Sprechen, Schreiben, Sein

All das Gequassel den ganzen Tag. Zuhören müssen und sprechen, denken und tun. Wann hört das auf, wo führt das hin … Worte bestimmen unser Sprechen, unser Denken, unser Sein. Sie sind der Stoff, aus dem die Egos sind. Kreatives Schreiben ist ein Schlüssel dazu.

Ich denke, also bin ich. Bin ich? Denkste …
Wer denkt da überhaupt? In welcher Sprache? Denkt da überhaupt etwas, wenn keine Sprache da ist? Zuweilen interessieren mich diese Fragen mehr als alles andere. Ich spreche, innerlich und äußerlich, und verändere mich dadurch, soviel weiß ich immerhin. Mein Denken verändert mich, erst recht mein Sprechen, noch dauerhafter mein Schreiben. Womit ich mich identifiziere, das heißt: wer ich bin, verändert sich. Und der Stoff, aus dem dieses »ich« besteht, ist Sprache.

Bist zum Alter von vierzig Jahren ist dein Aussehen eine Folge deiner Geburt, hat ein kluger Mensch einmal gesagt. Ab diesem Reifealter aber bist du selbst für dein Aussehen verantwortlich. Das gilt noch mehr für die geistige Identität, mit der wir leben. Wer wir sind, ist zunächst mal sehr stark von denen bestimmt worden, die uns erzogen und ausgebildet haben. Allmählich aber, und dann und wann auch abrupt, geht die Verantwortung an uns selbst über.

Ich schreibe, also bin ich

Mein erster größerer Durchbruch zu einer eigenen, selbstgeschaffenen Identität geschah, als ich mit siebzehn ein geheimes Tagebuch begann. Ich war gerade für ein paar Monate auf einer Schule in Südfrankreich gewesen, an der ich ausschließlich französisch gesprochen hatte. Bei meiner Rückkehr war ich angewidert von dem, was mir meine Herkunft an geistiger Behausung bot und voller Frucht, in diese alte Identität zurückzufallen. Heimlich begann ich ein Tagebuch, um meine neugewonnene innere Stimme zu dokumentieren und am Leben zu erhalten; diese Stimme, die bewies, dass ich nicht so war wie meine Umgebung, sondern ein eigenes Wesen: ich. Die junge Stimme war aber noch zu zart für die Öffentlichkeit. Sie mußte geheim bleiben, denn sie hätte eine Auseinandersetzung mit dem, was schon immer bestand und dadurch die Trägheit besaß, bei Infragestellung einfach ungerührt fortzubestehen, nicht ertragen.

Ich schrieb auf französisch, weil das kaum einer aus meiner Familie lesen konnte, aber auch, weil es mich anders sein ließ. Auf französisch zu denken und zu schreiben hieß auch, ein bisschen so zu sein wie die Erfinder und täglichen Anwender dieser Sprache. Dabei war diese Sprache, sogar für mich, während dieser Rebellion gegen meine Herkunft, nicht fundamental besser als Deutsch, aber sie war anders. Und auch mein Elternhaus war nicht fundamental schrecklicher als andere Elternhäuser, aber es war mein Elternhaus und insofern ein Gefängnis.

Später, als mir das Französische mangels Gebrauch nicht mehr so geläufig war, schrieb ich wieder auf deutsch, aber in Steno, was wiederum keiner aus meiner Familie lesen konnte. Als ich schließlich mein eigenes Studentenzimmer hatte, brauchte ich diese Kodierung nicht mehr und konnte mir erlauben, in lateinischen Buchstaben zu schreiben und dadurch meine eigenen Texte leichter lesen. Während dieser Jahre wußten nicht viele, daß ich Tagebuch schrieb. Es war meine Privatangelegenheit, die ich nur wenigen anvertraute. So etwas wie heimlich zu beten, zu malen, zu masturbieren oder sonst eine spirituelle Praxis. Ich war einer, der schrieb, und bezog daraus die Hoffnung, dass mein Leben nicht ewig so weitergehen würde, wie andere es sich für mich ausgedacht hatten. Albert Camus, Alfred Andersch, Cesare Pavese und noch ein paar andere begleiteten mich dabei wie entfernte und manchmal sehr nahe Freunde; sie erzählten mir von ihrem Schicksal, ohne dass ich ihnen von meinem erzählen konnte.

