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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

9.7.2004

Scharf auf Sex

Männer suchen die pure Weiblichkeit, Frauen einen Mann mit Bedeutung

Als ich 17 oder 18 war, in der Abiturklasse, da sprach ich mal mit einer Mitschülerin darüber, wer wohl schärfer sei auf Sex, die Männer oder die Frauen. »Natürlich die Männer«, das war damals die vorherrschende Meinung und ist es weitgehend auch heute noch; bei uns, und in den meisten anderen Ländern noch mehr.
Meine Freundin aber meinte, die Wahrheit hinter den Kulissen sei, dass die Frauen genauso scharf seien auf Sex wie die Männer, sie hätten es nur verstanden, es so aussehen zu lassen, als sei Sex etwas, das Frauen den Männern gewähren. Einen Gefallen, den sie den Männern tun, die sie mögen. Auf diese Weise bekommen die Frauen was sie wollen, es sieht dabei aber so aus, als würden sie etwas geben – zweifellos ein enormer Vorteil im zwischengeschlechtlichen Handel.

»Eine höhere Kraft hat uns einander zugeführt«
Das mag wahr sein oder auch nicht. Eine andere Binse aus der Geschlechterdiskussion aber scheint mir noch etwas bessere Chancen auf Wahrhaftigkeit zu haben: Männer wollen viel häufiger als Frauen »einfach nur Sex«. Kann ja sein, dass Frauen genauso scharf sind darauf wie Männer, aber bei ihnen muss dabei noch »was drumrum« sein. Einfach nur ab in die Kiste, wenn man scharf ist aufeinander, das geht nicht.
Wir müssen einander gefunden haben, und zwar gerade jetzt, wir beide. Das ist doch kein Zufall, sondern hat eine wahnsinnig tiefe Bedeutung. Du bist mir schon immer aufgefallen, seit Jahren träume ich von Dir! Oder: Wir kennen uns aus einem früheren Leben! Oder: Ich habe nicht nur denselben Aszendenten wie Du, sondern auch bei mir steht die Venus im fünften Haus! Halt irgendsoeine Geschichte.
Es ist gar nicht schwer, eine solche Geschichte zu erfinden, wenn's drauf ankommt, an dieser Stelle sind die Frauen mal gar nicht kritisch. Verblüffend, wie leicht man Frauen damit rumkriegt. Sie will auf keinen Fall »irgendeine« sein von den zwei oder drei Milliarden Frauen, die es gibt, sondern Himmel und Erde müssen in diesem Moment der Geschichte beschlossen haben, dich und mich zusammenzubringen. Dich und mich und keinen anderen! Erst dann erlaubt sich die Frau, den Mann zu begehren und lässt ihn an sich ran.

Lust auf pure Weiblichkeit
Komisch? Für einen Mann schon. Für eine Frau nicht, sie findet das ganz normal. Oft geht sie sogar so weit, die Männer zu verachten, die eine Frau einfach schön und begehrenswert finden, so wie sie ist, ohne Geschichte. Eine Frau, die ganz Frau ist. Da muss kein individueller Firlefanz dran rumhängen, der sie unvergleichlich macht, es genügt, dass sie einfach Frau ist, pure Weiblichkeit. Individualität ist Schmuck, darauf können wir Männer im Moment der sexuellen Begegnung verzichten, da wollen wir die Frau nackt.

Der Ursprung der Kunst
Vor ein paar Jahren machte die These eines Archäologen oder Anthropologen die Runde, Kunst sei eine Erfindung der Männer, die damit den Frauen imponieren wollten. Irgendwann in der Steinzeit sei das losgegangen: Die Männer seien nun nicht mehr so sehr im Kampf um körperliche Stärke gegeneinander angetreten, sondern im Wettstreit um das grandiosere Kunstwerk. Es imponiert den Frauen halt, wenn ein Mann so ein Bild an die Wand der Höhle malen kann oder eine Skulptur schnitzen, die sie darstellt, oder ein Lied singen oder schöne Worte sagen. Dann fühlt sie sich individuell gemeint und hat weniger Angst, nur benutzt und dann vergessen zu werden.

Männer wollen die Frau nackt.
Frauen eine Story, warum
du und ich uns gefunden haben

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