Montag,
26.
Dezember
2011
Spanisch lernen
Sprachen lernen: die Welt da draußen und der Verstand da drinnen
Spanisch zu lernen fasziniert mich, weil ich dabei in eine neue Art die Welt zu betrachten eintauche. Ich verstehe so ein bisschen besser, wie unser Geist funktioniert und lerne dabei auch die Geschichte eines Volkes und einer großen Region der Welt besser kennen.
Das Patriarchat
Zunächst mal zur Weltbetrachtung. Wenn »Eltern« nicht parents heißt (wie auf Englisch und Französisch), sondern los padres (die Väter), merke ich, dass ich dabei noch tiefer im Patriarchat gelandet bin, als ich es im Deutschen eh schon bin. Ebenso nuestros hijos, das sind unsere Kinder oder unsere Söhne; Näheres muss man aus dem Kontext herauslesen. Spanisch scheint noch ein bisschen mehr macho (span. machista) zu sein als die anderen europäischen Sprachen, die ich kenne, das deutsche Wort macho kommt wohl nicht zufällig aus dem Spanischen.
Ein bisschen versöhnt (oh … fühlen Frauen sich dabei vielleicht vertöchtert?) mit der Sprache bin ich dann bei dem Wort querer, das die Bedeutung sowohl von lieben wie von wollen hat. Wer auf Spanisch eine Liebeserklärung macht, sagt also zugleich mit dem Ich liebe dich (te quiero) auch Ich will dich / ich begehre dich. Bei einer solchen Sprache ist das Lieben auch von einer christlichen Kultur nicht so leicht ins nur Geistige hinüberzuziehen.
Die Suche nach Eselsbrücken
Fast automatisch taucht man beim Sprachenlernen auch in die Kultur und Geschichte der so sprechenden Menschen ein. Spanisch hat erstaunlich viele Wörter aus dem Arabischen übernommen. Oliven heißen im nördlichen und nordwestlichen Mittelmeerraum fast überall ähnlich – auch im Katalanischen übrigens so wie im Italienischen: oliva – auf Spanisch aber heißen sie aceituna (und portugiesich azeitona). Keine Chance für eine Eselsbrücke für den aus dem deutschen, englischen, französichen oder italienischen Sprachraum Kommenden. Tomaten Einkaufen ist für den Fremden zunächst einfacher (Hay tomates? – Gibt es hier / Haben Sie Tomaten?)
Von oben nach unten
Warum haben die Spanier so viel aus dem Arabischen übernommen? Klar, da war die Herrschaft der Mauren (die meisten der Mauren waren übrigens Berber, nicht Araber, aber sie haben arabisch gesprochen) über die iberische Halbinsel, ab dem Jahr 711, ein paar Jahrhunderte lang. Die letzte maurische Insel im heutige Spanien, Granada, wurde im Januar 1492 von den Katholiken eingenommen, ein paar Monate bevor Kolumbus’ Schiffe im Auftrag der spanischen Krone nach Westen aufbrachen. Aber schon die Jahrhunderte davor war die iberische Halbinsel immer weniger muslimisch-maurisch. Auf die eher tolerante maurische Hochkultur – sie gilt heute als erste Hochkultur Europas im Mittelalter – folgte die in unserer Geschichtsschreibung so viel gefeierte reconquistader Katholiken (zum Schluss von los reyes catholicos, Ferdinand und Isabella, die mit der Einnahme von Granada im Jahr 1492 endete, ein paar Monate bevor Kolumbus’ Schiffe im Auftrag der spanischen Krone nach Westen aufbrachen) und in Europa die grausame spanische Inquisition, während in den Kolonien die einheimischen Kulturen missioniert und die Einheimischen selbst großenteils versklavt wurden, getötet, oder Bedingungen unterworfen, die sie vernichteten. (Papst Paul VI eröffnete übrigens 1974 Isabellas Seligsprechungsprozess. Ihr zugute halten muss man allerdings, dass sie, im Gegensatz zu Kolumbus, die Indigenen der Neuen Welt nicht versklavt, sondern nur missioniert haben wollte).
