Wolf Schneiders Webdiary
3.4.2004
Wie ernst sind Witze?
Von den Witzen, ihren Erzählern und der Tragikomik des Lebens
Meist habe ich es nicht gemocht, wenn Leute 'bloß Witze' erzählten. Das Leben ist doch auch so schon schlimm genug. Oder: den Sinn des Lebens herauszufinden ist eine so anspruchsvolle Aufgabe, dass man die wenige Zeit, die einem gegeben ist, nicht mit dem Erzählen von Witzen verplempern sollte.
Andererseits ist in den Witzen etwas versteckt, das mit dem Ernst des Lebens zu tun hat. Gerade deshalb sind sie ja so spannend (manchmal) und so witzig (gelegentlich).
Für mein erstes und einziges Referat, das ich auf dem Gymnasium in Deutsch zu halten hatte, wählte ich »Der Witz als literarische Kurzform«. Der Witz ist die »dichteste« Erzählung, die es gibt, also »Dichtung« im besten Sinne. Und dabei heiter, aber nicht nur das, auch tragisch. Viele Witze beziehen ihre Heiterkeit gerade aus dem Tragik, besser: dem Tragikomischen.
Einen Witz über etwas zu machen kann die Ablehung des Themas (oder einer Person, oder Gruppe von Personen) bedeuten, wie bei politschen Witzen, Ethnowitzen oder abfälligen Witzen über Sex oder das andere Geschlecht. Diese Ablehnung kann eine neurotische Disintegration eines Persönlichkeitsanteils bedeuten, aber auch Zeichen einer gesunden Distanz sein. So können auch Witze über den Tod ausdrücken, dass man diesem unangenehmen Thema nicht näher kommen will – oder aussehen will, als würde man sich aus dem Tod nichts machen. Oder sie können tatsächlich Gelassenheit ausdrücken, der Erzähler eines solchen Witzes wird normalerweise genau das für sich in Anspruch nehmen.
Gelassen oder gefangen?
1983 arbeitete ich im Nordwesten der USA mit 10-12 anderen Handwerkern zusammen an einer Serie von Ventilatorkästen. Die Arbeit war hart, die Umgebung laut. Und wir hielten uns für harte Jungs und bewiesen uns gegenseitig unsere Härte und Abgebrühtheit mit Scherzfragen wie: »Was ist der Unterschied zwischen einer Möse und einem Sarg?« Und antworteten breitem Grinsen: »Er ist nicht groß. Beide nehmen einen Steifen auf – der eine kommt, der andere geht.«
Ist dieses Grinsen nun ein Zeichen, dass der Erzähler so abgebrüht ist, das ihm selbst Tod und Sex nicht mehr sehr bewegen? Oder eher ein Versuch, diese Quellen großer Gefühle von einem empfindlichen Herzen so weit wie möglich entfernt zu halten?
Wenn man weiß, dass man mit einem Witz immer selbst gemeint ist, und wenn man damit niemand anderen verletzt (Aber wer weiß das schon?), dann ist so ein Witz eine harmlose oder sogar erhellende Entspannung – auch taktlose und politische inkorrekte Witze können so ein Ventil oder gar Therapeutikum sein.
In meinem Buch »Auf der Suche nach dem Wesentlichen« habe ich solchen Fragen rund um den Humor – definiert als die Fähigkeit, über sich selbst lachen zu können – ein ganzes Kapitel gewidmet, überschrieben mit »Humor als spiritueller Weg« (Der Text steht auch auf www.connection.de im Archiv, unter connection 1-2/03). Dort behaupte ich, dass der Lieblingswitz eines Menschen sehr viel über ihn aussagt. Und da ich so gerne die Offenheit predige, muss ich mich nun wohl auch selbst mit dem outen, was für mich als Lieblingswitz kandidiert oder mich als solcher eine Zeitlang begleitet hat.
Die Vergänglichkeit
Treffen sich zwei Planeten, die sich lange nicht mehr gesehen haben. »Na, wie geht's Dir denn, Du siehst ja gar nicht gut aus!« – »Ach, weißt Du ... ich hab homo sapiens« stöhnt der andere. – »Homo sapiens? Wenn's nur das ist, beruhige Dich. Das geht vorüber.«
Mein Galgenhumor bezüglich des Erdenlebens drückt sich aber auch im Folgenden aus:
»Gestern standen wir noch vor dem Abgrund – heute sind wir schon einen Schritt weiter«. Da ist zum einen meine (klein)unternehmerische Existenz gemeint: immer im Risiko, immer an der Kante; nie ist etwas sicher, jederzeit kann 'es' vorbei sein. Der Witz bezieht sich aber auch auf mein Lebensgefühl als Sterblicher: Jederzeit kann ich sterben, und alles, was ich jetzt noch für beständig halte, kann morgen schon vorbei sein.
