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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

3.2.2004

Perfekter Auftritt

Ein gut durchkorrigierter Text ist ein Sonntagsanzug. Der täuscht

Ich mache gerade ein Buch fertig – »Ohne dich wäre ich ein anderer« heißt es. Acht Kapitel habe ich schon, acht weitere müssen noch werden. Drei davon sind einigermaßen fertig, drei davon ein Datenverhau, zwei nur Fragmente. Die ersten acht sind schon bei der Lektorin im Verlag angekommen – bin gespannt, was sie dazu sagt.
Sie wird daran noch einiges zu korrigieren haben, ganz sicher. Das ist gut so, ein Text kann immer noch besser werden. Auch wenn ich selbst Texte überarbeite, finde ich immer noch Verbesserungsmöglichkeiten, bei meinen eigenen Texten ebenso wie bei anderen.
Früher mochte ich diese Verbesserungen nicht. Es erschien mir als Täuschung, sich zu bemühen, einen nahezu perfekten Text abzuliefern, wenn man doch weiß, dass man nicht perfekt ist. Will ich die Leser denn täuschen? Natürlich nicht; ich will mich doch so zeigen wie ich bin. Warum dann nicht einen Text voller Fehler abgeben, wo ich doch weiß, dass ich voller Fehler bin?

Es hat mich einige Mühe gekostet, im Lauf der Jahre immer mehr Textkosmetik zu akzeptieren, bei meinen eigenen Texten ebenso wie bei denen anderer, die ich bearbeite. Mir dabei zu sagen, dass ich dem Leser helfen will, etwas zu verstehen, dass ich ihm Mühen ersparen und ihm entgegen kommen will, das hat mir dabei geholfen, diesen üblichen, konventionellen Weg zu gehen zu dem immer perfekteren, immer glatteren Auftritt. Trotzdem fühle ich mich dabei immer noch ein bisschen unwohl. Ich helfe dem Leser, ja klar. Aber ich täusche ihn auch ein bisschen, ich belüge ihn.
Das ist sowas wie: zuhause schlampig herumlaufen und ein unaufgeräumtes Zimmer bewohnen, sich aber herausputzen, wenn man 'ausgeht' oder die Wohung aufräumen, wenn Gäste kommen.
Inzwischen fällt mir außer der Kosmetik (»Ich mache anderen Freude, wenn ich mich schön mache«) und dem Wunsch, es den Lesern leicht zu machen, noch ein anderer Grund ein: den Leser zu verzaubern. Wie faszinierend, Leser verzaubern zu können! Und wie gefährlich ...
Ein so gut wie perfekt durchgestalteter Text hat eine magische Wirkung, gerade weil wir im Alltag nicht so reden und schon gar nicht so denken. Es ist eine Bühnenauftritt, mehrfach geprobt, editiert, verbessert. Das Ritual eines Zauberers, Artisten, Priesters – gemacht, um zu faszinieren. Deshalb ist Literatur so gefährlich!
Dort steht es doch, »schwarz auf weiß«, sagen die Leute und sind gebannt. Sie denken: Wenn es dort so steht (»... denn es steht geschrieben«), dann muss es auch so sein. Vielleicht, weil sie früher einmal nur die Bibel im Haus hatten. Das einzige Geschriebene, was sie besaßen, war die »Heilige Schrift«. Das sitzt uns noch in den Knochen.

Der durchkorrigierte Text ist eine Täuschung, weil er nicht den alltäglichen Menschen abbildet, sondern den Menschen in Höchstform. Und da alle Autoren danach trachten, nur gut durchkorrigierte Texte zu veröffentlichen, entsteht beim Leser der Eindruck: Der Autor ist immer in Höchstform! Er denkt so wie er schreibt – sonst würde er doch nicht »immer« so schreiben! Was wir von ihm lesen sind aber (fast immer) ziemlich gut durchkorrigierte Texte, sie wurden mehrfach poliert und auf Fehler durchgesehen. So sind wir aber nicht, wir Autoren, wir Menschen, so denken wir nicht. Was wir da zeigen, das ist unser Sonntagsanzug.

Immer noch juckt es mich, dahingeschlampte Texte zu veröffentlichen .... oh, diese Echtheit! Eine Sehnsucht nach Jugendsünden ist das wohl, nach dem imperfekt sein dürfen, so als wüsste ich nicht, was perfekt ist, schön und ordentlich.
Ein bisschen schlampern darf ich ja hier, im Webetagebuch. Da schreibe ich was auf, korrigiere es ein, zwei, drei Mal durch – ungefähr Stunde dauert das so im Schnitt, vom Beginn des Schreibens bis zur letzten Korrektur, dann steht es im Web. Fertig. So bin ich!
Aber so bin ich nicht wirklich ...

Warum nicht einen Text
voller Fehler abgeben,
wo ich doch weiß,
dass ich voller Fehler bin?

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