Sprache erschafft, indem sie benennt

Mit meinen Schwestern und anderen hatte ich viel über Psychologisches gesprochen. Warum meine Eltern so waren, wie sie waren und wir so geworden, wie wir waren. Sigmund Freud, Wilhelm Reich, Herbert Marcuse und Erich Fromm lasen wir und sprachen darüber und auch über unsere Erlebnisse und Gefühle. Ich war verliebt in eine der Freundinnen meiner älteren Schwester und hatte es auch geschafft, mit ihr eine lose Art von Beziehung herzustellen. Wir waren ein paarmal miteinander im Bett gewesen und begannen eigentlich erst danach, tiefer und ausgiebiger miteinander zu sprechen. Sie war zutiefst berührt, verwundert und verändert durch die neuen Welten, die sich ihr durch Sprechen eröffneten. Sex war neu für sie, so intime Freundschaften waren neu und vor allem, worüber man sprechen konnte! Gefühle, feine Empfindungen, subtile zwischenmenschliche Beziehungen, Ahnungen, Hoffnungen, Ängste… In ihrer Familie sprach man über so etwas nicht, viel weniger noch als in meiner, und konnte deshalb auch nicht darüber nachdenken, geschweige denn kommunizieren. Es fehlten die Worte dazu. Und ohne die entsprechenden Worte blieben ihre Gefühle in einem irrealen Niemandsland: unsichtbar, unhörbar und kaum zu erspüren.

Dabei erkundet Sprache immer einen Grenzbereich. Sie ist nicht reines Konstrukt oder reine Phantasie und auch nicht reine Widerspiegelung von Vorhandenem. Nichts, was nicht schon in uns oder in der Welt angelegt wäre, kann Sprache erschaffen. Sie will ein Substrat, an dem sie sich verankern kann. Ein kleines bisschen Wirklichkeit genügt ihr da oft, und schon »sitzt« sie und kreiert ihre phantastische Welt der Begriffe und logische Zusammenhänge. Die Welt der Gefühle existiert natürlich auch, wenn nie darüber gesprochen wird, aber eben nur sehr rudimentär, quasi unwirklich. Erst wenn Gefühle ausgedrückt werden, blühen sie auf. Erst wenn sie auch sprachlich ausgedrückt werden, erreichen sie unser Bewußtsein ganz.

Deine Sprache bestimmt, wer du bist

Ein paar Jahre später lebte ich mit meiner damaligen malaiischen Freundin hinter den Baracken des Militärhafens von Singapur, in denen sie an einer Bar arbeitete. Sie sprach fast kein Englisch, und ich war dabei malaiisch zu lernen, was sehr leicht ist. Tag für Tag verstand ich ein bisschen mehr, sprach malaiisch und dachte schließlich meine täglichen Gedanken in dieser Sprache. Eines Morgens wachte ich neben ihr auf und merkte, dass ich nicht nur im Traum malaiisch gesprochen hatte, sondern auf malaiisch geträumt hatte. Die Ereignisse des Traums, denen immer auch Worte entsprechen, waren malaiisch gewesen. Ich war stolz auf mich, nun endlich meinen Kulturraum ganz verlassen zu haben. Seitdem suchte ich noch bewußter als zuvor, mich per Sprache zu verändern, in Thailand etwa lernte ich kein Thai, sondern Pali, weil ich den Buddhismus kennenlernen wollte und nicht das heutige Thailand, das ich für einen buddhistoiden Bastard hielt.

Und immer wieder las, sprach und lernte ich Englisch, weil ich wußte, dass das die Sprache der Welt und der Zukunft ist, so sehr meine Gefühle ihr gegenüber auch eine ziemlich bunte Mischung waren aus dem, was man der modernen Welt gegenüber so empfinden kann. Dazwischen waren immer wieder Zeiten, in denen ich Sprache vergessen wollte, weil ich mich als verseucht empfand. Nicht nur spezifisch verseucht durch eine bestimmte Sprache, sondern völlig verseucht, bis ins Innerste meines Denkvermögens, allein durch die Tatsache, dass ich überhaupt sprach und in Worten dachte, das heißt: Unterscheidungen machte, anstatt alles als eins zu empfinden, grenzenlos, so wie es ist. In einer solchen Phase gab ich mein Tagebuch auf. Nicht nur, dass ich diese vernichtenden Gedanken aufschrieb, in eben dieses Tagebuch, ich hörte konsequenterweise auch auf zu schreiben. Sprache bestand nur noch als die nötigste Kommunikation, auf einen naheliegenden Zweck gerichtet, um mich nur ja nicht illusonstrunken an eines dieser Truggebilde zu klammern.

