Wolf Schneiders Webdiary
24.2.2004
Schreibcoaching
Schreiben – und erkennen (helfen), wie Sprache führt und verführt
Der Online-Schreibkurs über »Autobiografisches Schreiben« geht gerade zuende. Da fragte mich eine Teilnehmerin, was das eigentlich ist, was ich da mache. »Schreibcoaching« nenne ich es – ja, gut, aber was ist das? Bei der Antwort an sie habe ich einiges über mich selbst herausgefunden, deshalb schreibe ich das jetzt hier auch in mein Webtagebuch.
Den Begriff »Schreibcoaching« habe ich selbst 'gefunden'. Ich weiß nicht, wer ihn sonst noch benutzt. Aber es wird da wohl auch noch andere geben. Es ist ja naheliegend, das zu tun und auch, das dann so zu nennen: Coaching hat Konjunktur, und immer mehr Menschen wollen Schreiben lernen. Und immer mehr sind überzeugt, dass Schreiben etwas ist, das man lernen kann. Es ist nicht (bloß) ein Talent, das einem in die Wiege gelegt wird, und wenn man es nicht hat, das ist dann so wie unmusikalisch sein und trotzdem versuchen Violine zu spielen als Beruf, sondern es ist erlernbar.
Ich bin zwar Schreiblehrer und Schreibcoach, Autor und Redakteur. Das Ungewöhnlichere an mir ist aber eher, dass ich seit fast 30 Jahren (so lange ist es mir bewusst) auf der Selbsterfahrungsreise bin. Das Schreibenüben kam zum größeren/aufwändigeren Teil erst später dazu. Ich bin also ein alter Reisender in Sachen Selbsterkenntnis, und ich versuche in meinen Schreibkursen eine Kombination aus beidem zu vermitteln: erstens den eigenen Stil erkennen und ihn verbessern; zweitens das eigene Wesen erkennen und es verbessern, zumindest den Ausdruck davon kann man verbessern. Aber ich glaube auch, dass der Charakter (das Wesen) sich verbessern lässt durch Selbsterkenntnis.
Wenn Stil Ausdruck des Charakters ist, dann kann man wohl auch den Charakter verbessern, denn der Stil lässt sich ja verbessern.
Zunächst einmal will ich Sprache »durchschauen«. Ich will wissen wie sie funktioniert, wie sie Menschen verzaubert. Erst in zweiter Linie will ich auch damit zaubern können; ich tue es ja, und es macht mir auch Freude, damit zu zaubern. Aber als erstes kommt doch das Motiv, dass ich nicht unfreiwillig verzaubert werden will. Ich will nicht manipuliert werden können durch Sprache, und dazu muss ich sie erstmal durchschauen.
Wenn ich das weiß, kann ich es auch unterrichten. Dann kann ich auch anderen helfen, sich ihrer (Ver)führbarkeit bewusst zu werden und selbst Formen zu gestalten, die (ver)führen.
Letztlich ist das ein spirtueller Trip: In den Worten die Buchstaben sehen und in den Buchstaben die reine, bedeutungslose Form. In der Form die Leere erkennen, so wie das Lotus-Sutra des Mahayana-Buddhismus es so schön formuliert:
Bodhisattva Avalokitesvara
erkannte in tiefer Übung der Großen Vollkommenheit der Weisheit,
dass alle fünf Gruppen des Anhaftens leer sind von eigenem Sein
und war befreit von allem Leiden.
»O Sariputra, Form unterscheidet sich nicht von Leere,
Leere unterscheidet sich nicht von Form.
Form ist wirklich Leere; Leere wirklich Form.
Das gleiche gilt für Empfindung, Wahrnehmung, Impulse, Bewusstsein.«
Ich will wissen
wie Sprache funktioniert,
wie sie Menschen verzaubert
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