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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

21.4.2004

Kinder, Kinder, noch mehr Kinder

Vom Fluch der nationalen Beschränktheit

»Deutschland bräuchte Kinder, Kinder und nochmals Kinder. Doch selbst wenn ab heute jede gebärfähige Frau vier bis fünf Kinder bekäme, bliebe die Geburtenbilanz bis etwa 2040 im Minus«, steht heute in der SZ. Und das an ziemlich prominenter Stelle, als Bildunterschrift unter dem Aufmacherbild auf der ersten Seite der Lage »Immobilien«. Warum gerade dort? Weil nun auch die Immobilienbesitzer sich Sorgen machen, dass sie eines Tages zu wenig Mieter haben könnten. Bisher sind es vor allem die Rentenversicherer und die Politiker, und allmählich auch die (vermeintlich) Rentenversicherten, die beim Blick auf die Alterspyramide den Staatsbankrott vorausahnen. Nun haben sich auch die Immobilienbesitzer in den Chor derer eingereiht, die nach gebärwilligen Frauen und Babies rufen.

Bevölkerungsexplosion oder Nachwuchsschwund?
War nicht erst kürzlich von einer Bevölkerungsexplosion, einem übervölkerten Planeten und dem endgültigen Ruin der Biospäre durch zehn bis fünfzehn (heute sind es gut sechs) Milliarden Menschen die Rede? Und jetzt wird nach Babies gerufen, um die Renten zu sichern? In der heutigen SZ dominieren sogar die Sorgen, die hohen Münchner Mieten könnten sinken, weil keine 100 Babyboomer mehr vor der Tür stehen, wenn in einem begehrten Viertel mal eine erschwingliche Wohnung zu vermieten ist.
Was ist uns wichtiger: Dass die armen Münchner Vermieter nach wie vor tausend Euro und mehr pro Monat für eine passable Dreizimmerwohnung verlangen können, oder dass die Biosphäre endlich ein bisschen erleichtert wird von dem exponentiellen Anwachsen der Bevölkerung des homo sapiens, der nun auch noch die Ozeane und die letzten Reste an Urwäldern zu plündern begonnen hat, um ein paar Mäuler zu stopfen, oder vielmehr: um Dollars oder Euros zu verdienen mit dem Verkauf von Fleisch oder Fisch an übergewichtige Reiche?

»Im Ganzen« gesehen sind es zu viele Kinder
Der Denkfehler hinter diesem absurden Ruf nach Kindern auf einer eh schon hoffnungslos übervölkerten Erde ist, dass hier nicht die Demografie der ganzen Bevölkerung gesehen wird, sondern nur die eines kleinen Teils, eben eines Landes. Der Blick aufs Ganze fehlt. Wenn der Blick auf ein Partikel gerichtet wird, ja, dann kann man Angst bekommen um die Renten (und ach: auch die Mieten, die dann eine hohe heutige Immobilieninvestition vielleicht nicht mehr so schnell amortisieren können).
Die Erde als Ganzes ist aber immer noch übervölkert, und die Geburtenrate ist zu hoch, viel zu hoch. Die Erdbevölkerung müsste sinken, das wäre gut. Wie schnell, darüber kann man streiten, aber sinken müsste sie. Leider ist auch heute noch die Geburtenrate weltweit gesehen viel höher als die Sterberate. Das wird zu fürchterlichen Verteilungskämpfen führen, zu Hunger, Wasserknappheit, Migrationen, Aufständen der Armen, Bürgerkriegen und anderen Katastrophen. Je mehr Menschen sich die Erde teilen müssen, umso weniger ist für den einzelnen da, an Nahrung, Wasser, Boden, Erholungsraum und anderen Ressourcen.

Zu wenige Kinder der Reichen,
zu viele Kinder der Armen

Der enge, partikuläre, nationale Gedanke trägt die Hauptschuld an dieser absurden Angst vor zu wenig Kindern. Weltweit sind es zu viele, nur in ein paar reichen Nationen sind es relativ wenig - ob es wirklich selbst in diesem abgegrenzen Raum wirklich »zu wenig« sind, ist nochmal eine andere Frage.
Wir rufen nach gebärwilligen Müttern, aber wir schotten die Grenzen ab gegen Immigranten, die uns angeblich die Arbeitsplätze wegnehmen. Die Bastion Europa schottet sich ab gegen Afrika und Asien. Jedes weitere gekenterte Boot voller sehnsüchtiger Immigranten vor den Küsten Spaniens, Italiens oder Griechenlands ist ein weiterer Beweis für die Attraktivität dieses Luxusviertels der Erde – in dem nach Kindern gerufen wird. Aber es müssen die Kinder der Reichen sein, die Kinder der Armen sollen bitte draußen bleiben, die dürfen im Mittelmeer ertrinken, oder im Rio Grande.

