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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

1.6.2004

Jung sein, alt werden

Und das lächerliche Pathos des Bemühens um Weisheit

Am Samstag, zu unserem Gründungsfest von »connection Gesundheit« hat mir der Thomas Schmelzer aus München eine DVD mit der Überspielung des 20-min-Films mitgebracht, den das ZDF 1976 von mir in Bangkok gedreht hat. Ich war damals 23 Jahre alt und lebte dort als buddhistischer Mönch. Das ZDF hatte mich zufällig gefunden. Eigentlich wollten sie den Ex-Diktator von Thailand filmen, der war in einer der Mönchshütten nebenan, aber er zeigte sich nicht, deshalb filmten sie mich.

Ach, damals ...
Ich finde es süß, mich dort zu sehen als junger Mönch. Heute bin ich 51, damals war ich 23 – das ist so lange her. Ich habe diese Aufnahme erst seit 1996 (auf VHS) und habe fast nie reingeschaut. Jetzt habe ich sie auf DVD, da ist es leichter, da kann ich die Bilder stoppen und leichter vor- und rückspulen. Und schwelge in der Erinnerung, wie es damals war.
Im Gedächtnis sind nur noch Sedimente, dort sind die Ereignisse vergilbt, fast verfallen, oder sie werden zu Mythen. So ein Film in seiner konkreten Sinnlichkeit ruft die Ereignisse wieder herbei, so als könnte ich dort reinsteigen und durchs Kloster gehen. Oder wie ich mit der Schale (die sie hier Bettelschale nennen, aber es ist kein Betteln, sondern ein religiöses Ritual des Gebens und Nehmens) auf die Straße gehe ... morgens, bei den Slumbewohnern an den Wasserkanälen entlang oder über Straßen und Gehsteige, durch Pfützen, über Erde und Asphalt, immer barfuß. Ich schaute auf den Weg vor mir, beobachtete meine Füße und den Atem, sah die Menschen nicht als Individuen, nur die Phänomene waren wichtig, wie sie kamen und gingen. Ich löste mich dabei auf, wurde angenehm still und langsam, pathetisch langsam.
Bisher war es mir meist peinlich, das zu sehen und meine Stimme dazu zu hören. Jetzt finde ich es süß, was der junge Typ dort sagt, der ich bin. Schau, das bin ich!

Nichts festhalten
Damals noch wollte ich nichts festhalten, keine Fotos oder Filme, keine Souvenirs. Das Leben sollte kommen und gehen in seiner Flüchtigkeit, ohne Spuren zu hinterlassen. Ich wollte es erfahren, genießen und erleiden ohne Rück- und Vorbehalte. Nur nichts ergreifen! Es gutheißen und dann wieder gehen lassen. Deshalb habe ich auch keine Fotos von meiner Sannyas-Initiation in Poona ein Jahr später. Dieses Souvenier-Getue war mir zuwider. Heute aber freue ich mich, dass ich diese Bilder habe und sie mir ansehen kann und sinnieren kann über die Zeit und die Zeitlosigkeit.

Außenschau, Innenschau
Der Typ da im Fernsehen bewegt sich! Man kann ihn hören, was er sagt und sieht, wie seine Brust sich beim Atmen auf- und abbewegt. Ich erinnere mich, wie das »von innen« aus war, dieses Atmen und gefilmt werden. Die ZDF-Leute kamen mir komisch vor – ich ihnen wahrscheinlich auch.

Große Gesten
Und so jung ist er! Was für ein Körper, so jung und unverbraucht. Aber auch unreif. Pathetisch jung. Die große Geste, um die er sich da bemüht, die steht ihm nicht, sie wirkt ein bisschen lächerlich. Dabei habe ich das doch so ernst gemeint. Und auch heute noch komme ich mir manchmal ganz schön pathetisch vor und irgendwie lächerlich in meinem Bemühen um Weisheit.
Wer das Sterben nicht kennt, den Tod, den Übergang von diesem Leben in ein anderes, wer nicht wenigstens innerhalb dieses einen Lebens solches Stirb-und-Werde kennengelernt hat und lebt, der wird in seinem Bemühen um Weisheit wohl immer ein bisschen pathetisch wirken.

Auch heute komme ich mir
manchmal noch so lächerlich vor
in meinem Bemühen um Weisheit

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