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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

15.7.2004

Die armen Juden

Warum man auch angesichts des Holocaust nicht die Intelligenz beleidigen sollte

Zu meinem Artikel »J'accuse – Ich klage an!« in connection 4/04 (der auch auch www.connection.de im Forum »Geldundco« zu lesen ist und dort eine lebhafte Diskussion erzeugt hat) erreichte mich dieser Tage folgender Leserbrief:


Jens Scholz, Neu-Isenburg, 11. Juli 2004

Sehr geehrte Damen und Herren,

Dieser Leserbrief ist eine Reaktion auf Wolf Sugata Schneiders Artikel »J'accuse« in der Ausgabe Juli/August der Connection.

Ich möchte mich hier nicht darüber auslassen, wie unendlich wenig mich das genervte Gejammer - sorry, die »Anklage« – von Herrn Schneider interessiert, klingt sie doch im Großen und Ganzen auch nicht anders, als die vieler anderer Selbständiger in ihrer momentanen Sinnkrise. Ich möchte hierzu lediglich vermuten, dass eine derart selbstmitleidige Anklage der widrigen Umstände seines unternehmerischen Daseins sicher nur veröffentlicht werden konnte, weil Herrn Schneider die Zeitschrift gehört.

Ich möchte mich aber mit der größten mir irgend zu Gebote stehenden Vehemenz über einen ganz bestimmten Passus des Artikels beschweren und über die unglaubliche Arroganz und die unverschämte Unanständigkeit, die in diesem steckt. Herr Schneider versteigt sich nämlich unter »Was hat das mit mir zu tun?« tatsächlich in einen Vergleich zwischen seinem durchaus selbst gewählten Unternehmerschicksal und dem von sechs Millionen Opfern eines brutalen Massenmordes. Und nicht nur das, er erlaubt sich auch noch eine – sich in Esoterikerkreisen leider tatsächlich hartnäckig haltende – Schuldzuweisung an die ermordeten deutschen Juden an ihrem eigenen Schicksal. Wie unsagbar dumm muss man sein, um einen Satz zu schreiben wie »aber man kann ihnen [den Juden] nicht die ganze, schwere Schuld des Holocaust auferlegen«?

Das kann man nämlich tatsächlich nicht. Man kann ihnen aber auch nicht einmal einen Teil oder auch nur ein verdammtes kleines Mikrogramm der Schuld auferlegen! Aus einer Position heraus, in der man auf eine gut dokumentierte Geschichte zurückblickt, ist es ein Leichtes, vergangene Momente der Gefahr zu erkennen. Es ist daher einfach nur arrogant, dieses Wissen im Nachgang gegen diejenigen Menschen auszuspielen, die dieser Gefahr ausgesetzt waren und zum Opfer gefallen sind.

Was Herrn Schneider jedoch als renommierten Verleger eigentlich niemals hätte passieren dürfen ist, dass er mit seiner verqueren Argumentation der von Vertretern von Entlastungsbestrebungen wie dem ehemals renommierten Historiker Ernst Nolte folgt. Der hatte in seinem berüchtigten Aufsatz »Die Vergangenheit, die nicht vergehen will« (FAZ vom 6. Juni 1986) ja auch schon die These vertreten, die Verbrechen der Nazis seien eine Reaktion gewesen, um eine »asiatische Barbarei« zu verhindern. Noltes Wunsch war es, die Internierung und Ermordung der Juden im dritten Reich zu entkriminalisieren und stattdessen »als Gegenmaßnahme begriffen« zu sehen. Und in dieses ideologische Fahrwasser begibt sich ein Wolf Sugata Schneider, wenn er die Unanständigkeit besitzt, den Opfern des Holocaust eine Schuld daran zuzuweisen, ermordet worden zu sein, weil sie nicht von sich aus verhindern konnten, zu Opfern zu werden. Und in dasselbe Fahrwasser begibt sich ein Magazin Connection, wenn es diese Unanständigkeit druckt und verbreitet.

