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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

17.4.2004

Transzendenz

Warum Selbsterkenntnis so schwer ist

»Transzendenz«, was für ein schreckliches Wort! Mit diesem religiösen oder philosophischen Zeug will doch keiner was zu tun haben. Ham wa aba doch, ob wir wollen oder nicht, denn die Begegnung mit der Transzendenz – oder dem Unglück ihres Fehlens – lässt sich nicht vermeiden.

Bürokraten und Streithammel
Der deutsche Staat will seine überaus komplizierte Steuergesetzgebung vereinfachen. Wie macht er das? Durch Gesetze, die diese Vereinfachung regeln – aber leider tun sie das wieder auf ziemlich komplizierte Weise. Zu den vielen Steuergesetzen werden nun noch weitere Gesetze über die Vereinfachung eben dieser Steuergesetze hinzu gefügt, deren Geltungsbereich und Anwendungsmodalitäten zu erforschen oder gar erst zu erfahren sind.
Bürokratie lässt sich eben nicht bürokratisch beseitigen. Ein Problem kann man nicht von derselben Ebene aus lösen, auf der man es erschaffen hat. Wenn ich jemanden auf seine Streitlust oder Rechthaberei hinweisen will, wird ein richtiger Streithammel doch bestreiten, das er überhaupt streitlustig sei und sich nun mit mir über diese unverschämte Behauptung streiten. Das Problem ist eben nicht auf dieser Ebene lösbar. Wir müssten die Ebene wechseln, um von dort aus seine und meine Behauptung, sein und mein Verhalten betrachten zu können.

Der Bürokrat als Heiliger
Geist ist die Fähigkeit, die Ebene zu wechseln. Wenn der, den ich streitlustig nenne, imstande ist, seine Reaktion auf diesen Vorwurf 'von woanders aus' zu betrachten, dann hat er Geist. Und ich habe Geist, wenn ich imstande bin, nicht nur ihn als streitlustig zu betrachten, sondern auch zu sehen, dass ich mit dieser Behauptung ihn angreife.
Ebenso schwer wie dieser Perspektivwechsel ist es für eine Verwaltung, sich selbst zu vereinfachen. Eine Verwaltung, die dies kann, hätte 'transzendente' Qualitäten: Sie wäre imstande, über sich selbst hinaus zu gehen. Hat das mit Religion oder Philosophie zu tun? Der Bürokrat als Heiliger, als Yogi oder Wundertäter, als Übermensch, der über sich selbst hinauswächst?
Dabei sind doch gerade in diesen Bereichen Wunder nötig: Bürokraten, die sich selbst überflüssig machen; Militärs, die Frieden schaffen. Menschen, die sich selbst erkennen. Alles das ist Transzendenz.

Geist oder Spirit?
Wenn Geist die Fähigkeit ist, die Ebene zu wechseln, was ist dann »Spiritualität«? Brauchen wir dieses Fremdwort überhaupt?
Viele spirituelle oder religiöse Menschen sehen im Materialismus einen Gegner und ihre »Spiritualität« als Kontrahentin von »Materialität«. Das halte ich für Unsinn – jedenfalls für ziemlich geistlos. Der Geist ist der Kontrahent von niemand, außer vielleicht von der Dummheit oder Sturheit (und auch diese Gegenerschaft lässt sich transzendieren). Jedenfalls lässt er sich nicht auf eine Position festnageln, er ist flexibel, er kann den Standpunkt wechseln.
Ich bin kein Gegner der Materie und auch nicht von Materialität (Was ist das überhaupt?). Ein Gegner des Materialismus bin ich nur, insofern ich auch Gegner des Spiritualismus bin und jedweder -ismen. Insofern bin ich kein spiritueller Mensch, obwohl ich doch ein Magazin herausgebe, das die viele meiner Leser als 'spirituelles Magazin' bezeichnen würden. Ich aber finde diesen ganzen Gegensatz unsinnig, ich bin kein Partisan von Spiritualität.
Das Zusammenspiel von Geist und Materie gefällt mir, ich schaue dem gerne zu, will mich dabei aber nicht eine der beiden Seiten schlagen. Ich bin ja auch nicht ein Verfechter der Partikel- oder der Wellennatur des Lichtes. Beides sind nur Theorien – Versuche, das Phänomen des Lichtes zu erfassen. Beide sind in sich auf ähnliche Weise schlüssig, aber sie sind einander keine Gegner.

Verflixte Selbsterkenntnis
Wenn Geist die Fähigkeit ist, die Ebene zu wechseln, dann müsste man mit dieser Fähigkeit auch einen Standpunkt einnehmen können, von dem aus man sich selbst betrachtet. Allerdings: Wer betrachtet da wen? Wenn ich dabei mich selbst betrachte, dann muss ich mich doch vorher entzweit haben, so dass der eine Teil von mir den anderen betrachten kann.
Das Reflexive, der Rückbezug, die Selbstbetrachtung oder Selbsterkenntnis führt jedenfalls zu solchen Widersprüchen, ähnlich wie die logischen Antinomien, die (siehe Frege, Russel, Wittgenstein und Folgende) im vergangenen Jahrhundert die Grundlagen der Naturwissenschaften erschüttert haben. Wenn ein Philosoph sagt, dass alle Philosophen lügen, dann haben wir da ein Problem. Lügt er, oder sagt er die Wahrheit? Jede der beiden Annahmen führt zum Beweis ihres Gegenteils.
Dieses Problem haben wir mit allem Reflexiven. Es lauert überall dort, wo Beobachter und Beobachtetes nicht sauber voneinander getrennt sind. Deshalb sind Weisheit, Mystik und Selbsterkenntnis so paradox, und Transzendenz ist so schwer zu verstehen.

Bürokraten, die sich reduzieren,
Militärs, die Frieden schaffen,
Menschen, die sich selbst erkennen ...

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