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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

3.5.2004

Die Meisen

Ohne sie hätte ich aufgegeben

Dieser Tage fahre ich gerne mit dem Mountainbike durch die blühende Natur. Noch nicht alle Bäume haben sich geöffnet, manche stehen noch kahl und zeigen nur ihre prallen Knospen. Andere strecken zartgrüne Blätter nach draußen; die Buchen gehören dazu, sie sind dieser Tage erwacht, als die Eschen schon ganz da waren und die Eichen noch schliefen. Auf einer Bank am Hang vor einem Wiesentälchen, in dem der gelbe Löwenzahn die große üppig grüne Wiese gelb gesprenkelt hat, sitze ich und schaue zu, höre das Zwitschern der Vögel und den Wind in den Bäumen und rieche den Wald und die nahe Wiese.
Wann ist es am schönsten: kurz bevor es losgeht, oder mittendrin?

Vorfrühling
Anfang März muss es gewesen sein oder noch im späten Februar. Ich wohnte damals mit meinen Eltern und Schwestern in Obermenzing, einem Westmünchner Vorort und ging auf das naturwissenschaftliche Gymnasium in München-Pasing. Ich war vielleicht elf Jahre alt und fuhr gerne mit meinem Radl herum. Nachmittags nach den Hausaufgaben durfte ich weg. So oft ich konnte, fuhr ich von zuhause aus so weit weg wie ich konnte, so weit ich eben von meinem Elternhaus aus kam in der kurzen Zeit zwischen den Hausaufgaben und dem Abendessen.
An einem solchen Nachmittag war ich an der Schule vorbei in den Wald südlich von Pasing gefahren. Überall lag noch Schnee. Der Wald war eigentlich ein ziemlich langweiliger Forst: überall steife Fichten, ganz gerade, kaum Unterholz. An einer Stelle aber fehlten ein paar Fichten, da hatte sich einiges Gebüsch gebildet, dort drangen die Strahlen der Wintersonne schräg herein durch die Bäume bis nach unten, wo ein paar Meisen turnten in den Zweigen. Glück, Licht, der nahe Frühling, ... ich hörte das "zip, zip" der Meisen, lauschte, weinte vor Freude und schöpfte Hoffnung.

Initiation in die Hoffnung
Hoffnung? Ich hatte gar nicht gewusst, wie verzeifelt ich war. Alles war so trist, so hoffnunglos. Wozu leben? Ich wollte in der Natur sein und wusste doch, dass ich als Mensch zu einem Leben in der Zivilisation verdammt war. Die Meisen in jenem Wald zwischen München-Pasing und Großhadern aber zwitscherten so fröhlich, als wäre es doch möglich, sich am Leben zu freuen.
Immer wieder habe ich mich an diese Meisen erinnert, sie waren meine Initiation in die Hoffnung. Ohne sie – hätte ich irgendwo anders Hoffnung geschöpft, denke ich heute, aber damals schien es mir nicht so. Damals dachte ich, ohne diese Meisen hätte ich es aufgegeben an die Schönheit zu glauben. Die Meisen und das Sonnenlicht auf dem Schnee, im Vorfrühling, im Wald .... es gibt Momente, da ist die Seele offen, und die Farbe des Lichtes, das da hineinfällt in die Dunkelheit – diese Farbe, diesen Moment und was man da gesehen hat, das wird man ein Leben lang lieben.

Es gibt Momente,
da ist die Seele offen,
und die Farbe des Lichtes,
das da hineinfällt ins Dunkle
vergisst man nie

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