Die Heldenreise
Die Story als Grundelement der erzählenden Literatur, von Theater, Kino, TV und unserem eigenen Leben
Was für eine grandiose Show spielen wir doch hier auf der Bühne des Lebens! Unsere Geschichten, die wir zu erzählen haben und die Dramen unserer Mythen und Seifenopern sind ja nur Abbilder davon, das Eigentliche ist unser eigenes Leben. Hier sind wir die Helden – und mit eine bisschen Bewusstsein auch die Autoren des Drehbuchs.
Samstag Vormittag im Connectionhaus, ich sitze in einem Drehbuchseminar. Neben mir Claus Peter Hant, der Autor des »Bullen von Tölz«, mit ihm zusammen leite ich das Seminar. Claus beschreibt, wie man ein Drehbuch aufbaut: Wie da gleich zu Beginn der Protagonist oder »Held« durch ein konfrontierendes Ereignis aus seiner gewohnten Bahn geworfen wird. Wie er sich dem dann stellt und eine Entwicklung beginnt, mit Kontrahenten und Helfern, einer Initiation in eine neue Identität und all dem – beinahe so wie »im richtigen Leben«. Alle Geschichten, Mythen und Erzählungen der Welt haben anscheinend dieselbe Grundstruktur, sagt Claus. Der Mythenforscher Joseph Campbell hatte in jahrzehntelanger Arbeit die Überlieferungen der Völker der Welt untersucht und dabei heraus gefunden, dass sie sich im Prinzip ähneln. Diese Grundstruktur, die »story«, sei die Grundlage nicht nur aller Mythen aller Epochen und Länder, sondern auch unserer erzählenden Literatur, ebenso wie von Theater, Kino und den Spielfilmen im Fernsehen.
Die Heldenreise
Überall das Gleiche: Zu Beginn jeder Geschichte wird der Held dem Leser oder Filmzuschauer vorgestellt, indem er in seiner Alltagssituation gezeigt wird, wie er auf ganz gewöhnliche Situationen reagiert. Dann geschieht plötzlich etwas etwas, womit der Held nicht mehr in der üblichen Weise umgehen kann. Dieses Ereignis nennt Campbell den »Ruf zum Abenteuer« (the call to adventure). Mit der Entscheidung, die Herausforderung anzunehmen beginnt die eigentliche Heldenreise. Diese führt nun durch verschiedene kritische Situationen, in denen der Held/die Heldin jeweils mit überraschenden Widerständen konfrontiert wird und immer wieder neue Gefahren bewältigt. In den meisten Mythen und Geschichten ändert die Hauptfigur dabei auch sich selbst, anders könnte sie die Herausforderungen gar nicht bewältigen. Der erste Akt dient dem Aufbau der Spannung, der zweite entwickelt die gesetzten Spannungsfelder. Im dritten Akt kulminiert die Geschichte in einem dramatischen Finale, in dem sie ihren Gegner besiegt (das kann auch in innerer Widersacher sein) und die Beute oder Trophäe einstreicht, den Sieg erringt – oder eben in nicht weniger dramatischer Weise scheitert.
Unser eigenes Leben
Was mich an all dem noch viel mehr fasziniert als die Struktur des Drehbuchs für einen Film, ist das Drehbuch des menschlichen Lebens, wie wir es auf die eine oder andere Weise alle selbst aufführen. Die Heldenreise ist ja das Abbild genau dieses Lebens: das Menschenleben mit seinen Zielen und Widerständen, seinen Höhen und Tiefen, seinem Scheitern und Gelingen. Meine Story als Verleger dieser Zeitschrift durch die Krisen und Triumphe der letzten 18 Jahre – was für eine Heldenreise! Meine Beziehung der letzten neun Jahre, die gerade eben zuende gegangen ist – oder ist sie jetzt nur in einer dramatischen Krise, kurz vor dem Finale, vor einem Happy end? Sei es in den Beziehungen zu den Menschen, die ich liebe oder mit denen ich zusammen arbeite, sei es im Streben nach Zielen, nach all dem, was ich je erreichen wollte, überall begegnet mir diese Grundstruktur: das Aufbrechen aus einer alten Identität, meine Entwicklung durch Krisen hindurch in eine neue, mit Helfern, Widersachern, Wendepunkten und (mindestens) einem Höhepunkt und Finale. Oh, dieses »Stirb und werde« … und überall um mich herum sehe ich Helden, die sich auf ihre Art den Herausforderungen ihres Lebens stellen. Und auch dann, wenn es mir scheint, als würden sie sich vor den gestellten Herausforderungen drücken, die ein Gott ihnen zuführt, um sie zum Leben und zu ihrer eigenen Größe zu führen, leben sie ihre Geschichten auf ihre jeweils ganz eigene, unverwechselbare Art als Helden oder Antihelden.