Auf der Flucht vor dem Wunsch nach Ewigkeit

Das Bedürfnis, nachzudenken und zu schreiben aber hörte nicht auf. Denken war schlecht, Fühlen und vor allem Lieben war gut, der Drang zu schreiben war da, also schrieb ich Liebesbriefe. Ob ich dazu nachdenken mußte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass diese Briefe oft kleine Kunstwerke waren und von ihren Empfängerinnen gern gelesen wurden. Kopien macht ich nie davon, das wäre eine Sünde gewesen, eine Sünde gegen die Vergänglichkeit. Einmal in dieser Zeit schrieb ich auch Gedichte, natürlich Liebesgedichte, und schickte sie der Angebeteten, die mich nicht liebte – jedenfalls nicht so, wie ich es mir vorstellte. Ich faßte mein kleines Werk sogar in einen Einband und schenkte ihr dieses Bändchen mit Liebesgedichten. Auflage: ein Stück. Ohne Kopie. Das ist jetzt ungefähr zwölf Jahre her. Als ich doch einmal nachfragte, gestand sie mir, dass sie das Bändchen verloren hatte.

Mein Kampf gegen die Verlockung, per Sprache der Vergänglichkeit trotzen zu wollen, erscheint mir heute als rührende spirituelle Romantik. Damals aber war es mir ernst. Lieben und sterben. Sprechen oder schreiben und sterben – ein Tanz, einmal aufgeführt und vorbei. Sprache, die, speziell in ihrer schriftlichen Form, Ewigkeit sucht, erschien mir als Selbstbetrug. Ashokas Säulen, diese 2300 Jahre alten schriftlichen Zeugnisse einer buddhistisch orientierten Hochkultur, würden vergehen, ebenso wie die Keilschriften aus dem alten Mesopotamien. Was sind schon ein paar tausend Jahre? Auch die Dinosaurier sind ausgestorben. Und ihr glaubt, unsere unsterblichen Liebesgedichte oder die Bibliotheken unserer wissenschaftlichen Institutionen würden überleben?

Heute sehe ich das Schreiben, das heißt, die Konservierung von Sprache mittels Schrift als ein Mittel, unserem sprachlichen Ausdruck Tiefe zu geben. »Man sollte sich im Schreiben üben, wenn man richtig sprechen, genau lesen und hören will« schrieb Herder, einer der Dichter, die Goethe stark beeinflußten. Schreiben schult das lebendige, gegenwärtige Sprechen, Lesen und Zuhören. Es gibt all dem und auch dem Denken Tiefe, einfach, weil wir Geschriebenes ernster nehmen als das hingehuschte mündliche Wort. Erst recht nehmen wir es ernster als unser Denken, diese noch flüchtigere Geisterwelt als das Sprechen. Unser Denken nehmen wir ja zum größten Teil nicht einmal bewußt wahr, während es doch fundamental unser Sein bestimmt.

Schreib, so kannst du dich selbst erschaffen!

Ich schreibe, um zu werden, wer ich sein will. Denn durch Schreiben werde ich genauer in der Anwendung der Sprache, die mich bestimmt. Wenn ich schreiben übe, lese ich auch genauer und höre genauer zu und erkenne so besser die anderen Menschen – Menschen, die mit ihrer Sprache mein Leben ebensosehr beeinflussen wie ich mit meiner Sprache ihres. Als Schreibender denke ich gründlicher und gestalte die Sprache, die mich bestimmt, auf einer tieferen Ebene mit denn als Sprechender.

Im Drama des Lebens, in dem die meisten Menschen nur die ihnen von anderen zugewiesenen Schauspielerrollen einnehmen, und das auch noch widerwillig, ist der Gestalter seiner Sprache zugleich auch Regisseur und Drehbuchschreiber. Er erkennt, dass er nicht einfach Opfer seines Schicksals ist, sondern seine Rolle mitgestaltet. Letztlich, das heißt, wenn er bis zur Quelle seiner Sprache vordringt, ist er alles: Drehbuchschreiber, Regisseur, Schauspieler und auch noch der Produzent des Stückes, das sein Leben heißt. Höchstens die Szenen, in denen es spielt, ob er im Hochgebirge geboren wurde oder am Meer, auf dem Dorf oder in der Großstadt, und ein paar Mitspielerrollen sind vorgegeben. Nicht die des Protagonisten! Der Held des Stückes bist du! Sprachbewußtsein befähigt dich, diese göttliche Rolle einzunehmen.

Ein Hemmschuh auf dem Weg zu dieser schöpferischen Souveränität ist für die meisten von uns Autorität. Gott zu sein ist ja nun wirklich ein bisschen hoch gegriffen, denken wir. Es würde ja genügen, wenn wir wenigstens erstmal unsere Frisur selbst bestimmen könnten oder unsere Ernährungsweise. Hier aber, in diesen kleinen Dingen des Alltags, fangen Göttlichkeit und schöpferisches Handeln – und damit meine ich hier ungefähr dasselbe – schon an. Meine Ernährungsweise zu erschaffen, meine Art mich zu kleiden oder zu wohnen, meine Beziehungen und die vielen beruflichen und privaten Tätigkeiten, die mein Leben so ausfüllen, letztlich auch mein Denken, das all dem zugrunde liegt, beruhen auf Sprache. Bevor ich etwas tue und wie ich es tue, wird in meinem Kopf gedanklich vorbereitet. Und eben dieses Denken ist das Instrument, mit dem Sprache mich zu dem macht, der ich bin.

