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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

22.4.2004

Gibt es Gott? Oder ist alles leer?

... und nirgendwo ein Krümel mehr von 'etwas'

Einer unserer Autoren, der Buddhist und Buddhismus-Kenner Hans Gruber, schrieb mir neulich:
»Es ist mir aufgefallen, dass du in deiner vorletzten Mail die Sicht von der Leerheit am Ende geteilt hast: "leer ist eben leer, da ist kein Krümel von 'etwas' mehr, auch kein höheres Selbst"; während du zwei Zeilen vorher "Gott als das transpersonale Ganze" (was auch ein "Selbst" ist) mit der Leere gleichgesetzt hast ("die Leere und / oder Gott als das transpersonale Ganze"). Gilt das "kein Krümel von 'etwas' mehr" nicht auch dafür? Die Vertreter des transpersonalen Denkens sprechen viel von einem "wahren" oder "höheren Selbst". Du bist hier mit deiner Haltung vom Ende nicht konsequent.«

Gott als "Verlauf"
Ich antwortete ihm: »Ich denke, dass wir uns hier ein bisschen unterscheiden, aber nicht in der geistigen Strenge, mit der das Nicht-Selbst oder die Leere als Abwesenheit von jeglichem "Etwas" zu verstehen ist. Für mich ist "Gott" ein emotionalerer Zugang zum transpersonalen Ganzen. Mit der Leere kann man nicht sprechen, man kann sie eigentlich auch nicht fühlen, sie ist ja - nichts. Gott aber kann man fühlen, und das hat dann schon eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Persona. Oder ist auch dieses Fühlen von Gott eine Illusion? Vermutlich ist es das: eine Illusion. Aber das stört mich nicht.
Gott als Begriff ist für mich so etwas wie in der Grafik ein "Verlauf": Da hat man am einen Ende der Seite einen Punkteraster, die Punkte werden aber immer weniger, die Farbe immer dünner, bis ... nichts mehr da ist. So wie sich die Parallelen im Unendlichen begegnen, so kann ich Gott begegnen – und "ich" verlaufe dabei im Unendlichen ebenso wie "Gott".
Das ist natürlich nicht mathematisch-logisch, sondern eher poetisch 'gedacht' und sicherlich auch von dem Wunsch nach einer Verbindung der Weltreligionen im Essentiellen getragen.«

Illusion von Verständnis
Heutzutage ist es modern und politisch angesagt, festzustellen, dass Christentum und Buddhismus – oder sogar überhaupt alle Religionen – »im Grunde dasselbe« meinen. Hans Gruber wehrt sich gegen solche 'Kuschelbeziehungen' zwischen den Religionen, und ich bewundere die Schärfe und Konsequenz, mit der er diese Auseinandersetzung führt – denn das ist es: eine Auseinandersetzung, keine Zusammensetzung.
So viele Menschen glauben, sich zu verstehen, und wenn man genau hinsieht, merkt man, dass sie voneinander nicht viel verstanden haben, dass eben nur der Wunsch nach Harmonie sie getragen hat, und nun glauben sie, sie seien geistesverwandt oder derselben Meinung.

Gott ist ungefähr so etwas wie
in der Grafik ein "Verlauf":
Die Farbe wird immer dünner,
bis ... nichts mehr da ist

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