Dienstag,
27.
Dezember
2011
Die Einweihung
Eine Politshow im Fernsehen, in einem fremden Land
Grad war ich hier im Dorf, in Tijarafe, an der Nordwestküste der Insel La Palma. Hab nach Post geschaut, dann in der Bar einen Cortado getrunken. Die Bar war rappelvoll, vielleicht 15 Leute hier auf engem Raum, die meisten Männer und eher ältere. Es lief der Fernseher und zeigte die Einweihung von Rajoy im spanischen Parlament durch den König.
Der König
Die Barbesucher waren außer mir alles einheimische Palmeros. Ein paar schauten zu oder hörten hin, vom Vorgang dieser Einweihung allerdings weniger angetan, als ich, der Fremde aus Deutschland. König Juan Carlos sah auf diesen Bildern sehr ernst aus, geradezu grimmig, wie er da ein kleines Podium bestieg, unprotokollarisch schief am Rande stehend, so schief wie sein Gesicht. Auch sein Sohn sah eher unglücklich aus. Die beiden Frauen in der Königsfamilie schienen den Pomp mehr zu genießen.
Rajoy hingegen sah entspannt und glücklich aus. Mit Händen in den Hosentaschen stand er herum (oh, darf er das, als Politiker?) und plauderte lange mit einem Uniformierten. Dann schritt Carlos, von Körpersprache und Gesichtsausdruck her widerwilig, die Ehrengarde ab. Die Uniformierten mit verschriftsmäßig erhobenen Köpfen, Geste der Arroganz, doch protokollarisch korrekt unterwürfig gegenüber dem König, ihre Bewegungen diszipliniert eingeschränkt, die Minen eher feierlich, von stolz bis verträumt, gegenüber dem lässig angewidert wirkenden König.
Autoritäten fallen nicht vom Himmel, sie werden installiert
Im Parlamentssaal dann die eigentliche Einweihung. Hymnen wurden gespielt, und ich war zu Tränen gerührt (schon deshalb bin ich als Politiker nicht geeignet), wie da ein demokratisch Gewählter in die Regierungsverantwortung eingeweiht wurde (– ach, würde Baschar Al-Assad doch ebenso abtreten können wie Zapatero es gerade getan hat…).
Alle machen hier das Spiel mit. Das ganze Parlament applaudiert stehend, als das Königspaar im Saal seinen hohen Platz eingenommen hat, und mir wird dabei bewusst, wie sehr solche Zeremonien wirken, sogar auf mich, der ich kein Spanier bin, nicht einmal Rajoy gewählt hätte und auch nicht alles verstehe, was da von der Reporterin und den Würdenträgern gesprochen wird.
Auch mir Fremdem ist jedoch klar, dass hier eine Autorität installiert wird durch den magisch prägenden Prozess einer solchen Einweihung. Was mich neben dieser an sich schon grandiosen Theatershow besonders rührte, war, dass es eine demokratisch gewählte Autorität ist, keine dynastisch festgelegte (wie Juan Carlos) und auch keine militärisch herbeigeputschte (wie Franco, der immerhin noch bis 1975 Spanien regiert hat).
Psychologie der Politshows
Ich finde, dass Kulturwissenschaft und Politik der Inszenierung und psychischen Wirkung solcher Shows zu wenig Aufmerksamkeit geben. Mit solchen Zeremonien wird Politik gemacht – Psychopolitik. Hier werden unsere Gefühle geprägt.
Wie begrüßt man sich – durch Handgeben oder Verbeugung? Wie tief muss die Verbeugung sein (siehe Japan)? Wie spricht man einander an? Wie hoch ist das Podium, wie lang die Ansprache? Auf was werden die Autoritäten vereidigt – politisch auf die Verfassung, oder religiös auf Bibel oder Koran? Welche Hymne wird zur Einweihung gespielt? Singt das Parlament dabei mit? Bei welcher Autorität hat das Publikum (die gewählten Parlamentarier) aufzustehen – schon beim Eintritt, wir vor Gericht, oder erst beim Applaus? Applaudiert man, egal, was er oder sie da sagt? Und warum dürfen die Männer nach wie vor ihre Individualität in der Kleidung nur in Muster und Farbe der Kravatten zeigen, die Frauen in so viel mehr (Kleid, Kostüm, Hüte)? Auch den Bezug zum Militär bei solchen Einweihungen sollte man Mal neu betrachten – warum werden hier nur die Vertreter der Gewalt nach außen (das Militär) einbezogen, und nicht die Vertreter der Gewalt nach innen, etwa der Vorsitzende der Polizei, der dem Innenminister unterstellt ist?