Jens Scholz


Auf diese Anschuldigungen antworte ich – nachdem ich mich mit Jens Scholz auf eine Veröffentlichung dieser Diskussion geeinigt habe – mit folgendem Brief:


Niedertaufkirchen, 13. Juli 2004

Lieber Jens Scholz,
liebe Leser von »j'accuse«,

meine erste Reaktion auf Deinen Brief, Jens, war: Was für ein Dummkopf! Aus solchem Holz sind die Fanatiker geschnitzt, die die Holocausts von Morgen vorbereiten ...
Aber ich möchte nicht Deine Beleidigung mit einer weiteren Beleidigung beantworten und nehme diesen Vorwurf deshalb hiermit zurück. Du weißt vermutlich nicht, was Du da gerade geschrieben hast, jedenfalls nicht, auf was für Gedanken es basiert und wohin diese Gedanken führen.
Beim Thema Juden und Holocaust bewegen wir uns, wegen unserer »deutschen Schuld« auch heute noch auf einem Minenfeld. Auch wir gnädig spät Geborenen, deren Hände keinen Juden geschlagen und deren Mund keinen »rassisch Minderwertigen« an seine Henker verraten hat.
Das hat gute Seiten: Wir vergessen diese schrecklichen Ereignisse nicht. Das hat aber auch schlimme Seiten, und dazu gehören die Art der Vorwürfe, die ich Deinem Brief lese, und die leider gängige Praxis sind. Unter Juden sind sie zum Teil als "Shoa-Business" bekannt und verspottet, unter Deutschen sind sie spätestens seit den 60er Jahren der beliebteste und gewichtigste politische Knüppel. Auch über die Passage in meinem Artikel und den Unterhaltungswert Deines darauf anwortenden Briefs hinaus, könnte vielen daran gelegen sein, zu verstehen, warum dieser Teil unserer Vergangenheit uns heute noch so belastet und die damit verbundenen Gefühle so gerne missbraucht werden. Das ist der Grund, warum ich auf Deinen Brief antworte.
Zunächst mal hier die Anstoß erregende Passage in meinem Text:

»Hast du dich eigentlich schon mal gefragt, was das (Anm.: Ich meine hier meine Schwierigkeiten als Kleinunternehmer mit einem ethisch anspruchsvollen Produkt) mit dir zu tun hat?« fragte mich eine Freundin letztes Jahr ganz unbefangen. »...mal«???? 19 Jahre lang habe ich mich das gefragt, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. »Die Szene«, die da auf ihre Fahnen schreibt: »Alles, was du erlebst, hast du dir selbst kreiert« – durch deine Überzeugungen, dein Karma, deine unterbewussten Muster, diese Szene ist sehr gut in der Selbstanalyse, aber diese Selbstanalyse artet sehr oft in Selbstbezichtigung aus. Übernimm Verantwortung! Ja gerne – aber nicht für alles. Es gibt auch äußere Einflüsse. Die Juden, die 1944 in Viehwaggons nach Auschwitz transportiert wurden, haben die das »sich selbst kreiert«? Sie mögen versäumt haben, vorher zu fliehen, sie mögen naiv gewesen sein gegenüber der Perfidie des Naziregimes, aber man kann ihnen nicht die ganze Schuld des Holocaust auferlegen, ja kaum einen Teil davon. Sie waren Opfer. Und es ist es auch nicht allein meine Schuld, dass ich mit diesem Verlag trotz 19 Jahren harter Arbeit nicht reich geworden bin.«

