Wolf Schneiders Webdiary
3.1.2004
Sprechen oder sein
Stelle dich mitten in den Widerspruch hinein, und sprich von dort aus!
Ich sitze mit meinem Tanzlehrer Hillel Kraus zusammen, wir reden über Sprache. Er ist Sohn eines Rabbi, ich bin Sohn eines Wissenschaftlers. Er spricht von der Essenz aus, oder versucht das zumindest, so hat er es erst von seinem Vater gelernt, dann von seinem Lehrer, einem chassidischen Meister in Altjerusalem. Ich hingegen versuche, mit Sprache die Wirklichkeit abzubilden, so wie das ein guter Wissenschaftler tut.
Zumindest habe ich das versucht, und das Scheitern damit hat mich jahrzehntelang gequält und quält mich noch immer. Warum kann ich nicht davon lassen? So habe ich es eben gelernt, so bin ich aufgewachsen: Sprache soll sagen was Sache ist, sie soll die Wirklichkeit darstellen, so wie sie ist.
Eigentlich ein schöner Anspruch, diese Theorie der Abbildung ... nur eben, mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass es nicht geht. Das Bild der Wirklichkeit ist immer etwas anderes als die Wirklichkeit. Es ist ja kein Klon der Wirklichkeit, keine Verdopplung, sondern etwas Neues, eine Abbildung, die der Wirklichkeit etwas hinzufügt. Bilder über Bilder, die ganze Sprache besteht nur aus Zeichen, die etwas bedeuten sollen, aber wo ist da die Wirklichkeit? Die kann man mit Worten nicht berühren, und man kann sie auch nicht abbilden, ohne sie dadurch zu verändern. Man kann immer nur Neues kreieren, Bilder eben, das heißt, man fügt der Wirklichkeit etwas hinzu, nämlich diese Bilder, diese Buchstaben, diese Töne, diese Zeichen.
Wenn ich über ein Gefühl spreche, dass ich habe, dann ... h a t t e ich dieses Gefühl, denn sobald ich zu sprechen beginne, habe ich ein anderes Gefühl, ein neues, eben das eines über ein vergangenes Gefühl Sprechenden.
So ist es immer: Sprache kann nicht über sich selbst sprechen, der Mensch nicht über sich selbst, ohne sich in Widersprüche zu verwickeln. Wer spricht, riskiert dabei auf Glatteis zu geraten, auf den Rückbezug, die Selbstreferenz, und dort ist jede Logik am Ende.
Hillel, mein Tanzlehrer, fängt damit gar nicht erst an (sagt er jedenfalls). Er spricht gleich von der Essenz aus. Mit Essenz meint er den Raum der Paradoxie, der er selbst ist. Wenn er so spricht, dann ist quasi alles richtig, was er sagt. Er widerspricht sich nicht selbst, weil er mitten im Widerspruch steht und von dort aus spricht. Er spricht, ohne damit etwas über eine Wirklichkeit 'da draußen' sagen zu wollen. Stattdessen spricht er aus der aktuellen Beziehung mit dem Zuhörer heraus, er kreiert diese Beziehung durch sein Sprechen.
Was für eine Erleichterung, nicht mehr 'über etwas' sprechen zu müssen, sondern nur noch von der Essenz aus zu sprechen! Die reine Kreation von Identität, ohne etwas bedeuten zu müssen, was für eine Erleichterung – und doch auch: was für eine Intensität des Daseins!
Ich allerdings habe in meinem Gepäck noch den Anspruch, dass Worte etwas abbilden müssen. Sie müssen etwas über die Wirklichkeit aussagen, sie müssen sagen wie es ist. Sein Sprechen ist eine Kreation von Beziehung. Mein Sprechen will immer noch etwas abbilden.
'Immer noch'? Ich kann es mir verzeihen. Ich sehe sogar einen Sinn darin, dass mich das quält. Der Versuch, beides unter einen Hut zu kriegen, hat mein Sprachbewusstsein geschärft. Ich versuche zu sprechen und damit etwas über eine von meinem Sprechen unabhängige Wirklichkeit auszusagen und zugleich mir dieses Aktes schöpferischer Willkür bewusst zu sein: Indem ich spreche, habe ich eine neue Wirklichkeit geschaffen!
Wenn ich über ein Gefühl spreche,
dass ich habe, dann ...
ist es das nicht,
sondern es war das
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