Wolf Schneiders Webdiary
10.4.2004
»Das Wesentliche« in Religion & Selbstfindung
Worin die beiden Wolf Schneiders sich unterscheiden
»Es ist wohl so, dass ich "das Wesentliche" nicht suche« schrieb mir letzte Woche mein Namensvetter, der weithin bekannte Journalist Wolf Schneider, Autor von 24 Sachbüchern, darunter acht über Sprache, mit Titeln wie »Wörter machen Leute« oder »Deutsch für Kenner«. Wir waren in Kontakt gekommen, weil wir manchmal miteinander verwechselt werden. Im Zuge eines kurzen Briefwechsels hatte ich mich u.a. mit meinem Buch »Auf der Suche nach dem Wesentlichen« vorgestellt, und das war nun seine Antwort: Er sucht das Wesentliche gar nicht. Außerdem schreibt er »Mein religiöses Bedürfnis ist Null« und »Die "Selbstfindung" zumal treibt mich auf die Barrikade«.
Ost und West, sie treffen sich doch
Auch mich hat schon so manche »Selbstfindung« auf die Barrikaden getrieben, und auch bei mir ist das religiöse Bedürfnis in gewisser Hinsicht gleich Null. Jedenfalls das Bedürfnis, mich einer Religion anzuschließen ist null – das Bedürfnis, das Rätsel meiner Existenz zu lösen (vielleicht einfach, in dem ich es lebe) hingegen ist riesengroß.
Und was die »Selbstfindung« anbetrifft, muss diese Suche ergebnislos bleiben, denn – um mit Buddha zu sprechen, gibt es ein solches Selbst nicht (die berühmte Lehre von »Anatta« ist DER Kernpunkt des Buddhismus). Und um mit einem Europäer wie Ludwig Wittgenstein zu sprechen, ist »das Selbst« ein Sprachmissbrauch: Das reflexive Wörtchen »selbst«, wie etwa in »sich selbst betrachten« meint nur den Rückbezug, es enthält so wenig »etwas« wie das Wort »zwischen«. Es gibt ja auch nicht »ein Zwischen«, wie sollte es da »ein Selbst« geben? »Worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen« schrieb Ludwig Wittgenstein, und auch Buddha schwieg über das Wesentliche. Die tiefsten Denker von Europa und Asien sind sich in dieser Hinsicht einig.
Vorbehalte, die trennen
So weit sind wir also gar nicht voneinander entfernt, mein Namensvetter und ich, aber die Vorbehalte gegen das Religiöse und alles religiös oder selbstfinderisch Anmutende sind da, und sie trennen uns. Diese Vorbehalte gibt es überall unter westlichen Intellektuellen, und mir scheint, im Nach-Hitler-Deutschland, in der Bundesrepublik sind sie noch stärker. Die Medienmacher, Intellektuellen und andere Kulturträger sind von einer diffusen Angst besessen, eine irrationale Metaphysik – speziell, wenn sie von einem charismatischen Menschen ausgesprochen wird – könne sie in den Bann ziehen mit ihren magischen Worten und Symbolen.
Im Wesentlichen unprätentiös
Wolf Schneiders Sprachbücher sind grandiose Führer zu einer 'wesentlichen', will sagen: einer aufs Wesentliche beschränkten Sprache. Er kämpft gegen das Phrasengedresche der Politiker und Journalisten, gegen aufgeblähte Sprachkonstruktionen, die viel hermachen aber nichts enthalten, gegen Worthülsen und Eitelkeit im Sprachgebrauch. Was für ein puristisches Konzept! Ich bewundere ihn hierin und empfehle in meinen Schreibkursen seine Bücher. Sie erscheinen mir so wesentlich!
Und da der Stil immer auch Ausdruck des Charakters ist, muss ich annehmen, dass auch Wolf Schneiders Charakter der eines unprätentiösen Menschen ist, der es schätzt, eine Sache auf den Punkt zu bringen – eben wesentlich zu werden. Dazu braucht man keine Religion. Im Gegenteil: Der Firlefanz religiöser Zeremonien ist meist etwas, das einen vom Wesentlichen abhält. Eitelkeit, Egoismus und Machtmissbrauch haben die Religionen zu dem gemacht, was sie heute sind. Aber diese Fallen gibt es überall. Es genügt eben nicht, sich von den Religionen zu distanzieren, um schon dadurch diesen Fallen zu entkommen. Auch die Verteidigung des 'richtigen' Atheismus oder Agnostizismus kann einen unwesentlich und prätentiös werden lassen.
Psychologie einer umstrittenen Gestalt
Mein Namensvetter ist 1925 geboren. Mit 18 Jahren wurde er Soldat und blieb das bis Kriegsende. Und schrieb dann irgendwann in der jungen Bundesrepublik ein Sachbuch »Soldaten – Weltgeschichte und Psychologie einer umstrittenen Gestalt«, das 1964 erschien. Der im Nazireich Aufgewachsene hat die Bundesrepublik Deutschland von Anfang an mitbekommen, erst als Dolmetscher der US-Army, dann als Korrespondent, Nachrichtenredakteur, politischer Autor und schließlich immer mehr als radikaler Sprachkritiker und Kritiker journalistischer 'Desinformation'.
»Dialog«?
Er hat so viel Anderes gesehen und erlebt als ich, er gehört einer anderen Generation an. Wieviel haben wir außer dem Namen und der deutschen Sprache noch gemein? Auch darüber sind wir verschiedener Meinung. »Lassen wir's dabei, dass sich durch Zufall plus Internet unsere Wege kurz gekreuzt haben«, schreibt er mir am Ende seines kurzen Briefs. Nun denn ... die von ihm 1972 herausgegebene Monatszeitschrift hieß zwar »Dialog«, aber den muss man ja nicht immer und mit jedem und über alles betreiben ;-)
Auch nicht über 'das Wesentliche'?
Auch darüber kann man geteilter Meinung sein.
Lassen wir's also dabei ...
»Worüber man
nicht sprechen kann,
darüber soll man schweigen«
Ludwig Wittgenstein
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