Die Juden waren Opfer. Wenn man überhaupt von irgendwem so klar, so einseitig sagen kann »Du warst Opfer, Du hast keine Schuld, Du hast mit den Gründen, die zu dem, was Du jetzt erlebst führten, nichts zu tun«, dann kann man das von den Juden sagen, die damals in den Viehwaggons nach Auschwitz transportiert wurden. Ein drastischeres Beispiel dafür, ein schuldloses Opfer zu sein, fiel mir nicht ein, deshalb habe ich dieses gewählt.
Es kontrastiert mit der Aussage so vieler spiritueller Wege und Selbsterkenntnismethoden, die da sagen: Was auch immer du erlebst, hast du dir selbst kreiert. Was auch immer, wer auch immer! Übernimm Verantwortung dafür! Erst wenn du das ganz und vollständig tust, wirst du frei sein und erkennen: Diese Welt, das bin ich! »Tat tvam asi«, auch das bin ich, so steht es schon in den altehrwürdigen indischen Upanishaden, das musste nicht erst das moderne Avatar-Training erfinden, und all die anderen, ähnlichen spirituellen Lehren.
Sag das mal zu einem der nach Auschwitz abtransportierten Juden! Haben auch diese Menschen sich das selbst kreiert? Wo bleibt da diese ganze spirituelle Selbstverantwortungslehre, angesichts eines solchen Schicksals, wie es im Nazireich ungefähr sechs Millionen Juden erlitten haben? Die Behauptung »Du hast dir das selbst kreiert« sackt in sich zusammen und zerfällt in nichts angesichts des Schicksals der Juden. Sie kann dort nicht bestehen, nicht hier, vor dieser grausamen Wirklichkeit. Das war mein Argument.
Oder ist es vielleicht doch so, dass wir, jeder von uns, wenigstens ein bisschen an unserem Schicksal mitstricken und es bestimmen können? Mal mehr mal weniger? Sind die Juden im Nazireich vielleicht nur das eine Extrem einer weit aufgefächerten Bandbreite von mehr oder weniger Macht und Ohnmacht, Täter und Opfer sein? Vielleicht ist es doch nicht nur die Perspektive, die subjektive Sicht auf die Welt, die Brille, durch die ich die Welt betrachte, was bestimmt, ob ich Opfer bin oder Täter, sondern DIE UMSTÄNDE IN DER WELT DA DRAUSSEN?!
Das war mein Argument. Als Unternehmer gelte ich quasi als Täter an sich. Ihm, dem Unternehmer dichtet man die größten Freiheiten an, beinahe so viele wie den Tyrannen. In unserem Wirtschaftsystem haben sie die Macht, sie bestimmen über die Verwendung des Kapitals, die Mitarbeiter, den Kurs des Unternehmens. Kann man denn hier, in diesem unserem Wirtschaftssystem eine größere Freiheit haben als die des Unternehmers? Tyrannen gibt es hier, im Neoliberalismus, nicht mehr, aber Unternehmer, sie sind die Könige von heute, die Täter, die Mächtigen.
Wirklich?
»J'accuse« ist eine acht Seiten lange Argumentation, dass dem nicht so ist. Dass man zumindest als Kleinunternehmer mit einem ethisch anspruchsvollen Produkt eben nicht nur Täter ist, sondern auch Opfer. Unternehmer sind beides, wie, bei genauer Betrachtung, jeder von uns, jeder Mensch und vielleicht auch jedes Tier, jedes Wesen, jedes Partikel im Universum, das Kausalvorgängen unterliegt. Die Täterperspektive betrachtet mich als Verursacher, die Opferperspektive betrachtet mit als Verursachten. Beides sind gültige Perspektiven, denn ich wirke auf andere (Umstände und Menschen) ein, und ich bin auch ebensolchen Einwirkungen ausgesetzt, ich bin beeinflussbar.
Am krassen Ende der Skala des mehr oder weniger Opfer oder Täter Seins stehen die Juden im Holocaust: Sie sind die Opfer des Horrorregimes der Nazis. Der Unternehmer – in der Darstellung meines Artikels – steht nicht etwa am anderen Ende als der (so gut wie) reine Täter, sondern in der Mitte. Er wirkt, und die Umstände wirken auf ihn ein. Für Bill Gates, Rupert Murdoch und George Soros mag das ein bisschen anders sein, sie stehen (wenn wir hier schon am relativieren sind ...) mehr auf der Täterseite, will sagen: Sie sind mächtig. George Soros ist mächtig, die Juden waren ohnmächtig. So einfach ist es, platt gesagt.