Warum hat das Spanische vergleichsweise so viel weniger aus den Indianersprachen übernommen, aus diesem so viel größeren Gebiet zwischen Feuerland und dem Rio Grande (bzw. den Südstaaten der USA), das so viele Jahrhunderte von Spanien beherrscht wurde? Weil man von Untertanen, wenn es nicht sein muss, keine Worte übernimmt. Die kulturelle Bewegung verläuft fast immer von oben nach unten, von den Obertanen zu den Untertanen. Mit Unterschieden: Die Briten haben mehr aus den indischen Sprachen übernommen (Worte wie Pandit, Kuli, Ashram, Guru, die übers Englische dann auch ins Deutsche wanderten) als die Spanier von den indigenen Kulturen Amerikas. Mir fallen da grad nur die essbaren Pflanzen ein, die über Spanien aus Amerika nach Europa kamen: Tomate, Kartoffel, Mais, Erdnuss. Tomate heißt auch auf Spanisch tomate, das Wort kommt aus dem Nahuatl (tomatl). Kartoffel heißt auf Spanisch papa (aus dem Quechua) oder patata (aus dem Taino). Mais heißt auf Spanisch maiz (aus dem Taino) und Erdnuss cacahuete (aus dem Nahuatl). Dagegen hebt sich die aceituna stark ab, obwohl es doch im vormaurischen Spanien schon lange Olivenbäume gab.
Wörterbücher
Manchmal blättere ich einfach ein bisschen im Wörterbuch und finde dort so Sachen wie die, dass vela Kerze heißt, aber auch Segel. Wie das? Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Wie oft kommt das vor? Bei Wikipedia finde ich dann, dass solche Homonyme in allen Sprachen häufig sind. Die daraus resultierenden Missverständnisse nimmt man offenbar in Kauf oder spielt sogar damit, etwa in dem Spiel »Teekesselchen«. Das deutsche Wort Läufer hat übrigens laut Guiness Buch der Rekorde (und Wikipedia) 24 Bedeutungen; von denen sind aber nur drei (laufender Mensch, schmaler Teppich, eine Schachfigur) sehr häufig.
Dabei fällt mir ein, dass ich vor vielen Jahren per Wörterbuch in der Tasche einmal einen Monat lang Türkisch lernte. 1975 war das. Da trampte ich durch die Türkei, war umgeben nur von Türken, schnappte jedes Wort auf, das ich hörte oder las und konnte nach drei, vier Wochen so viel Türkisch, dass ich auf Türkisch einkaufte, nach dem Weg fragte und mit den Einheimischen einfache Konversationen führte über Herkunft, Familie und Vorlieben.
So ähnlich machte ich es ein paar Monate später in Malaysia mit einem ebenso kleinen Wörterbuch, das gut in eine Hand und in die Hosentasche passte. Es war von einem Briten geschrieben, der lange in Malaysia gelebt hatte, die Sprache ganz offensichtlich liebte, viele Anmerkungen dazu schrieb, die mich ebenso faszinierten und mit bewirkten, dass auch ich mich in die Sprache verliebte, die in der Grundform wohl die einfachste der großen Sprachen der Welt ist (Indonesisch ist fast dasselbe). Nach zwei Monaten im malaiischen Sprachraum war ich so drin, dass ich sogar auf Malaiisch träumte (das Denken im Traum geschah auf Malaiisch) und im Alltag gut damit zurecht kam.
Mehr zu dieser Art des am Vokabular orientierten Lernens später hier in diesem Blog. Dabei auch einiges über den Aufwand des Erlernens der Konjugation der Verben, wie er für die romanischen Sprachen nötig ist, und der Deklinationen, die für die germanischen und slawischen Sprachen zu erlernen sind. Malaiisch kommt ohne Deklination und Konjugation aus, auch für Englisch gilt das sehr weitgehend. Beides sind sehr ausdrucksreiche Sprachen. Englisch ist vermutlich die ausdrucksreichste Sprache überhaupt, zumindest was den Umfang des Vokabulars anbelangt.
