Freitag
3
September 
2010

Das Quantenlachen

4 Kommentare

Quanten sind in der Spiri-Szene die neue, angesagte Herbstmode: Man heilt jetzt nicht mehr nur mit Energie, Herz, Bewusstsein oder Liebe, sondern mit Quanten und aus dem Quantenfeld heraus.

Es könnte mir eigentlich egal sein, mit was man da heilt, wenn man nur heilt und es liebevoll geschieht und ohne jemandem zu schaden. Ich habe allerdings den Eindruck, dass das nicht immer liebevoll geschieht und mit der nötigen therapeutischen Kompetenz, sondern oft aus einem modischen Bewusstsein heraus und effektheischend. Nun heilen alle »mit Quanten«, also muss auch ich mit Quanten heilen, sagt man sich als zeitgemäßer Therapeut oder Heilpraktiker. Es ist doch ganz einfach! Und »es funktioniert immer!«

Quantenphysik

Mehr denn je wird der Begriff »Quanten« in den Mund genommen von Menschen, die keine Ahnung haben von der Quantenphysik. Meist wissen sie nicht einmal, was das Wort »Quant« (von lat. quantum) eigentlich bedeutet (es bedeutet ungefähr »eine Portion«, z.B. von Energie). Selbst Einstein, der gewiss kein Dummkopf war, hatte Schwierigkeiten, die Quantenphysik zu verstehen und lehnte sie zunächst ab (»Gott würfelt nicht«, war eine seiner Aussagen hierzu). Damals hieß es, weniger als zehn oder zwanzig Menschen auf der Welt würden überhaupt die Quantenphysik wirklich verstehen. Heute sind es anscheinend Millionen, und besonders unter Esos und Spiris gibt es sehr viele Quantenprofis, die darin Leute wie Einstein übertrumpfen.

Als ich 1971 begann, in München Physik zu studieren, lag das daran, dass mich die Erkenntnisse von Einstein, Max Planck, Heisenberg und all den anderen Revolutionären der modernen Physik der ersten Hälfte es 20. Jahrhunderts elektrisiert hatten. Ich hatte schon als Schüler viel davon gelesen und wollte das nun auch studieren. Das Studium selbst war für mich dann allerdings enttäuschend, aber der Hunger nach diesem Wissen und die Neugier sind geblieben. Die Schriften des Heisenberg-Schülers Hans-Peter Dürr, von denen ich einige in connection veröffentlich habe, haben mich schließlich wieder an den Geist erinnert, mit dem ich damals als 18-jähriger mein Studium der Naturwissenschaften begonnen hatte.

Geistheilung

Heute in der Eso-Szene gibt es Quantenheilung, ein Quantenfeld, Quantenpsychologie, den Quantencode, Quantenaktivisiten und was nicht alles. Da wird von der in der Quantenphysik verborgenen Weisheit noch nicht einmal nur das Sahnhäubchen hergenommen, sondern einen Sprenkel des von diesem Sahnehäubchens hinterlassenen Fettflecks tupft man sich auf sein Heilpraktikerschild und sagt dann mit stolzgeschwellter Brust: Ich heile auf der Basis der Quantenphysik!

Die Interaktion zwischen Heiler und Heilung Suchendem ist tatsächlich eine, in der die Identitäten von Objekt und Subjekt verschmelzen dürfen, vielleicht sollen oder müssen sie das sogar. Jeder Heilungsvorgang zwischen Menschen, die wir ja sowohl geistige wie körperliche Wesen sind, hat auch mit dem Geist zu tun und ist insofern immer mehr oder weniger auch »Geistheilung«. Solche Heilung hat aber nichts mit Geistern zu tun, sondern hier ist »der« Geist oder Spirit gemeint, anders gesagt: das Ganze; oder auch, etwas bescheidener: die nächsthöhere Metaebene der Betrachtung. Heilung hat immer auch mit der Hingabe an die Selbstheilungskräfte »der Natur« zu tun (»Natur« ist ein Wischiwaschiwort, aber unter uns Romantikern sehr beliebt) und wird davon begünstigt. Oder wenn du es lieber etwas religiöser ausdrücken willst, etwas traditioneller und nicht so modern-romantisch: mit der Hingabe an Gott.

Zeit ist eine Illusion

Die Quantenphysik erklärt physikalische Vorgänge im Nano-Bereich, unterhalb der Größe von Molekülen. Für die Erklärung von Vorgängen im »Meso-Bereich«, also zwischen uns Menschen im Alltag, taugt sie nicht. Deshalb nenne ich die Erklärungen von Geistheilungen mit Begriffen aus der Quantenphysik einen Missbrauch dieser Begriffe. Das ist etwa so, wie wenn du zu einem Termin zu spät kommst und dann Einstein anführst: Zeit ist eine Illusion. Gewiss ist Zeit eine vom Beobachter abhängige Größe, darin hatte Einstein recht. Schön, dass das bei dir hängengeblieben ist. In diesem Falle aber ist diese Wahrheit eine Ausrede, denn im Mesobereich gilt die Newtonsche Physik, und in der gilt, dass wir uns für 17 h verabredet hatten und du zu spät gekommen bist.

