Wolf Schneiders Webdiary
28.4.2004
Wo bitte geht's hier zur Einheit?
In Politik und Religion nicht, in Kunst und Wissenschaft schon eher
Die Welt ist zersplittert, gespalten, fragmentiert in so viele Teile .... überall liegen nur Stücke herum .... was sollen wir damit anstellen? Keiner weiß wirklich, wie das alles miteinander zusammenhängt, wen könnte man denn da mal fragen? Auch mir reicht's: ein Bier her und den Fernseher anschalten. Da kommt dann der Typ, der den Kommentar spricht, und ich sage: »Ja, so isses!« oder »Was für ein Idiot!«. Diese markigen Sprüche aber bringen uns kein bisschen weiter.
Die eine Hand weiß nicht, was die andere tut (oder tun will), so ungefähr sagte es Jesus. Und in der Weltpolitik: Hier wollen sie dies, dort das. Die Nationen sind untereinander zerstritten, ihre Politiker nur Vertreter des »nationalen Interesses«, und innenpolitisch sind sie umgeben von Lobbyisten. Auch die »demokratische« Variante der Politik ist nur ein Eiertanz der Kompromissfindung – in der Außenpolitik zwischen den Ländern, in der Innenpolitik zwischen den Interessengruppen innerhalb des Landes. Welche Gruppe oder Person es dabei am besten schafft, die »Politiker der Mitte« zu erpressen, die hat das Sagen.
Auch im einzelnen Menschen selbst tönt das Geschrei der Interessengruppen: »Benimm Dich!« oder »Tue Dir doch selbst mal was Gutes!«, »Lass Dir das nicht gefallen!« oder »Meditier lieber mal wieder, dann kommst Du zur Ruhe« und so weiter. Die Stille, die Ruhe, die Integration, das sind meist nur ferne Wunschträume.
Was machen denn die Religionen?
Inmitten von alledem mache ich eine Zeitschrift, die »connection« heißt, Verbindung. Alles sei mit allem verbunden, sagt sie. Man hält sie für eine spirituelle, mystische, religiöse Zeitschrift. Das stimmt schon irgendwie, aber .... »religiös«?
Was machen denn die Religionen? Sie spalten mehr, als dass sie vereinen. Kaum anders als die Politik, die auch mehr spaltet, als dass sie vereint. In der Kunst und Wissenschaft ist es ein bisschen besser: Künstler und Wissenschaftler aus aller Welt, aus allen Kulturen, Altersgruppen, sozialen Schichten verstehen sich immerhin ein bisschen leichter als politisch oder religiös festgelegte Menschen.
Ich glaube, die Vertreter der Religionen sind die Schlimmsten, und unter ihnen wiederum die Fundamentalisten. Sie sind die stärksten Verfechter der Trennung. Gerade dort, wo das Wissen um die Einheit von allem theoretisch am stärksten verankert ist, in der Mystik, dem Kern und Urgrund der Religionen, gerade dort, in den Religionen, ganz nahe an ihrem Kern, wurzelt auch der brutalste und gnadenloseste Fanatismus.
Eint denn immerhin die Wirtschaft? Wir leben doch auf derselben Erde und haben sehr ähnliche menschliche Bedürfnisse. In ihrem Streben nach einem freien Markt rennt die sich globalisierende Wirtschaft alle Grenzen nieder und öffnet, befreit, vereint. Aus den so verschiedenen einzelnen Weltkulturen macht sie eine Einheit – wenigstens einen Eintopf, das stimmt. Die Vielfalt der Ursprünge und die kulturelle Identität der Teilnehmer geht dabei allerdings verloren, alles tendiert zur Nivellierung und Vereinheitlichung. Und dabei schafft diese Wirtschaft neue Trennungen oder krassere – die zwischen reich und arm, zwischen Besitzenden und Besitzlosen werden krasser; auch die zwischen Logos und Images, den vermarktbaren Identitäten werden schärfer und damit die zwischen den Menschen, die an ihnen haften. Auch ein Autor oder Musiker braucht auf dem Weltmarkt ein Logo, ein Image, eine Markenstrategie. Es genügt nicht einfach, gut schreiben oder gut musizieren zu können – man muss sich unterscheiden von den anderen, und diesen Kult der Verschiedenartigkeit nennt man dann Identitätsmarketing.
The Oneness Gathering
Was tun in diesem Schlamassel, in dem die Trennung die Mutter aller Dinge ist?
Ich zum Beispiel schreibe dieses Webtagebuch, um Dinge, die so aussehen, als hätten sie nichts miteinander zu tun, miteinander in Verbindung zu bringen – denn sie haben miteinander zu tun. Alles hat mit allem zu tun, wie subtil oder von sehr verschiedener Relevanz die Verbindungen der Menschen, Dinge und Themen untereinander auch jeweils sein mögen. Deshalb heißt die Zeitschrift, die ich herausgebe, »connection«.
In diesem Frühjahr setze ich mich als Medienpartner und Zeitschriftenmacher für ein Festival ein, das sich genau das auf die Fahnen geschrieben hat: das Bewusstsein der Einheit. Nicht Friede, Freude, Einheitskuchen, sondern das Bewusstsein, dass auch scheinbar sehr disparate Dinge miteinander zu tun haben.
In gut fünf Wochen (11.-13. Juni) treffen wir uns in Gut Sedlbrunn (mehr dazu unter www.connection.de oder Fon 08639-98 34-26). Neale Donald Walsch wird am Freitag Abend den Eröffnungsvortrag halten. Dann geht es weiter mit dem Musiker und Schamamen Kailash am Lagerfeuer, und am Sa und So wieder im Festzelt mit Pratibha und ihrem Heartdance, mit Joga Dass und dem Energiemeister Michael Barnett, und zum Schluss wird Drunvalo Melchizedek per Ton und Bildschirm aus Sedona zugeschaltet. Ein paar hundert Menschen werden dieses Event feiern – Menschen wie du und ich, die ihre Teile zusammenkriegen wollen, innen und außen, die eine Einheit werden wollen, ein Individuum – oder die einfach feiern wollen, dass diese Einheit schon da ist. Dass die Einheit die Wahrheit ist und nicht die Trennung – inmitten der Vielfalt eine Feier der Einheit.
Im einzelnen Menschen
wie in der Weltpolitik:
überall das Geschrei
der Interessengruppen
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