Wohlgefühl” mit sich durch den Tag zu tragen ?! Bisher war es so, daß ich mich freute, wenn gelungene und schöne Momente mich noch eine Weile wärmen konnten – ich war dankbar ob dieser Fähigkeit, wenn sie denn eintraf. Ab wann ist dies nicht mehr statthaft, ab wann ist es “Identifikation”? Ist es also nicht statthaft, die “Orte des Wohlfühlens” erneut aufzusuchen?
    Ich gebe zu, mich hat diese Diskussion gekitzelt.

    Gruß
    Gerhard

  6. Lieber Hermann,

    ja, das klingt für mich richtig: Gewinnen-(Haben-)Wollen ist die Kehrseite des Verlust-Erlebens.

    Ich bin auch sehr für Gesellschafts-Spiele ohne Wettbewerb und Gewinnstreben – einfach so zur Unterhaltung!

    z.B. in irgendwelchen Blog-Foren :-)

    Grüße zurück,

    Marianne

  7. Dieses Gerede von Identifikation oder eben nicht, ist doch einfach nur Unsinn. Ich lebe weil ich genau das hier alles erfahren will: Schmerz, Trauer, Wahnsinn,Angst, Alleinsein, Lieblosigkeit, und von allem natürlich auch das Gegenteil.
    Diese Advaita-Floskeln gehen mir mittlerweile total auf den nicht vorhanden Sack. Alle Sinne sind dafür da, dass wir erfahren, was es bedeutet ein Körper zu sein. Nicht mehr aber auch nicht weniger!

    liebe Grüße,
    Eve

  8. Hallo Eve,

    könnte es sein, dass du dich in unserem Schreib-Blog-Spiel gerne mit der Rolle des NARREN identifizierst? Der hält gelegentlich den anderen einen Spiegel vor! :-)

    Herzlich

    Marianne

  9. @Gerhard, nein, es ist sicher nicht verkehrt, ein Wohlgefühl mit sich durch den Tag zu tragen! Wer würde sich dazu versteigen, so etwas zu behaupten. Wie ich schon oben schrieb, kann es lediglich problematisch werden, wenn einer die eine Seite der Medaille festhalten will und die andere partout vermeiden möchte. Das hatte ich zumindest gemeint.

    Und was Eve schreibt, kann ich gut verstehen, denn es geht mir oftmals genauso. Nach meiner Erfahrung kommt es beim Lesen von Texten (nicht nur) zu Advaita immer darauf an, ob der reine Geist dieser Philosophie für mich, den Leser, klar hinter dem Gelesenen erkennbar, ja erlebbar wird. Seit etwa April, Mai dieses Jahres hat sich das Abfärben von gelesenen Texten auf meine Art des Empfindens deutlich verstärkt. Damit wird geistige Hygiene immer wichtiger für mich, weil aufgenommene geistige Inhalte mir häufig unmittelbar in den Emotionalbereich gelangen und meine Stimmungen intensiv beeinflussen. Es scheint mir das zu sein, was in einigen Kreisen als „Neue Energie“ bzw. „Aufstieg“ bezeichnet wird. Ich benutze hier eher den Begriff „Zeitqualität“, und eben die scheint sich mir stark intensiviert zu haben.
    Aber das ist sicher eine sehr persönliche Art der eigenen Wahrnehmung.

  10. @ Hermann, meinst du damit, dass die Zeitqualität vorbei ist, wo die Lehre der Non-Dualität als ein Königsweg ins spirituelle Glück angesehen wurde?

    Ich empfinde das weniger als einen geistigen Inhalt, sondern mehr als ein Überbetonen von persönlichen Erfahrungen, die manche machen und andere nicht, warum auch immer.

    Wie würdest du dann die neue Zeitqualität beschreiben?

    Neugierig

    Marianne

  11. Liebe Marianne,

    ich identifiziere mich mit dieser Erscheinung, die mal Narr, mal Mama mal Hure, mal kleines Mädchen, mal Hexe, mal Engel, mal Teufel,mal Hausfrau, mal Oma, mal keine Ahnung was auch immer ist.

    liebe Grüße,
    Eve ♥

  12. und noch was, weil’s gerade so schön passt:

    Niemand weiß, was ist, wenn diese Körper uns nicht mehr als willige Helfer zur Verfügung stehen. Es wird so unglaublich viel, im tiefen Brustton der Überzeugung kundgetan, dass mir mittlerweile einfach nur noch die Haare, und die sind lang, zu Berge stehen.
    Es gibt sicher so etwas wie ein göttliches Einheitsempfinden… Aber lasst es einfach nur die Chemie im Kopf und in den Drüsen sein, und schon sind all diese Theorien, von Liebe und All-eins-ein, all diese scheinbar “sehenden” Menschen nichts weiter als nette Menschenwesen, die sich Geschichten ausdenken können.

    Wir sind genau DAS, was hier IST.
    Ein Körper, der überleben will.

    Und das ist so viel Wunder, dass wir es uns ständig zu erklären versuchen.

    Menschen kommen und gehen, wie die Gedanken, die durch diese Hirn- und Drüsenchemie scheinbar ausgelöst werden…

    Keine Ahnung WAS das hier ist, aber ich schaue es auf meine ganz eigene Art und niemand auf dieser wundervollen Welt, schaut wie ich… Das allein macht mich schon demütig.

