Freitag,
30.
Dezember
2011
Worte beugen
In unseren Sprachen schleppen wir viel Müll aus vergangenen Zeiten mit
Sprachkulturen bilden auch etwas von den Gesellschaften ab, in den sie entstanden sind. Wenn das so ist dann sollte uns auch die Deklination – auf deutsch Beugung – eine Untersuchung wert sein. Und ebenso die Konjugation der Verben durch die Tempora (lat. tempus – im Plural unregelmäßig gebeugt auf tempora).
Totes Latein
Als ich zehn Jahre alt war, fragten mich meine Eltern, ob ich auf ein naturwissenschaftliches Gymasium wolle oder auf ein neusprachliches. Das altsprachliche, auch »humanistisch« genannte, in dem ich neben Latein auch noch Altgriechisch hätte lernen müssen, gab es sowieso schon damals kaum mehr, und das für uns erreichbare war weit weg. Aber auch auf dem »neusprachlichen« musste man noch Latein lernen, und das sogar als erste Sprache und Abiturfach. Nein, danke. Eine tote Sprache wollte ich nicht lernen. Zudem hatte ich schon gehört, wie sich die Latein-Schüler mit den Deklinationen der Substantive und der Konjugation der Verben abquälten. Latein hat sechs Fälle, nach denen dekliniert wird. Warum tut man sich das an, für eine tote Sprache?
Als ich ein paar Jahre später auf der Uni im Fach Philosophie eingeschrieben war, hätte ich für den Abschluss zumindest das kleine Latinum gebraucht. Widerwillig schrieb ich mich ein, hielt es aber nur ein paar Vorlesungen lang aus. Zum einen lernt man eine Sprache nicht an der Uni – falls man sie denn sprechen können will. Zum anderen graut es mir davon, ein Substantiv durch sechs Fälle deklinieren lernen zu müssen, und das auch noch nicht regelmäßig, das wäre ja evtl. noch zu schaffen, sondern unregelmäßig. Ohne das Gelernte anwenden zu können – ich will doch nicht die Texte der Scholastiker im Original lesen.
Das einzige, was mich am Latein wirklich interessiert, waren und sind die Wortwurzeln; die Stämme der Worte, die so viele europäische und auch außereuropäische Sprachen beeinflusst haben. Die Etymologie, die Geschichte der Worte finde ich hoch spannend! Wenn man ein paar hundert der wichtigsten lateinischen Wortwurzeln kennt, kann man die Bedeutung von tausenden von Begriffen in so vielen anderen Sprachen erraten, mit recht hoher Trefferwahrscheinlichkeit. Es ist manchmal fast wie in einem Baukasten, in dem man die Grundelemente kennt. Oder wie in der Architektur, wo auf Grundmauern aus der Römerzeit romanische Rundbögen gebaut wurden, dann ein gotisches Portal und schließlich eine barocke Orgel und ein Deckengemälde aus dem 17. Jhd. darüber.
Sanskrit und Pali
Als ich auf der Uni im Nebenfach mit Indologie begann, wäre doch eigentlich Sanskrit recht nützlich gewesen. Auch eine tote Sprache, zugegeben, aber die klassische indische Philosophie interessiert mich mehr als die klassische lateinische. Also doch Sanskrit? Dann entdeckte ich, dass im Sanskrit durch acht Fälle dekliniert wird, so wie im Urindogermanischen. Da war Schluss mit meinem Eifer. Die Wortwurzeln, auch hier: prima! Die Etymologie der indischen Sprachen kommt ohne Sanskrit nicht aus, und die finde ich ebenso spannend und aufschlussreich wie die Wortwurzelbäume in Europa mit ihren lateinischen Stämmen. Sogar in Indonesien heißt heute noch das Wort für Sprache bahasa – es stammt vom indischen (Sanskrit oder Pali) bhasa ab. Offenbar eine Folge des Srivija-Kultur (Sumatra und Umgebung, 7. bis 13. Jhd.). Aber warum haben die Malaien sich damals das Wort für Sprache von der einwandernden Hochkultur geben lassen? Sie lebten doch selbst in einer Sprachvielfalt, in der man weiß, dass die eigene Sprache nicht die Sprache ist, sondern nur eine Sprache. Immerhin war die einwandernde Kultur eine buddhistische; die waren bei ihrer Ausbreitung viel weniger aggressiv als die (meisten der) christlichen und islamischen. Ich könnte mir einen historischen Roman dazu vorstellen, der beschreibt, wie dieses Wort in den etablieren Kreisen von damals übernommen worden sein könnte, um dann allmählich zur ganzen Bevölkerung durchzusickern – spannend!
Zwei Semester lang war ich für Hindi und Tamil eingeschrieben. Sanskrit lernte ich nur soweit mich die Wortwurzeln interessierten. Später im buddhistischen Kloster in Thailand interessierte mich viel mehr das Pali, die Sprache, in der der Tripitaka verfasst ist. Buddha sprach nicht etwa Sanskrit, sondern Pali. Ähnlich wie das Vulgärlatein die heutigen romanischen Sprachen geprägt hat, viel mehr als das Schriftlatein, hat Pali die süd- und südostasiatischen Sprachen beeinflusst, für die nordindischen ist es sogar die Grundlage.
