Freitag
6
Januar 
2012

Zeitreise

4 Kommentare

43 Jahre zurück und doch hier

Gestern ging ich ein bisschen spazieren, in eine Gegend nur fünf Minuten von dem Haus entfernt, das ich jetzt bewohne. Ich nenne diese Gegend »les Corbières«, weil ich als 16-jähriger von meiner Schule in Narbonne aus am Wochenende gerne in eine landschaftlich ähnliche Gegend flüchtete.

Mittelmeerlandschaft

Jetzt bin ich 59, und plötzlich war diese Erinnerung wieder da: Ich bin 16, gehe in Narbonne (Südfrankreich) auf ein Internat, bin einsam und ziehe mich am Wochenende in diese Landschaft zurück, in der ich völlig allein bin – unter der Sonne und mit den Pflanzen und Tieren des Mittelmeerraums, die für mich noch so neu sind und so faszinierend. Steine, Eidechsen, Sukkulenten, eine bizarre Landschaft, wie ich sie bisher nur aus Winnetou-Filmen kannte oder aus Büchern. Dort sitze ich auf den Hügeln, kletterte ein bisschen, schürfe mir hie und da die Haut auf, sehe in der Ferne die menschliche Zivilisation (die Stadt Narbonne), und flippe schier aus in der erregenden Freiheit, hier, weitab von allem, so sein zu dürfen, wie ich will. Erregend frei und zugleich versunken in ekstatischer Stille.

Verlockender Verlust der Autonomie

In der Schule hatten wir in Französich grad »L’ étranger« von Camus dran. Unsere Lehrerin hatte uns auch ins Kino geschickt, um den Film (von Visconti, Italien 1967) anzusehen. Mir hatte sich diese Szene besonders eingeprägt, wie er da unter der Sonne am Strand durchdreht. Dieser Mensch ging so sehr in dieser sonnengeblendeten Landschaft auf, dass man schließlich das Gefühl hatte, die Sonne ist es, die da handelt, oder die Landschaft, nicht mehr der Mensch. Er ist nicht mehr autonom. Er begeht einen Mord, dieser Mensch, aber das fällt kaum auf, weil die Luft so flirrt und alles so rätselhaft außerirdisch ist. Dieser Verlust an Autonomie hatte für mich etwas Attraktives. Der Mord war hier nur ein Zeichen für die extreme Andersartigkeit; er war erschreckend, nicht attraktiv. Das Verlockende war der Verlust der Autonomie: mich zu verlieren und ein anderer zu werden.

Kaktusfrüchte

Auch hier schien die Sonne heiß. Es war kein Mensch um mich, und ich wollte lernen, diese Kaktusfrüchte zu ernten (vom Opuntia-Feigenkaktus, den es hier fast überall auf der Insel gibt; eine nicht einheimische Pflanze; sie war mal wegen der Farbstoffgewinnung durch die Kaktusläuse hier eingeführt worden). Ich wollte das schaffen, ohne mir dabei diese fiesen Stacheln in die Finger zu ziehen. Vor ein paar Tagen hatte ich es schon versucht, hatte immerhin sechs oder sieben große Früchte geernet. Sie hatten sehr lecker geschmeckt, aber es ging nicht ab ohne Pieksen. Hier waren aber nur wenige Früchte zu sehen. Ich erntete nur zwei und fokussierte mich dann mehr auf das Eintauchen in meine (Jäger- und) Sammler-Natur und die Selbstbeobachtung. Wie sehr das mich anzog, dort diese Früchte zu ernten, obwohl das doch auf die Stunde gerechnet nur einen so geringen Ertrag ergab! Und dann auch noch diese Stacheln! Aber es war urig. Der Wille, dass es gelingen möge, war unbändig stark, und fast ebenso die Kraft, es zu tun und mich dem auszusetzen. Und dann diese Sonne! In dieser Corbières-Landschaft.