Das zivilisierte Lachen geschieht in Häppchen

Ich will nun aber nicht von den sauren Trauben der Quantenheilung sprechen, die ich aufgrund meines beschränkten Bewusstseins nicht erreichen kann, und als Verächter der Modewelle »Quanten« draußen stehen, während alle im Heilungsfieber einander zu ihrem tiefen Verständnis gratulieren. Deshalb habe ich mich nun doch unter die Modernisierer gemischt und vertrete jetzt den »Quantenhumor«. Ich habe nämlich entdeckt, dass Lachen kein kontinuierlicher Vorgang ist, sondern genau besehen, in Quanten abläuft. Zumindest kann man das Lachen, so wie das Licht, nicht nur als Welle beschreiben, sondern auch mithilfe der Teilchentheorie, also mit »Quanten«. So wie das Licht ist auch das Lachen nicht (oder nicht immer) ein Kontinuum: Der Lachschwall, die Lachsalve oder das irre Lachen fließen einfach so dahin. Insbesondere das zivilisierte Lachen hingegen ist kein Kontinuum, sondern es ereignet sich in Häppchen, die etwa so klingen wie »äha« oder »öhö«, ganz anders als der oft kaum zu bremsende Schwall von lauten Atemgeräuschen beim wilden Lachen.

Um die Menschheit an dieser wichtigen Entdeckung teilhaben zu lassen, habe ich mich nun entschlossen, diese auf unserem Herbstfest etwas näher vorzustellen und mit unseren Besuchern einzuüben, so dass in Zukunft nicht mehr so grob unzivilisert gelacht werden muss, sondern zeitgemäß sauber gequantelt, in Häppchen – »Quanten«.

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4 Kommentare zu »Das Quantenlachen«

  1. Lieber Wolf,

    ich finde, gerade WEIL keiner die Quantenphysik richtig versteht ist das doch eine nette Analogie zum Heilen: Keiner versteht wirklich, WIE Heilung eigentlich geschieht. ;-)
    Diejenigen, denen die gesellschaftliche Rolle der Heiler und Heilerinnen zukommt, auch nicht! Es ist halt ein Vorgang, der von Kräften gelenkt wird, die nicht unter dem Einfluss unserer bewussten Ich-Haftigkeit stehen. Genauso wie die Vorgänge im Mikro-Kosmos unseres Universums.

    Darüber kann man lachen :-) oder weinen :-( oder es als den Fluss der Dinge einfach gelassen hinnehmen …

    Marianne

  2. Gratulation zu deinem Quantentext! Diese Quantenqucksalber!

    Nicht einfach, deine Aufgabe. Gesunder Menschenverstand ist in der Spri Szene ja nicht gefragt.
    claus

  3. Lieber Wolf,

    gerade lese ich ein Buch über Wahrnehmungen. In diesem ist ein Teil den Quantenfragen gewidmet, weil das Buch von einem Kernpysiker geschrieben wurde. Mich hat daran besonders beeindruckt das Quantenparadox. Es gibt Elementarteilchen, die sich zugleich wie ein Materieklümpchen oder eine Welle verhalten können. Der Sprung von einem zum anderen Zustand entsteht durch eine Wechselwirkung mit einem anderen Zustand ein. Dabei haben Untersuchungen festgestellt, dass auch der Versuchsleiter durch sein Bewusstsein einen solchen Wechsel des Zustandes bewirken kann.
    Das ist es doch. Wir stehen also doch in Wechselwirkung miteinander. Vielleicht sorgt die sog. Quantenheilung einfach neu für den Gedanken, dass wir uns wechselseitig beeinflussen. Das wäre doch schon was.
    Spannend finde ich auch die Textstelle in diesem Buch, wo Jeremy Hayward Heisenbergs Auffassung vom Elektron beschreibt als ein Teilchen, das in einem Schwebezustand ist, der viele Möglichkeiten und Tendenzen eröffnet.
    Ouantenheilung wäre in diesem Sinne gesehen, eine Art Coaching, welche Möglichkeiten öffnen sich, wenn ich mich nicht als festes Teilchen definiere.
    Quantenheilung – also eine Chance das Leben neu zu entdecken? Der Physiker
    John Wheeler sagt in diesem Buch sogar: “Kein Elementarphänomen ist ein reales Phänomen, bevor es nicht ein beobachtetes Phänomen ist.”
    Also das Bewusstsein kommt ins Spiel.
    Quantenheilung als Förderung des Bewusstseins verstanden, ist doch dann ein weiterer positiver Zug.
    Allerdings weiß ich nicht, ob die Quantenheiler um diese Dinge wissen, aber vielleicht brauchen sie es garnicht und tun es instinktivl.
    Übrigens das tolle Buch heißt: Die Erforschung der Innenwelt, Neue Wege zum wissenschaftlichen Verständnis von Wahrnehmung, Erkennen und Bewusstsein von Jeremy Hayward. Er ist Kernphysiker und Buddhist und stellt moderne Theorien der Naturwissenschaften den Lehren des Buddhismus gegenüber, vergleicht sie, sucht Identisches und Verschiedenes heraus.

    Das Quantenparadox Ellen grüßt.

  4. Von einem Sufi-Meister stammt die hier sehr passende Aussage:
    “Wir können alles heilen – aber wir können nicht jeden heilen!”
    Gemeint ist damit, dass nur das möglich ist, was dem kosmischen/göttlichen Plan entspricht; profaner gesprochen: solange jemand die Krankheit gerade “braucht” für seine persönliche Entwicklung, kann auch keine Heilung (= Veränderung des Zustands) erfolgen.

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