Die eigene Lebensgeschichte schreiben
Kunst zu schaffen, das ist ja ganz nett, aber es ist doch nur eine Show auf einer Bühne. Vor und hinter der Bühne spielt sich das eigentliche Leben ab, auch das des Künstlers. Das ist es ja, wovon Kunst handelt: vom Leben des Künstlers und all den anderen Menschen, die der Künstler wahr genommen und vielleicht auch ein bisschen verstanden hat. Und spricht damit die Menschen an, die sich nun mit seinen Helden identifizieren, weil sie es ihnen ähnlich ergeht wie ihnen. Indem ich Drehbuch schreiben lerne und dabei allmählich die Essenz der Dramatik einer Geschichte verstehe, will ich eigentlich mein eigenes Leben verstehen und es erzählen können. Und es dann gestalten können! Ich will nicht nur der Protagonist meines eigenen Lebens sein – der bin ich sowieso – sondern viel mehr: Ich will auch der Autor des Drehbuchs meines Lebens sein und so weit wie möglich Regie führen in diesem Drama, das ich da auf der Bühne des Lebens aufführe. Damit nehme ich mein eigenes Leben selbst in die Hand, übernehme Verantwortung dafür und verwirkliche mich.
Wie kann ich mich darin üben? Indem ich beginne, meine Lebengeschichte zu erzählen, meine Biografie. Dazu muss ich erstmal geistig und emotional verarbeiten, was ich erlebt habe, andernfalls bin ich nur Spielball unbewusster Energien, die mich führen ohne dass ich wüsste, wohin die Reise geht. Erst nach einem gewissen Verständnis meiner bisherigen Biografie kann ich meine Lebensgeschichte sinnvoll fortsetzen und mögliche Zukünfte entwerfen, die dann auch eine Chance haben, realisiert zu werden. Dann muss ich mich entscheiden für eine dieser Zukünfte, nicht viel anders, als ein Drehbuchautor das tut. Dies hier aber ist so ungeheuer viel spannender, denn hier handelt es sich um mein eigenes Leben! Hier realisiere ich meine eigenen Wünsche – oder scheitere damit wie Sisyhos oder der Held einer Tragödie. Da ich aber sowieso sterben muss, kann ich es wagen zu scheitern. Mein Leben ist sowieso todgeweiht, da kann ich es getrost wagen, in der Zeit davor aufs Ganze zu gehen mit dem, was ich vom Leben will.
Mach mir keine Geschichten!
Neben der grandiosen kreativen Leistung des Menschen, aus dem unermesslichen, amorphen Datenmaterial seines Lebens, etwas zu konstruieren, das Sinn macht und verständlich ist, hat das Erzählen, Erfinden und Gestalten von Geschichten aber auch noch eine andere Bedeutung. »Geschichte« ist auch der Name für einen Betrug an der Wirklichkeit, den wir mit dieser kreativen Leistung begehen, denn unsere Geschichten sind Fälschungen. So wie wir etwas erzählen, so war es nicht wirklich – jedenfalls nicht objektiv.
Diese Fälschung bemerkt man, wenn etwa zwei Menschen, speziell ein Paar, ein und dasselbe Erlebnis erzählen. Jeder hat es anders erlebt. Was davon ist wirklich? Oder ist es so, wie der Konstruktivismus behauptet, dass es gar keine objektive Wirklichkeit gibt? Dass wir immer nur unsere Ego auf eine Leinwand da draußen projizieren, die wir für die Wirklichkeit halten? Und wenn nur genug Leute dieselbe Projektion haben und einen Konsens darüber entsteht, dass »das so ist«, dann halten wir das für »die objektive Wirklichkeit«?