Und doch, wenn man das Argument des »Tat tvam asi« und der Selbstverantwortung für die erlebte Wirklichkeit ernst nimmt, dann muss man sagen, dass SOGAR die Juden in den Viehwaggons nach Auschwitz, nicht 100% Opfer waren, sondern vielleicht nur 99.9%. Das entschuldigt in keiner Weise die perfiden, grausamen, unentschuldbaren Taten ihrer Henker und Peiniger. Nicht eine Andeutung einer solchen Entschuldigung findet sich in meinem Text und ich möchte einer solchen auch nicht, so weit es in meiner (begrenzten!) Macht steht, auch nicht Vorschub leisten oder Nahrung geben.
Und doch .... betrügen wir uns nicht. Schauen wir genau hin. Nichts ist monokausal. Alles hat viele Ursachen, SOGAR der Holocaust. Und auch wenn das jetzt politisch hochgradig inkorrekt ist, will ich das jetzt sagen, denn ich schulde es der Wahrhaftigkeit: Selbst die im Nazireich wie Vieh abtransportierten, grausam internierten und schuldlos hingerichteten Juden – oder einige von ihnen oder ihre Vorfahren oder ihre Ideologen hätten, zumindest in gewissen Maße irgendwann in der Kausalkette, die zu diesem Genozid geführt hat, hatten ein gewisses Maß an Wahlfreiheit gehabt. Einige hätten fliehen können und sind doch nicht geflohen. Und selbst in der Ideologie oder der Religion dieses Volkes – hier befinden wir uns auf einem weiteren Minenfeld – kann man, darf man, sollte man vielleicht nach Ursachen suchen, die »möglicherweise« einen Einfluss auf das schreckliche Schicksal der Juden in Europa hatten. Die Idee des »von Gott auserwählten« privilegierten Volkes zum Beispiel. Ja, ja, ich weiß, ein Minenfeld. Man darf das nicht sagen, man sollte das nicht denken. Aber ich meine: Wenn wir nicht den Mut haben, gelegentlich die Grenzen der politischen Korrektheit zu überschreiten, dann werden wir nie eine Welt erschaffen, in der es keine Holocausts mehr gibt. Und das sollte doch unser höchstes Anliegen sein.
»Wehret den Anfängen« sagen sie, die Jäger der Nazis und Beinahenazis und derer, die vielleicht eines Tages zu Nazis werden könnten. Ich sage darauf: Wehret den Anfängen der politischen Dummheit, Ungerechtigkeit, Selbstgerechtigkeit und philosophischen Ungenauigkeit, die zu einem Klima der Verdächtigung führen anstatt zu einer freien, mutigen Erforschung des menschlichen Geistes mit seinen erhabenen Höhen und höllischen Tiefen.
Den Text von Jens Scholz empfinde ich als Beleidigung der menschlichen Intelligenz. Nur ganz, ganz selten habe ich Verständnis für Menschen, die der »Neuen Rechten« nahe stehen. Wenn ich aber diese Sätze von Jens Scholz lese, revoltiert alles in mir, mein Sachverstand, mein Gewissen, mein Gerechtigkeitsgefühl, meine Wahrheitsliebe, alles das, und ich beginne zu verstehen, dass es Menschen gibt, die gegen diese Art der Heuchelei aufbegehren und die es dann, wenn noch andere Umstände hinzu kommen, ins braune Lager treibt. Insofern tragen Fanatiker wie Jens Scholz – die sich ja als Antifanatiker wähnen! – ihren kleinen Teil dazu bei, dass die Gewaltspirale nicht aufhört und die Welt sich auf weitere Holocausts gefasst machen muss, denn die Holocausts der Zukunft werden geistig vorbereitet, bevor Hände, Stiefel, Gewehrläufe und Gaskammern sie real werden lassen.
Ist Jens Scholz ein solcher geistiger Vorbereiter? Ich kenne ihn ja kaum, nur durch seinen infamen Brief kenne ich ihn. Aber ich ahne da etwas, und ich denke, wir sollten auf der Hut sein: Wehret den Anfängen!
Der Teufel wird bei seinem nächsten Auftritt kein Hakenkreuz am Ärmel haben. Er wird auch nicht Pol Pot heißen und seine Lager nicht Gulag nennen oder KZ. Das war mal, diese Formen erkennen wir heute, wir (die Menschheit) werden nicht nocheinmal auf dieselben Signale hereinfallen. Aber auf neue! Die Teufel von Morgen werden sich neue Gewänder anziehen, sie werden als Gutmenschen auftreten, als Retter oder Erlöser. So wie ja auch die Nazis damals, oder die Kommunisten unter Stalin oder Pol Pot. Es braucht ein bisschen mehr Intelligenz, als Jens Scholz sie in seinem Brief zeigt, um die Teufel von Morgen zu erkennen. Ein antifaschistischer Wachhund zu sein genügt dafür nicht.

