Montag,
26.
Juli
2010
Fußball
Womit identifizieren wir uns eigentlich?
Neulich war wieder Weltmeisterschaft. Das interessiert mich nicht. Doch, es interessiert mich! Denn es begeistert die Menschen, und so viele von ihnen! Und was viele Menschen begeistert, das interessiert mich. Wir hatten Gäste im Haus, ich stellte ihnen den Fernseher an, es lief gerade Deutschland gegen Argentinien, und in der dritten Minute fiel das erste Tor.
Bitte keine win-win Situationen!
Ein Tor, na und? Wohin rennen sie denn da? Wäre es nicht besser, man gäbe jeder der beiden Parteien ein Tor, in das sie den Ball reinschießen können? So stören sie sich doch nur, denn es steht fast immer einer im Weg. Es könnte doch so leicht sein, ohne Hindernisse, und wir hätten Frieden.
Nein, das wollen sie nicht. Sie wollen Kampf, Wettbewerb, Parteien und Situationen, wo nur einer gewinnt und der andere verliert. Win-win Situationen, die man in der Wirtschaft angeblich erstrebt, die will man im Sport nicht. Da identifiziert man sich mit einer Partei und will, dass diese – und nur diese – gewinnt.
Von links nach rechts, ist das gut?
Damit sind wir beim Thema: Identifikation. Darum geht es. In der ersten Halbzeit wollte ich, dass die mit der einen Trikotfarbe, die von links nach rechts rennen, mit dem Ball ins rechte Tor reintreffen. Nach der Halbzeit war es plötzlich umgekehrt, da liefen die mit derselben Trikotfarbe von rechts nach links, und ich wollte, dass sie ins linke Tor treffen. Ich muss zugeben, dass ich mit diesem Wechsel der Zielrichtung Schwierigkeiten hatte. Erst war es noch gut, von links nach rechts voranzukommen, nun auf einmal von rechts nach links. Ab und zu erwischte ich mich bei dem Gedanken: Eigentlich ist es doch weiterhin ganz gut, wenn die gut vorankommen, die von links nach rechts stürmen und dann vielleicht sogar ein Tor schießen, obwohl sie eine Trikotfarbe haben, die ich zunächst nicht für “die unsere” hielt.
Ich bin flexibel
Meine Lieblingsfarben trug keine der beiden Parteien. Also, warum diese und nicht jene? Weil man mir gesagt hatte, dass diese die Deutschen sind und ich – schon viel früher hatte man mir das gesagt – auch ein Deutscher sei. Also muss ich mit denen mitfiebern. Dabei merke ich, dass meine Loyalität nicht groß ist. Mal gefallen mir diese, mal jene. Mal wünsche ich diesen den Erfolg, mal jenen. In der Hinsicht bin ich eben flexibel, und ich meine sogar, dass unser Fähigkeit, sich mit etwas identifizieren zu können, eine ganz großartige ist und die Freiheit darin, womit wir uns identifizieren, vielleicht die wichtigste Freiheit ist, die wir Menschen haben.
Der gute Zweck
Treu sein können wir trotzdem. Aber wir können wählen, womit wir uns identifizieren und welcher Identifikation wir die Treue halten – beides ist nämlich nicht egal, sondern hat Folgen. Statt einem Fußballclub oder einer Nation können wir uns zum Beispiel auch mit einem wirklich guten Ziel verbinden: der Abschaffung der Genitalverstümmelung, dem Erhalt der Biodiversität, der Förderung von Bildung, Gesundheit, Liebe. Stell dir vor, die Leute würden jedes Mal, wenn wieder tausend ägyptischen Mädchen die Genitalverstümmelung erspart wurde, so jubeln wie bei einem Tor von Deutschland gegen Argentinien – was wäre das für eine Welt!