An der Schlucht

Nach nur zwei Kaktusfrüchten im Rucksack ging ich weiter, um nach Mandelbäumen zu suchen. Hier waren keine, aber am Rand der Schlucht hatte ich letztes Mal Bäume voller süßer Mandeln gesehen, die keiner aberntete. Die Bäume sind hier alle längst trocken, sie werfen das Laub ab und sehen dann aus wie fast tot, aber die Spitzen ihrer Zweige sind voll von Mandeln – mit oder ohne Hülle. Lecker! Und die zogen mich an …

So ging ich dann an den Rand des Barranco und stieg ein bisschen runter. Da waren sie wieder, diese Bäume voller Mandeln! Grad ein paar Meter unter mir war wieder so einer. Runterklettern – schwierig. Ich war an eine Stelle geraten, wo zwar zwei Meter unter mir eine fast meterbreite Fläche war, fast eben, aber dorthin zu klettern ging nicht, der Fels hing hier sogar über. Also warf ich vorsichtig meinen Rucksack voraus, schätzte genau den Platz und Tiefe ab – zwei Meter, kein Problem, das kannte ich vom Fallschirmspringen her, da muss man eine solche Landung Höhe gut springen können – und sprang. Ich rutschte aber unerwartet auf dem gerölligen Grund ab und rollte, kullerte, schlitterte dann Richtung Tiefe, erst nach fünf, sechs Metern kam ich zum Halt. Noch ein paar Bäume und Gestrüpp weiter ging es dann 200 m fast senkrecht in die Tiefe. Angst? Im Moment des Rutschens nicht, da war ich zu sehr beschäftigt. Danach: ja. Ein Bewusstsein der durchlebten Gefahr. Schürfwunden. Vorwürfe an mich, zu unvorsichtig gewesen zu sein. Ein ganzer Film läuft da ab in diesen paar Sekunden, oder eher mehrere Filme.

Zeitraffer

Der Spaziergang gestern Nachmittag hat kaum mehr als eine Stunde gedauert. Ich hätte mich dann hinsetzen können und zehn Stunden drüber schreiben, die ganze Nacht. Aber der nächste Tag bringt ja auch wieder was. James Joyce hat auf vielen hundert Seiten nur diesen einen Tag von Ulysses beschrieben, den 16. Juni 1904 in Dublin. Vielleicht hat er ein Jahr gebraucht, um das zu schreiben oder sogar länger, und man braucht wohl mehrere Tage, um es zu lesen. Es ist aber nur ein Tag, den er da beschrieben hat! Beschreibungen können Zeitraffer sein, die meisten sind es. Wenn ich erzähle, versuche ich immer, im Zeitraffer zu erzählen, das zu Erzählende wächst ja sonst exponenziell mit. Aber man kann es auch so machen wie James Joyce, denn manchmal dehnen sich die Minuten und Sekunden, und das alles will doch auch erzählt werden.

Allein die Abenteuer, die ich hier in den vergangenen Wochen beim Spazierengehen erlebt habe, würden ein Buch füllen. Viele davon sind Zeitreisen: Erinnerungen an frühere Reisen von mir; knappe Überlebenssituationen in der Natur; mich den Naturkräften aussetzen; nach dem Paradies und der Freiheit suchen; allein sein, und in der Schönheit einer gewaltigen Natur versinken. Schluchten, das Meer, die Vögel, die Eidechsen und Geckos, Früchte sammeln, die Sonne, die Abenddämmerung. Nachts der Sternenhimmel, an dem ich mich orientiere (ohne Wolkendecke ist immer klar, wo Norden ist); oder der Mond, der so hell ist, dass er Schatten wirft und die Taschenlampe überflüssig macht, unter ihm kann man auch nachts wandern.

 

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4 Kommentare zu »Zeitreise«

  1. Von den Zeitreisen hast Du nicht gewusst, als Du nach La Palma gingst!
    Davon träume ich immer wieder mal, daß Altes hochsteigen darf und man gewahr wird, was an Prächtigem man schon erlebt hat – und nur nicht mehr zur Verfügung hatte.
    Es bedarf halt der Erweckung.

  2. Doch von den Zeitreisen wusste ich schon vorher. Es kam halt hier grad sehr massiv hoch, es überfiel mich geradezu — und noch viel mehr, was ich nicht Zeit hatte zu beschreiben. Sich erinnern zu können ist ein großer Reichtum.

  3. Mein Anfangssatz war nicht deutlich.
    Ich meinte, Du hast vermutlich damit nicht gerechnet, als Du nach La Palma gingst. Umso schöner, daß hier so vieles hochkam.

  4. Ja, damit hatte ich nicht gerechnet. Was da so “auf meine alten Tage” noch hoch kommt, uiuiui … und die Ähnlichkeit des Empfindens von jetzt mit dem des damals 17-jährigen! Sage ich, wissend, dass das sehr gewagt ist, denn das Gedächtnis kann einen gewaltig täuschen. Aber ich sehe ja auch die jetzt Jungen und empfinde mit ihnen mit.

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