Ganzheit
Der Kerngedanke aller spirituellen Richtungen ist die Ganzheit. Schau über den Rand der engen Grenzen hinweg, in denen dein Geist, dein Bewusstsein bisher gefangen war, schau in das größere Ganze! Deshalb heißen die alternativen Wege auch »ganzheitlich«. Sie wollen nicht nur das eine im Auge haben, im berüchtigten Tunnelblick, sondern auch das andere, das mit dem einen zu einem größeren Ganzen wird. Nicht nur der Körper, sondern auch die Seele. Nicht nur die Nation, sondern auch der Kontinent, und nicht nur der Kontinent, sondern die Erde als Ganzes, mit allen ihren Landmassen, Meeren und der Atmosphäre. Und das nicht nur für dieses Jahr oder die jetzige Legislaturperiode, sondern ein paar Generationen weit in die Zukunft. Deshalb ist es so wichtig, dass Ganzheitlichkeit Eingang findet in die Politik.

Standortwettbewerb?
Ja, ja, es wird viel geschwätzt. »Ganzheitlichkeit« im Mund zu führen, heißt noch nicht, grenzüberschreitend denken zu können. Aber es ist schon mal ein Anfang, dieses Wort auszusprechen und damit eine Richtung anzudeuten, in die Herz und Seele und auch das Denken sich bewegen können.
Der Standortwettbewerb der Nationen untereinander um Firmenansiedlungen ist ein solches absurdes Ergebnis des Tunnelblicks. Jede Firma kann mit einer Abwanderung nach Liechtenstein oder auf die Bahamas drohen, wenn eine Regierung ihr nicht das erfüllt, was die Firma sich wünscht – jede Regierung ist damit erpressbar, denn jede braucht Steuereinnahmen. Das Ergebnis solcher vielfacher Erpressung ist inzwischen, dass die Staaten kaum mehr Steuern von den Firmen nehmen. Der Großteil der Steuereinnahmen kommt heute von den Arbeitnehmern, den 'kleinen Leuten', denn die können in der Regel nicht so leicht in die Bahamas abwandern oder nach Liechtenstein wie die Firmen.

Weltparlament
Die Lösung wäre, dass die Nationen sich zusammentun und ein Weltparlament erschaffen, das Gesetze erlässt, die allen nützen: Steueroasen und Kriege sind verboten, das Flugbenzin wird besteuert, die Weltmeere, die Atmosphäre und die verbleibenden Urwälder werden geschützt, und das alles wird per Gewaltmonopol auch tatsächlich durchgesetzt. Ein Weltparlament wählt eine Exekutive, und die bestimmt eine Polizei, die mit einem Bruchteil der Weltmilitärausgaben auskommt, um gegen organisierte Kriminalität vorgehen zu können. Ein Weltgericht verurteilt Massenmörder, Präventivkrieger, Warlords und Umweltsünder. Die Verfassung regelt die Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative. Das gestaffelte föderale System reicht von kleinen regionalen Einheiten über mittlere bis zu den großen. So bleiben auch Sezessonisten im Verband »des Ganzen«: Wenn die Basken sich von Spanien trennen oder die Kurden von der Türkei, bleiben sie immer noch im überregionalen Verband und den Weltgesetzen unterworfen, eine Sezession ist dann so harmlos wie die Spaltung der Tschechoslowakei in Tschechien und die Slowakei es war.

Es geht! Wir brauchen dazu nur einen Geist, der bereit ist, auch mal die Ebene zu wechseln und den Willen, vom partikularen Denken zu einem Denken überzugehen, das größere Ganzheiten erfasst.
Wenn dann mal wieder ein Verband der Immobilienbesitzer in einem reichen Land nach Kindern, Kindern und noch mehr Kindern ruft, dann braucht es ein paar Stimmen, um diesen zur Räson zu bringen.

In den Luxusvierteln der Erde
wird nach Kindern gerufen:
nach Kindern der Reichen

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