Zeigt das nun meine Unsicherheit oder Unbeständigkeit? Oder dass mir unsichere Verhältnisse ein Greuel sind? Oder dass ich mich besonders gut mit der Tatsache auseinander gesetzt oder gar abgefunden habe, dass Veränderung das einzige ist, was Bestand hat? Schwer zu sagen. Ich weiß nur, dass Veränderung und Beständigkeit für mich 'ein Thema' sind und dass sich das eben auch in diesen Witzen ausdrückt.
Aber vielleicht können andere mich in der Hinsicht ja tiefer durchschauen als ich mich selbst. Treffen sich zwei Therapeuten: »Na, Dir geht's ja gut«, sagt der eine. »Und wie geht es mir?«.
Die Kirchen
Viele Jahre lang war die Frage »Worum geht es eigentlich in den Religionen?« für mich die Kernfrage. Folgender Witz gehörte damals zu meinen Favoriten:
Treffen sich ein Pfarrer, ein Priester und ein Rabbi, um sich darüber auszutauschen, wie sie mit der Kollekte umgehen. Sagt der Pfarrer: »Also ich ziehe einen Kreis und werfe das ganze Geld hoch. Was außerhalb des Kreises liegt, ist meins, was innerhalb liegt, ist für die Kirche.« – »Das mache ich ganz ähnlich«, sagt daraufhin der katholische Priester. »Auch ich ziehe einen Kreis und werfe dann das ganze Geld hoch. Nur, bei mir ist das innerhalb des Kreises meins und das außerhalb gehört der Kirche.« – »Ach, so macht ihr das« erwidert darauf der Rabbi und stellt dann seine Art der Aufteilung des von den Gläubigen gespendeten Geldes dar: »Ich werfe einfach alles hoch, und was Gott fangen kann ist sein's!«
Der Witz liegt hier darin, dass der Rabbi die menschliche Erfindung einer »Allmacht« Gottes zu seinem eigenen Vorteil ins Gegenteil (alles für mich, nichts für Gott) zu drehen weiß: Wenn der Allmächtige nicht mal imstande ist, sich auch nur ein einziges der Geldstücke zu sichern, dann gehört das Geld wohl mir und nicht Gott. Religion als Menschenwerk und Ernährungsgrundlage des sich ihrer bedienenden Berufsstandes.
Geleise der Gewohnheit
Vor einer Woche gab ich einen Eintagesschreibkurs, in dem ich u.a. Spannungsaufbau, Sinn und Pointe einer Erzählung erklärte – zur allgemeinen Erheiterung wieder am Beispiel von Witzen. Zwei davon blieben bei mir hängen:
Der Karli und der Luggi gehen zu zweit die Schienen entlang. Da sieht der Karli einen Zug entgegen kommen, erschrickt und sagt zum Luggi: »Du, wenn jetzt nicht bald eine Weiche kommt, sind wir verloren!«
Man lacht so gerne über die Dummen, die nicht fähig sind, einmal eingeschlagene Geleise der Gewohnheit zu verlassen. Aber – siehe die Definition von Humor – die Dummen sind wir selbst. Den Schreiber dieser Zeilen selbstverständlich ausgenommen, das 'wir' verwende ich hier nur aus didaktischen Gründen, sonst könnte ich das alles ja gar nicht so tiefschürfend analysieren ...
»Ich versteh' keinen Spaß«
Und dann dieser 'Metawitz', der die Unfähigkeit zum Humor selbst auf die Schippe nimmt:
Sitzen zwei Niederbayern in der Wirtschaft und trinken Bier, eins nach dem andern. Keiner sagt was. Sie sitzen sich gegenüber und schauen sich schweigend an. Ab und zu streift ein Blick die Wand der Wirtssube, die anderen Insassen, das Glas und verharrt dann wieder auf dem Gegenüber. Nach ein paar Stunden steht plötzlich einer der beiden auf, holt weit aus und schallert seinem Saufkumpan eine solche Watschn, dass der über Tisch fliegt, quer durch die Wirtschaft und unter einem der hinteren Tische schließlich zum Liegen kommt. Stille. Alle schauen herüber. Der so Gedemütigte jedoch steht wieder auf, zählt seine Knochen, klopft sich den Dreck von der Kleidung und kehrt zurück an den Tisch. Und stellt seinen Kumpel zur Rede: »Sag mal ... war des jetzt Spaß oder Ernst?« – »Das war kein Spaß!«, gibt der Täter unmissverständlich zu. – »Dann hast Du nochmal Glück gehabt!« erwidert der Geschundene, »ich versteh nämlich keinen Spaß«.
Die meisten Witze beziehen
ihre Heiterkeit aus dem Scheitern.
Das Tragische macht sie
so komisch.
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