Fälle über Fälle
Die vielen Fälle, durch die in den alten indoeuropäischen Sprachen dekliniert werden muss, hielten mich übrigens auch zeitlebens von den slawischen Sprachen ab. Zum einen ist da die Mühe des Erlernens, mit einem Ertrag, der nicht wirklich als lohnend erscheint. Dann aber auch etwas, das mir jetzt erst so richtig dämmert: Was bedeutet diese »Beugung« der Worte überhaupt? Wo geschieht sie, in welchen Kulturen, und warum? Und: Könnte man nicht auch ohne solch eine Beugung auskommen?
Im Englischen werden die Worte fast nicht gebeugt. Eine Ausnahme bildet im Fall der Nomen der (angel)sächsische Genitiv: John’s house. Auch bei der Konjugation der Verben ist das Englische verglichen mit den romanischen Sprachen phänomenal vereinfacht: he does (statt I, you, we, they do) in der dritten Person Einzahl im Präsens), he did in der einfachen Vergangenheitsform und he has done im Partizip Perfekt. Das wär’s dann auch schon fast, was die Konjugation anbelangt. Und ohne Einbußen im Ausdrucksreichtum! Das Türkische und Malaiische (und sicherlich noch viele andere Sprachen, die ich nicht kenne) kommen sogar völlig ohne Beugung aus. Was die indoeuropäischen Sprachen mit den Deklination ausdrücken, das drücken die, wo nötig, durch den Kontext aus, durch die Wortstellung im Satz oder verschiedene Anhängsel (Affixe) vor und nach dem Nomen: Makan heißt im Malaiischen essen und auch das Essen. Wenn man mit Essen das Gericht meint (spanisch comida, von comer – essen), dann heißt das auf Malaiisch makanan. Man hängt da also einfach ein -an ans Wortende.
Devote Adjektive
In den romanischen Sprachen muss man das Adjektiv (und vieles andere) nach dem Nomen beugen: Ein rotes Hemd heißt camisa roja, eine rote Hose pantalon rojo. Weil Hemd (camisa) weiblich ist, muss das Adjektiv (roja) am Ende ein a haben, die weibliche Endung, und da Pantalon männlich ist, muss dort das Adjetiv ein o am Ende haben (rojo). Muss das sein? Kann man nicht einfach red sagen, wie im Englischen? Auch im Deutschen, das doch immerhin männliche und weibliche Substantive hat, sind das Hemd und der Sakko rot, die Bluse auch. Ein Anpassungsverzicht ohne den geringsten Bedeutungsverlust.)
Mir scheint, in den alten Gesellschaftsstrukturen, in denen die Position eines Menschen in der Gesellschaft sehr starke Anpassungen an die Positionen der umgebenden Menschen erforderte, spiegelten auch die Sprachen das in hohem Maße wieder: Das Adjektiv war sozusagen der Sklave, er musste sich in Geschlecht und Zahl dem Substantiv, bei dem es stand, als seinem Herren anpassen. Und das Substantiv musste sich je nach seiner Stellung im Satz beugen, in der indoeuropäischen Urgesellschaft in acht Formen. Je nach Kaste (im alten Indien), teils auch nach Geschlecht (in Japan bis in die Moderne) hatten die Menschen verschiedene Arten einander anszusprechen, teils außerdem sogar verschiedenes Vokabular. Bezeichnenderweise gab es in Japan eine Zeit, in der Frauen nicht »ich« sagen durften. Auch heute noch werden im nachrevolutionären Europa Adelige zumindest im formellen Kontexten anders angesprochen als Bürgerliche (Exzellenz, Erlaucht), teils ist das euch bei religiösen Würdenträgern so (Eminenz als Anrede für Kardinäle).
Nun, liebe Sprachwissenschaftler, untersucht jetzt bitte mal, inwieweit die steiferen der Klassen- und Kastengesellschaften auch mehr Beugung bei ihren Worten hatten! Dann können wir hier vielleicht ein Befreiungsbewegung ausrufen: Schluss mit der Beugung! Aufgrund der steilen These, dass die völlige Befreiung des Indivdiuums in der Gesellschaft erst dann erfolgen kann, wenn sich die Worte nicht mehr anderen Worten beugen müssen. Immerhin könnte es ja sein, dass es dort einen Zusammenhang gibt.
Das Geschlecht der Worte
Völlig unsinnig finde ich nun allerdings den Genus der Nomen. Der Genus der Nomen ist für den Lernenden jedenfalls keine Genuss. Auf Deutsch: Warum haben die Hauptworte, die die Dinge bezeichnen, ein Geschlecht? Das Englische und das Malaiische kommen ohne solchen Unsinn aus, sehr viele andere Sprachen ebenso. Die romanischen Sprachen haben, ähnlich dem typischen Fall in der Biologie, zwei von der Sorte: männlich und weiblich. Ja, muss man denn alles in Geschlechter einteilen? In der Biologie hat sich das bewährt: Die Einteilung der Arten in zwei Geschlechter erzeugt sowohl bei Tieren wie bei Pflanzen im Vergleich zur ungeschlechtlichen Fortpflanzung die fürs Überleben von Krisen so bedeutsame Vielfalt. Aber welcher Teufel hat die Menschen da geritten, das als Vorbild auch auf die Worte auszudehnen?