    Das Leben ist sehr einfach!

    Eve♥

  13. @Marianne – Deine Frage, ob ich der Meinung sei, „die Lehre der Non-Dualität wäre inzwischen nicht mehr der Königsweg ins spirituelle Glück“ überrascht mich zunächst einmal. Was in meinen Worten hat Dich zu dieser Frage kommen lassen? – Egal, jeder hat das Recht auf seine eigenen Assoziationsketten und mögen sie noch so wild oder voll von Phantasie sein.

    Im Ernst. Erst seit wenigen Monaten beginne ich damit, diese Non-Dualität für mich ernst zu nehmen. Ich schätze sie sehr. Lange Jahre passte sie einfach nicht zu anderen mir wichtigen Verstandeskonzepten, insbesondere zu denen, welche in der Lage sind, sich im Lebensgefühl, im Denken und Handeln niederzuschlagen.

    Und wenn Du mich fragst, wie ich die neue Zeitqualität beschreiben würde – Die neue Zeitqualität im Allgemeinen gibt es nicht, zumindest ist sie nicht für jeden von Bedeutung. Der Empfänger muß schon das passende Frequenzband – bewußt oder unbewusst – aktivieren, um das einmal so auszudrücken. Es gibt nur für jeden Menschen eine ganz eigene Art der Wahrnehmung seiner Umwelt, mitsamt den resultierenden individuellen Handlungen und Gedanken- bzw. Emotionssträngen. Also vollkommen subjektiv. Was Eve in ihrem letzten Beitrag von 13:57 Uhr schrieb, kann ich nur 1 zu 1 unterstreichen. So sehe ich die Sache auch. Durch ihre Worte scheint der Geist von Jed McKenna.

    Grüßle, Hermann

  14. Was Eve in ihrem letzten Beitrag von 13:57 Uhr schrieb, kann ich nur 1 zu 1 unterstreichen. So sehe ich die Sache auch. Durch ihre Worte scheint der Geist von Jed McKenna.
    Grüßle, Hermann
    Zitat von Hermann
    _________________________________

    Jed ist mein kleiner Bruder…
    ;-)

  15. @Eve,

    Grüß Dich SchwesterHerz, hab ich’s doch geahnt…

  16. @ alle,

    ich glaube, die postmodernen Erkenntnislehren (der Zeitgeist?) setzen alle auf diese »radikale Subjektivität«.

    (Im Advaita scheint es mir mehr um so etwas wie eine »radikale Objektivität« zu gehen.)

    Marianne

  17. @Marianne, radikale Objektivität meinst Du?
    Was mein Verständnis angeht, so war der erste Kernsatz des Advaita, welcher sich mir einprägte: “Es gibt nur das eine subjektive Bewußtsein.”

    In Ramesh S. Balsekars „Kein Weg, kein Ziel, Nur Einheit“ lässt sich nachlesen:

    Das Komische ist, dass außer Bewußtsein nichts existiert und folglich das Bewußtsein selbst das ist, was es als seinen Ursprung sucht. Die Suche geht weiter, bis es zu einem tiefen Gewahrwerden kommt, dass das Bewußtsein eben dieses Ich-Gewahrsein ist, das seiner selbst nicht gewahr sein kann, weil das Gewahrsein kein Ich kennt, dessen es gewahr werden könnte.

    Zitatende

    In Anbetracht dieses Zitates fällt es mir schwer Begrifflichkeiten wie subjektiv oder objektiv zu verwenden. Identifikation passt schon gar nicht mehr da hinein. Ob ich jetzt etwas weit off topic geraten bin?
    Grüßle, Hermann

  18. @Hermann,

    dann habe ich wohl die Advaita-Lehren nicht verstanden :-) Tiefer eingetaucht bin ich da wirklich nicht!

    Mir kommt es nur manchmal so vor, als sollten die Menschen z.B. in Satsangs von irgendwelchen »wahren und erleuchteten Gedanken« (also einer geistigen Objektivität) überzeugt werden. Aber auch solche Vorgehensweisen habe ich mir bisher nur aus der Distanz angesehen, sie ziehen mich nicht an.

    Egal, jeder »reist« halt mit den Konzepten, die für ihn auf seinem Weg als »Fahrzeuge« auftauchen. Bei mir waren das eher psychologische, philosophische und konstruktivistische Lehren.

    Marianne

  19. Liebe Marianne,

    im Satsang geht es darum, sich der Konzepte bewusst zu werden.
    Mehr nicht.
    Das Konstrukt des Lebens im Kopf des Menschen ist ein Konzept. Das Leben ist frei von jedem Konzept.

    herzlich,
    Eve:-)

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  21. Buddha unter’m Bodhi-Baum ?

    ;-)

  22. Nicht schlecht, das gefällt mir.

    Na ja, wenn das Leben frei von jedem Konzept ist, dann hat es sicher etwas besseres.

    Wie wäre es hiermit?

    Das Leben schöpft aus allem, was keinen Plan hat, hat aber in jedem Moment ein umfassendes Gewahrsein.

    Könnte doch klappen, oder?

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