Raus aus Europa
Beim schnellen Lernen damals von Türkisch und Malaiisch half mir, dass ich damals viel jünger war (22 und 23 Jahre alt), dass ich nur von Menschen umgeben war, die die zu erlernende Sprache sprachen, und dass ich richtig heiß drauf war, eine außereuropäische Sprache zu erlernen. Ich war überzeugt, dass Sprachen Denkgefängnisse sein können, dass sie es in den meisten Fällen auch sind, und ich wollte endlich dem europäischen Denken entkommen – in die Stille, gut, das ist das eine, aber damit ordnet man die Welt noch nicht neu. Das kann nur eine Sprache. Und so probierte ich mit asiatischen Sprachen rum, darunter auch Hindi und Tamil (zwei Semester lang auf der Uni in München, aber das half nicht viel). Arabisch – sehr schwierig; nach ein paar Wochen in Syrien und Jordanien gab ich auf. Chinesisch – das probierte ich nur spielerisch, als ich bei Chinesen in Malaysia lebte; die sprechen ja alle sehr gut Englisch. Thai – in den letzten drei Monaten meines neunmonatigen Aufenthalts in Thailand erlernte ich es für den Marktgebrauch; die ersten sechs Monate dort hatte ich als Mönch in buddhistischen Klöstern in die Stille eintauchen wollen, die Sprachbarriere war mir da sehr willkommen.
Störsender
Das Spanische nun wieder ist ja eine sehr europäische Sprache. Eines der Bücher, mit denen ich mich da ranpirsche ist das französische Lehrbuch von Assimil, einem recht guten, sehr intuiven System des Sprachenlernens. Französisch ist dem Spanischen von Deutschland aus gesehen sehr nahe, und da ich fast alles Französische in dem Buch verstehe, ist das für mich ein guter Zugang. Was mich in diesen Monaten, da ich mich um das Spanische bemühe, am meisten stört, sind meine Italienischkenntnisse. Sie sind ein »Störsender«. In fast jeder Situation, im Bus, im Restaurant, im Laden, wo ich ohne nachdenken zu können Spanisch reden muss, kommt zuerst das Italienische rein. Wenn ich das ausspreche, wird es zwar oft verstanden, aber so lerne ich das Spanische nicht. Ich muss da erst den Störsender bewusst unterdrücken, um dann in Ruhe und langsam (wenn die Situation das erlaubt), die neue auf Spanisch gelernten Worte zu sagen.
Mein Wunsch ist, in diesen neun Wochen, die ich jetzt auf La Palma bin, so vertraut zu werden mit dem Spanischen, dass in einer spanischen Sprachumgebung meine Spanischkenntnisse von allein hochpoppen. Dass ich da endlich diesen Störsender nicht mehr unterdrücken muss. Ich will das Italienische ja nicht vergessen, es soll dort bleiben, wo es hingehört, es soll nur bitte mich nicht mehr beim Spanischsprechen stören.
Die Welt der Phänomene
Nun noch ein paar Worte zur Hauptfaszination, die das Sprachenlernen auf mich ausübt. Worte (palabras) teilen die erfahrene Welt der Phänomene ein in Zugehörigkeitsgruppen. Nachts sehe ich hier auf La Palma einen wunderschönen Sternenhimmel. Mein Lieblingssternbild, der Orion, steht hier viel höher und an diesem nicht durch Städte ‘lichtverschmutzem’ Himmel so klar und schön. Was aber ist der Orion?
Da ist kein Orion sichtbar. Da sind nur einzelne Sterne und Sternhaufen und dieser dichter besternte Streifen, den wir Milchstraße nennen. Der Orion ist etwas, das ich (bzw. die Kultur, die mich geprägt hat) dort erst hineinprojiziere. Wir legen eine Struktur auf die Welt der Phänome, um uns dort besser orientieren zu können. Dann passiert es uns – das ist der Normalfall –, dass wir meinen, diese Struktur sei schon dort, in der Wirklichkeit, vorhanden. Ist sie aber nicht. Wir haben sie hineingelegt bzw. dort hinprojiziert. Die Sterne, die den Orion ausmachen, sehe ich tatsächlich, das Sternbild des Orion aber ist eine Konstruktion meines projizierenden Verstandes. Der könnte auch ganz andere Sterne miteinander verbinden zu einer Struktur, die dann einen Namen bekommt. So teilen wir uns die Welt mit Worten ein und denken dann, dass diese Unterschiede schon dort vorhanden seien, in der Welt. »Siehst du denn den Gürtel des Orion nicht? Hier beginnt er, und dort hört er wieder auf. Er besteht aus drei Sternen.«
Wenn ich zurückwill zum tatsächlichen, wunderbaren Sehen, muss ich die Sterne anschauen, ohne dort einen Orion hineinzusehen. Das ist die reine, mystische Sicht. Sie enthält noch keine Ordnung.