Du denkst nicht, sondern du wirst gedacht

Jeder von uns denkt »ich denke«, weil wir erst denken, bevor wir etwas tun. Was dabei aber in unseren Köpfen vor sich geht, ist vielmehr ein Vorgang, dessen Opfer wir sind, als dessen Täter. Eher »werden wir gedacht«, als dass wir aktiv denken. Die Schöpfer und Gestalter dieses Vorgangs sind in der Regel nicht wir selbst, sondern die, die uns im Leben beeinflußt haben – per Sprache haben sie es getan! Auch sie sind wiederum Opfer ihrer eigenen Erziehung und Sprachgestalter, das ist der Weg der Weitergabe von Kultur, überall und schon immer. Die so erlernte Sprache ist nun in uns gespeichert und bewirkt in jeder neuen Situation wieder ein vorbereitendes Denken, eine Art Probeaufführung vor dem eigentlichen Tun. Wenn wir andererseits nicht nachdenken, bevor wir etwas tun, sondern es »einfach tun«, schneller als wir denken können, sind wir auch kein bisschen weiser. Wir halten so ein Handeln für spontan, für unser Ureigenstes, aus dem Moment geboren – und finden uns dann normalerweise doch in einem Muster wieder, das wir nicht einmal denkend erkennen konnten, bevor wir drinsteckten. So wie wir in Paniksituationen, in Angst und unter Streß noch mehr nach Mustern handeln – nach uralten, manchmal tierischen Mustern – und uns dadurch oft mehr schaden, als wenn wir innehalten würden und erstmal überlegen. Wir werden dabei gedacht und gehandelt, anstatt zu denken und zu handeln. Wir sind dabei nicht Schöpfer unseres Lebens, sondern Opfer von Strukturen, die uns bestimmen. Ein Schlüssel zum Geheimnis eines Großteils dieser Strukturen ist die Sprache, in der sie kodiert sind. Sie bestimmt, was wir denken, und dadurch auch, was wir tun. Sie bestimmt, mit wem wir uns vergleichen, für wen wir uns dabei halten, den Wurzelmythos unseres Tuns, das »ich«. Sie bestimmt die Rolle des Helden in dem Stück, das wir unser Leben nennen.

Der Stille ist es egal, ob du denkst

Wie können wir lernen dieses Bewußtsein zu erkennen, das uns bestimmt? Es gibt tausend Wege zu diesem Ziel. Alle spirituellen Wege sind Wege zur Erkenntnis des Bewußtseins, das uns bestimmt. Einige führen mehr über den Körper (karma yoga), andere über das Fühlen (bhakti yoga), wieder andere über das Denken (jnana yoga). Der Weg, der mich zur Zeit am meisten fasziniert, ist der über das Schreiben. Ich lerne denken und sprechen, indem ich schreibe. Ich übe Bewußtsein, indem ich Sprache gestalte. Nach anfänglichem – das heißt in meinem Falle: ungefähr zwanzig Jahre langem – Zögern habe ich mein Leben weitgehend dem Schöpfen, Gestalten und Veröffentlichen von Sprache gewidmet. Nicht, weil ich das etwa schon könnte, sondern um es zu üben und weil der tägliche, auch berufliche Kontakt mit schöpferischem Sprechen und Schreiben mich an die Freiheit erinnert, mein Leben selbst zu bestimmen. Dabei ruhe ich mich immer wieder im Schweigen aus, in der Sprachlosigkeit. Immer nur Sprache erschaffen, Denken und Schreiben, das würde ich nicht aushalten. Die Möglichkeit, alles immer wieder neu zu durchdenken, der unbegrenzten, phantastischen Kreationen würde mich sonst verrückt machen. Ich brauche die Ruhe in dem , was nichts äußert, nichts weiß, nichts meint und nichts bedeutet.

Wie soll das gehen? Setz dich hin und sei still! So einfach ist das. Zu einfach? Wer den kleinen Tod darin zulassen kann, für den ist dieses stille Sitzen und Aufhören mit allem ein Genuß.

Und sogar das kann man üben: hinsetzen, still sein, nichts tun. Nicht einmal denken. Auch nicht denken, dass jetzt kein Denken sein sollte, sondern einfach nichts tun. Allmählich beruhigt sich dabei das Denken, es verlangsamt sich, wird beobachtbar und stört die Stille immer weniger. Ob dann Gedanken da sind oder nicht, ist schließlich egal, die Stille ist davon unberührt.