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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

5.7.2004

Fenster in der Zeit

Ich blicke hindurch, aus der Ewigkeit

Es kommt mir vor, als würde ich durch ein Fenster schauen auf meine Lebenszeit.
Durch das Fenster sehe ich, wie es ist, am Leben zu sein: hier und jetzt, dieses Leben hier, von Wolf Schneider, hineingeworfen in die Ewigkeit. Ungefähr 70, 80 Jahre lang schaue ich da hindurch, dann ist es vorbei.
Ich war aber schon vorher da, und ich werde danach da sein, dann eben ohne durch das Fenster zu schauen. Dann schlafe ich, so wie ich vorher geschlafen habe, vor meiner Geburt, äonenlang. Zeitlos lang. Und auch nach meiner Zeit, nach dem Blick durch das Fenster, werde ich wieder in der Zeitlosigkeit versinken.

Zeit und Raum
Überhaupt Zeit – immer mehr erscheint es mir, als würden Zeit und Raum zusammen gehören. Die Stellen, an denen ich etwas erlebt habe, tragen das noch in sich, was dort war, ebenso wie sie das, was künftig dort geschehen wird, in sich tragen.
Die Stellen im Haus oder im Wald, an denen ich mich mit einer Geliebten getroffen habe, tragen diese Begegnungen noch in sich wie Markierungen auf einer vertikalen Achse. Die Stellen vergessen nicht, was dort geschah.

Draußen ist drinnen
Ist das vielleicht nur in meiner Wahrnehmung so, in meinem Gedächtnis, in mir? »Draußen«, was ist da?
Nichts als das, was ich wahrnehme, also auch wieder Zeit und Raum in einem. Die Stellen in meinem Gedächtnis sind es, die Zeit und Raum vereinen, nicht die Welt da draußen! Aber die ist ja auch drinnen: Wenn ich von ihr weiß, ist sie drinnen. Wenn sie unabhängig von mir dort draußen wäre, wüsste ich nichts davon, könnte sie also ignorieren; was ich hiermit tue.

Nasse Gedanken
Auf der Terrasse liegend, tauchen solche Gedanken auf aus der Geborgenheit des einfachen Daseins. Geborgen bin ich im Nichtdenken, im Sein und Spüren, kann dazu aber nichts sagen, es sei denn, ein Gedanke taucht auf, so wie dieser hier. Der ist aber falsch, denn er ist aufgetaucht. Er hat das Wasser verlassen, die Geborgenheit des Soseins, die Wahrheit. Nur daran, dass er noch nass ist, kann ich erkennen, woher er kommt.

Alle Gedanken sind falsch,
denn sie sind aufgetaucht
aus der Einfachheit.
Sie haben sich abgespalten

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