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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

21.2.2009

Bist du religiös musikalisch?

Die Gretchenfrage, aktualisiert fürs 21. Jahrhundert

Er sei »religiös unmusikalisch« schrieb mir vor einiger Zeit mein Namensvetter, der berühmte Gründer der Henri Nannen Journalistenschule, der eine ganze Generation von Journalisten ausgebildet hat. Er wird auch »der deutsche Sprachpapst« genannt, weil er so emphatisch gegen das Denglisch kämpft, die Vermischung des Deutschen mit dem Englischen.
Mit der Anforderung an sprachliche Reinheit gehen wir sehr verschieden um. Ich halte jede Sprache für im Grunde »unrein«, weil historisch entstanden als Mischmasch aus tausenden von Einflüssen und Importen. Mir ist sprachliche Reinheit deshalb nicht so wichtig. Wichtiger ist mir das Religiöse. Dafür, meint er, habe er keine Antennen, in der Hinsicht sei er »unmusikalisch«.
Ob das in seinem Falle wirklich so ist, kann man infrage stellen. Und auch das: ob es überhaupt religiös unmusikalische Menschen gibt. Wichtiger aber ist mir zunächst die hier ausgesprochene Idee, das Religiöse nicht als Zugehörigkeit zu einer Fraktion zu beschreiben, zu der man konvertieren kann, sondern so wie Musikalität, als Talent oder als eine – eher künstlerische – Dimension des Menschseins.

Ein Gespür für das Ganze
Ich meine nämlich, dass alle Menschen mehr oder weniger musikalisch sind. Wir alle empfinden und genießen Musik und Rhythmus, und wir sind auch alle religiös, aber nicht im Sinne der Zugehörigkeit zu einem Glauben. Wir sind (gottseidank) nicht in der Hinsicht alle religiös, dass wir Partisanen eines Glaubens, einer ideologischen Fraktion wären, der man beitreten kann durch ein »Glaubensbekenntnis«, sondern im Sinne einer Offenheit oder Empfindsamkeit für das Ganze. Religiös nenne ich einen Mensch, der ein Gespür hat für das Ganze. Dafür, dass jeder von uns ein Teil ist und sich deshalb innerhalb von etwas Größerem befindet, einem Ganzen. Wenn man alle Teile zusammenzählt, auch jedes einzelne Ganze, das aus Teilen besteht, aber selbst auch wieder Teil ist, dann hat man »das Große Ganze«. Dafür ein Gespür zu haben – dass es das gibt und dass das wichtig ist – das nenne ich religiös zu sein.
Wir alle zusammen – plus alles das, war wir glauben, nicht zu sein – sind »das Ganze«. Um diese Ganzheit und die Interdependenz der Teile zu wissen, das reicht schon. Wir brauchen keinen Glauben an Gott, ein Jenseits, an Karma und Wiedergeburt oder höhere Ebenen, nichts von alledem. Zu wissen, dass ein Teil noch nicht das Ganze ist – für jedes Teil gilt das – und dass insbesondere »ich« nur ein Teil bin von etwas Größerem, letztlich dem Ganzen, das reicht. Das zu wissen und dieses Wissen nie völlig zu vergessen, das nenne ich »religiös musikalisch« zu sein. Ich meine, dass jeder Mensch mindestens ein bisschen musikalisch ist in dieser Hinsicht. Jeder von uns hat zumindest eine Ahnung von diesem Wissen und von der Interdependenz, der Abhängigkeit der Teile des Universums untereinander, die wir mit dem Namen unserer Zeitschrift auch als »connection« umschrieben haben.

Willensbildung
Fraktionen sind da »zur Willensbildung«. So wie unser Grundgesetz die Parteien fördert als Mittel zur Willensbildung des Volkes. Ohne Parteien hätten wir weniger Willen, weniger Meinung und Überzeugung in so vielem. Das Fehlen eines Willens ist nicht immer schlecht, für die politische Entwicklung, insbesondere für die demokratische Kultur, aber ist die Willensbildung der Bürger unverzichtbar. Und auch in einem weiteren Sinne sind der Wille und die Ausbildung des Willens unentbehrlich: für unsere Individuation, die Selbstwerdung, die Entwicklung unserer Einzigartigkeit.
Während der Entwicklung, Entdeckung oder Bewusstwerdung unserer Einzigartigkeit aber sollten wir »religiös musikalisch« bleiben. Das heißt, wir sollten uns erinnern, dass jeder von uns Teil eines Ganzen ist und dass, so wie im holografischen Modell des Universums, in jedem Teil das Große Ganze versteckt ist. Jeder von uns ist ein Universum. Du und ich und jeder von uns ist die Mitte der Welt.

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