»Ich will keine Story mit Dir«, habe ich sagen hören in Selbsterfahrungsgruppen, in denen es um die Wahrheitsfindung ging. Oder: »Ich gehe da jetzt mal nicht rein in die Story, sondern schaue nur, was ist«. Jeder hat seine Geschichte, seine Wahrheit, jede ist anders. Wenn zwei Menschen zusammenleben, auch in Liebe, erleben sie zwei verschiedene Geschichten. Wirklich? Oder erleben sie die gleiche Geschichte und es macht dann nur jeder etwas anderes draus, per selektiver Wahrnehmung plus ein paar Korrekturen an der Erinnerung, die jeder quasi an seine Identität, an sein Selbstbild anpasst? Ist diese Verfälschung der Wirklichkeit die kreative Leistung, die wir gerade noch so bewundert haben?
Auf dem Weg zur Geschichte als Fälschung sehe ich zwei Stufen. Die erste ist die selektive Wahrnehmung: Wir sehen nur das, was wir sehen wollen, das andere blenden wir aus. Die zweite ist die Aufbereitung des Gesehenen zu einer tendenziösen Geschichte, einer Geschichte mit Sinn. Da steht dann die herausgeberische Absicht dahinter, die den Daten einen Sinn geben will und die Worte oder (im Film) Bildsymbole entsprechend auswählt. Wenn man bereit ist Tatsachen zu behaupten, die nachweislich nicht zutreffen, gibt es eine dritte Stufe, die sich noch weiter von der Wahrheit oder Wirklichkeit entfernt. Was heißt da Nachweise – auch »Nachweise« können bestritten werden und werden das auch, denn auch sie unterliegen der selektiven Wahrnehmung und tendenziöser Berichterstattung, jeder Beziehungskonflikt bietet gute Beispiele dafür. Wir brauchen jedoch nicht zu lügen, um zu fälschen, es genügen schon die ersten beiden Stufen – die selektive Wahrnehmung und der tendenziöse Bericht – um etwas anders darzustellen als es ursprünglich ist.
Wahrzunehmen, was wirklich der Fall ist, das Ziel aller spirituellen Wege – die Zenleute nennen es »das Gesicht finden, das du vor deiner Geburt hattest« Die Daoisten nennen es das Namenlose, das Dao. In der Meditation und in der mystischen Schau können wir es erkennen: Es ist das, was wir sehen, bevor wir eine Geschichte daraus machen.
Was aber ist eine Geschichte? Es erscheint mir noch immer rätselhaft, wie aus einer amorphen Datenmasse eine Geschichte mit Sinn entsteht. Ich fühle mich noch ganz am Anfang einer langen Forschungsreise, die mir diese Frage beantworten soll. Was für eine grandiose kreative Leistung liegt doch darin, eine solche eine Fälschung überhaupt erst erschaffen zu können! Es ist als würde der Mensch erst durch die Ausarbeitung seiner eigenen Fälschung ganz zum Menschen, zum Individuum.
Bei all dem Wissen um die Größe dieser kreativen Leistung gelobe ich doch vor den Geistern der vier Himmelsrichtungen, dass ich nie vergessen will, dass es sich bei der Kreation meiner Persönlichkeit aus meiner Biografie und ihren vielen Geschichten um eine Fälschung handelt. Ich bin nicht der, der ihr denkt, das ich sei! Ich gebe es zu, ja, ich gebe es zu: Ich habe die ursprüngliche Wahrheit »gestaltet«, um jemand zu sein. Ich bin damit schuldig geworden an der Wahrheit, ich bin ein Mensch geworden. Und ihr alle ebenso, die ihr mir da etwas vormacht, ich habe euch durchschaut.
Joseph Campbell, 1904-1987, Vita (und Potraitfoto): www.jcf.org/about_jc.php
Literatur
- Joseph Campbell, Hero with a thousand faces, Klassiker und Hauptwerk, 1949
- Paul Rebillot, Die Heldenreise, Kösel 1997
- Claus Peter Hant, Das Drehbuch – Praktische Filmdramaturgie, Zweitausendeins 1999
- Wolf Schneider, Auf der Suche nach dem Wesentlichen, connection books bei Königsfurt 2003