Meiner bescheidenen Kenntnis nach hat in den Sprachen, in denen es ein grammatisches Geschlecht gibt (den Genus) das männliche Geschlechtsteil auch den männlichen Genus (der Penis). Ebenso der Mann, und die Frau heißt »natürlich« auch nicht der Frau sondern eben die Frau. Und ihr Geschlechtsteil heißt die Vagina (oder Möse oder Muschi, und so weiter). Fast alles andere an Geschlechtszuweisung ist Unsinn. Auf Spanisch hat, ebenso wie im Deutschen, sogar der Busen – el pecho, ein männliches Geschlecht. Und besonders in spirituellen Kreisen wird die Weiblichkeit von la luna (der Mond) hoch gefeiert gegenüber el sol (il sole im Italienischen), weil doch die Sonne so typisch männlich ist (stark und blendend) und der Mond so still und süß weiblich – meint ihr das ernst??? Der Mond als Himmelskörper, dessen Strahlkraft mehr als tausendfach geringer ist als die der Sonne, und der sein Licht auch noch ausschließlich von dieser bezieht? Für mein Empfinden kann es genauso gut der Mond (statt die Mondin) heißen und die (statt der) Sonne. Das eine ist so doof wie das andere. Die Sonne passt sogar noch besser zu einer matriarchalen Gesellschaft, ihr lieben, revolutionären Spiris.
Einmal arbeitete ich in einem Team von Handwerkern, die alle aus den verschiedensten Ländern kamen und sich untereinander auf Englisch verständigten. Ich war bei den Elektrikern eingesetzt und hatte zu einem Stecker eine Steckdose zu suchen. Aber wie heißt die? Mit einem Stecker in der Hand war ich auf der Suche nach einer Steckdose und musste mich Ersatzteilelager durchfragen ohne das Wort dafür zu kennen. Ganz einfach: Ich fragte nach »the female part to this« – und jeder wusste Bescheid. Die Steckdose weiblich zu nennen und den Stecker männlich, das macht Sinn. Der ganze Rest der Geschlechtszuweisung bei den Nomen aber ist Unsinn und quält nur Jahr für Jahr wieder Generationen von Schülern, erst als Kinder, und dann nochmal beim Erlernen von Fremdsprachen. »Unschuldige« Dinge in männlich und weiblich einzuteilen ist Sexismus pur.
Esperanto
Die Sprachen schleppen so viel Müll mit sich herum. Was könnte man nicht alles an Schönem und Interessantem erlernen in diesen vielen, vielen Stunden, die man sich mit Deklinationen und Konjugationen herumärgern muss! Milliarden über Milliarden von Schülerstunden, die ja auch irgendwer bezahlen muss, von der Lebensqualitätsminderung für diese Millionen gar nicht zu sprechen, man vergeudet diese Milliarden von Stunden für null Gewinn an Klarheit, sinnvoller Vielfalt oder Ausdrucksreichtum!
Ich kann den Erfinder und die Förderer von Esperanto so gut verstehen. Sie hatten eine großartige Utopie, sie wollten eine bessere Welt mit einer besseren Sprache – eine Sprache, die nicht mehr so viel Müll mit sich schleppt wie die jetzigen Weltsprachen. Eine Sprache, die sich aus (im Fall von Esperanto) einigen der bekannteren unter den vorhandenen Sprachen das Beste raussucht und daraus eine neue Sprache baut, die leicht zu erlernen ist ohne dabei an Klarheit oder Ausdrucksreichtum einzubüßen. Was für eine große Idee! Sie ist gescheitert an der Sturheit, mit der die Menschen an ihrer Muttersprache festhalten, egal wie groß deren Nachteile sein mögen, egal wie groß der Aufwand für die künftigen Generationen, all diesen Unsinn zu erlernen. Heimatgefühl? Man bräuchte doch nur einmal zu emigrieren, es träfe nur eine Generation, alle nachkommenden würden profitieren. Aber nein, wir halten fest! Unsere Herkunftssprache ist uns heilig! Ganz ähnlich wie bei den Religionen (diesen Vergleich auszuführen reizt mich – vielleicht mal in einem anderen Blogeintrag. Eine nicht weltherrschaftlich aufgedrückte Religion hat möglicherweise aus denselben Gründen keine Chance auf Durchsetzung als Weltreligion).
Esperanto sprechen unter den sieben Milliarden Erdbewohnern heute nur ein paar tausend (ein Promille von einem Promille) als Muttersprache und ein paar hunderttausend (immer noch weit unter einem Promille) als Zweitsprache.