Auch einer von der naturreligiösen Gruppe Rabenclan rief mich an und wies mich, ganz freundlich und wohlmeinend, auf den "Fauxpas" hin in meinem Artikel. Gerade ich, der ich doch in connection immer wieder über den Holocaust und die Folgen berichtet hatte – wir hatten einen KZ Überlebenden interviewt, die Rede einer als Kind bei Medizinexperimenten der Nazis missbrauchten Frau abgedruckt und immer wieder auf nazistisches Gedankengut und die braune Gefahr hingewiesen – gerade ich solle doch bitte nicht meinen guten Ruf zerstören durch solch eine Äußerung. Um den zu erwartenden Sturm der Entrüstung zu verhindern, ihm vorzubeugen, solle ich mich doch bitte irgendwo, sei es im Heft oder auf unserer Webseite, von dieser Passage distanzieren und mich dafür entschuldigen. Außerdem dürfe man "so ein Thema" nicht in einem Halbsatz abhandeln.
Soll ich nun dankbar sein gegenüber solchen Leute, die mich beraten und warnen und mich auf mögliche Fehlinterpretationen meines Textes hinweisen? Er las mir die beanstandete Textstelle am Telefon laut vor, mit einer Betonung, die mir zeigen sollte, wie man den Text als »Entschuldung« der Naziverbrechen missverstehen könne.
Er meint es gut, ganz gewiss. Aber solches antinatizistisches Gutmenschentum hilft uns in dieser Sache nicht weiter. Es wäre mir ein Leichtes, hier den politischen Gepflogenheiten Genüge zu tun und meinen Kotau zu machen vor den Naziverbrechen und ihren armen Opfern. Willi Brandt, als er in Warschau vor dem Mahnmal kniete, ich empfand ihn als echt und diesen Akt als angemessen, ich bewunderte ihn für seine Größe, so wie ich alle bewundere, die helfen, diese Verbrechen nicht zu vergessen, damit so etwas nie wieder geschieht, nie, nie wieder. Wir Deutschen sind vielleicht, als Erben dieser Verbrechen auf ganz besondere Weise dazu berufen – und auch dazu befähigt! – diese Erinnerung wach zu halten und daraus eine neue, humanistische Ethik erwachsen zu lassen, die endlich, endlich dem Menschen gerecht wird und solches künftig verhindert. Aber bitte nicht so, nicht durch ein Verbot des Nachdenkens, nicht durch ein Verbot der kritischen Intelligenz.
Insofern ich als Zeitschriftenmacher überhaupt irgendwelche Vorbilder habe, kommen Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky mit ihre Schaubühne/Weltbühne aus dem Berlin der 20er Jahre dem am nächsten. Beide waren Juden. Beide großartige, scharfsinnige und scharfzüngige Intellektuelle, mitfühlend, humorvoll und mutig, mit einem Mut, der den eigenen Verlag und sogar das eigene Leben aufs Spiel setzte. Sie sagten, was sie dachten und kämpften für das, was sie als Wahrheit meinten erkannt zu haben. Ich bewundere sie! Die antinazistischen Wachhunde von heute bewundere ich nicht. Sie folgen dem gesellschaftlichen Konsens einer stereotypen, geistig anspruchslosen und innerlich ausgehölten Darstellung des Holocaust – die meisten von ihnen jedenfalls. Das haben die Opfer dieser Zeit nicht verdient.
Ein Berliner Theaterintendant jüdischer Abstammung soll kürzlich (in den 90er Jahren?) mal gesagt haben: Erst wenn wir wieder über Juden Witze machen können, haben wir den Holocaust verstanden und bewältigt und können wieder entspannt miteinander umgehen (sinngemäß, den Wortlaut seiner Aussage weiß ich nicht mehr). Vielleicht ist es besser, wenn wir den Holocaust nie »bewältigen«, so dass weiterhin solche Diskussionen wie diese hier immer wieder neu aufflammen und uns erinnern. Und doch glaube ich, diesen jüdischen Intendanten zu verstehen: Erst wenn wir auch angesichts des Grauens wieder lachen können und nicht mehr im Pathos einer wohlmeinenden Bewältigung gefangen sind, können wir eine Welt erschaffen, in der Menschen einander nicht mehr das antun, was sie in den KZs der Nazis getan haben.

Wolf Schneider


Das ist also meine Antwort. Für ein Webtagebuch vielleicht ein bisschen unüblich, aber Jens wollte das nicht im für »J'accuse« eingerichteten Forum austragen, sondern hier in meinem Webtagebuch. Nun denn. Wer darauf antworten will, kann das im Forum dieses Tagebuchs tun.

Haben wir eine Streitkultur? Sind wir imstande, zu wichtigen Themen auf hohem Niveau einen konstruktiven Streit auszutragen? Ich hoffe doch. Ich habe hier beinahe so aggressiv geantwortet, wie ich angegriffen wurde (beinahe – also hoffentlich deeskalierend). Aber ich denke doch, man darf bei einem heißen Thema und dabei aufkochender Wut auch mal scharfe Worte verwenden. Das darf man mir gegenüber, ich grolle Jens deswegen nicht. Und ich hoffe, er kann auch mit den Tonfall meiner Antwort umgehen. Beleidigen will ich damit weder ihn noch sonst jemand. Ich sehe mich hier als Kämpfer gegen die Dummheit, nicht als Kämpfer gegen Personen, auch wenn mir damit vermutlich einhandle, als maßlos arroganz zu gelten.

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