Wolf Schneiders Webdiary
18.7.2004
Redeverbot?
Was Deutsche über Juden sagen dürfen
Vor Jahren sprach ich des öfteren mit Rainer Langhans – über meine Zeitschrift, über die 68er, über die heutige politische Kultur und die Möglichkeiten von Alternativen und immer wieder auch über die Nazis und das, was sie bei uns in Deutschland angerichtet haben.
Nicht nur damals, vor 60 Jahren, wirkten die Nazis, sie wirken bis heute. Hitler und die Naziherrschaft sei noch immer ein vermiedenes und völlig unterschätztes Thema sagte er immer wieder. Über so vieles in diesem Zusammenhang dürfe man auch heute noch nicht sprechen. Er warte auf den Tag, an dem man endlich darüber sprechen dürfe, sagte er immer wieder sehr geheimnisvoll.
Mir schien das übertrieben. Was hat der nur, dachte ich. Sex und Geld und Religion, ja, da gibt es gewisse Tabus, aber die Nazis? Alle Welt redet doch ständig darüber, was für schlimme Sachen die gemacht haben und wie das alles war und auch, wie viel davon die junge Bundesrepublik 1:1 übernommen hatte. Es war eben doch kein völliger Neuanfang, damals, 1945-49. Wie hätte es auch sein können. Niemand kann völlig neu anfangen, wir bauen immer auf einer Vorgeschichte auf.
»Ja, aber« ... das Eigentliche, darüber könne man heute noch nicht sprechen. Langhans beharrte, was Hitler und die Nazis anbelangt, auf der Unaussprechlichkeit des Großen, Eigentlichen.
Groß und unheilschwanger
Dieser Tage musste ich immer mal wieder an ihn denken und an seine Aussagen über das ominöse Erbe, dass da noch ins uns schlummere, uns belaste, und über das man nicht sprechen dürfe. Anlass ist die Passage in meinen Artikel »j'accuse«, die bei einigen Hütern der korrekten politischen Sprache Anstoss erregt hat, wie mein Tagebucheintrag vom 15. Juli belegt.
Es blieb ja nicht bei dem Brief von Jens Scholz. Hinzu kam ein weiterer, noch wütenderer Brief von einer Ulrike Grotewold, die ich ebenfalls nicht kenne. Bei einer realen Begegnung hätte ich wohl mit einen körperlichen Angriff rechnen müssen – nur weil ich ein bestimmtes Thema angesprochen hatte. Ich hatte dort noch nicht einmal eine etwa diskreditierte Position bezogen, es hatte genügt, dass ich das Thema ansprach.
Offenbar ist jenes ominöse Thema, von dem auch Langhans immer wieder sprach, auch heute noch ein Tabu. Die Deutschen, die Juden, der Holocaust, darüber darf man nur in einer ganz bestimmten Weise sprechen, die nicht vernünftig zu erklären ist. Und diese Sprechweise ist jedenfalls kein Ausdruck von Mitgefühl, sondern es geht darum, sich an ganz bestimmte Regeln zu halten: So darf man das sagen und nicht anders. Ein Außenseiter kann das vorab nicht wissen und tappt da erstmal in ein Fettnäpfchen oder vielmehr in ein Minenfeld. Wenn dann die Minen hochgehen, weiß er: Aha, da habe ich wohl eine Regel verletzt! Dann muss er sich entschuldigen, und wenn er das auf die richtige Weise tut, ist erstmal wieder Ruhe.
Vermiedene Polarität
Mir widerstrebt dieser Affentanz um ein Tabuthema zutiefst. Keine der Benimmregeln, die ich da von den Verteidigern des politischen Anstands zu hören bekomme, ist ethisch integer oder auch nur in sich logisch. Mit all meinem politischen Instinkt und meinem Wissen um Psychologie und politische Geschichte bin ich mir sicher: Dieses Herumgeeiere und sich gegenseitig Überbieten an politischer Korrektheit führt eben gerade NICHT zu dem verkündeten Ziel, künftige Holocausts zu vermeiden. Ich befürchte sogar, es wird solche Greuel begünstigen, weil das Verdrängen und Vertuschen des Themas und das Beschimpfen der politisch Inkorrekten, der Tabubrecher, eben Gegenreaktionen hervorruft.
Licht und Schatten, pro und contra, Teil und Gegenteil, die Polarität allen Geschehens wird hier ignoriert, und ich fürchte: Das kann bös enden.
»Du sollst nicht vergleichen!«
Eines der geäußerten Verbote ist: Du darfst A nicht mit B vergleichen, Äpfel nicht mit Birnen, Juden nicht mit Deutschen, die heutige Zeit nicht mit einer anderen und nichts auf der Welt mit dem Holocaust. Allein die Erwähnung einer Ähnlichkeit des Holocaust mit dem türkischen Massenmord an den Armeniern zu Beginn des 20. Jd. ist ein Sakrileg: Sowas DARF MAN NICHT vergleichen! Wer irgendetwas mit dem Holocaust vergleicht, kann nur zum Ziel haben, die Nazis zu entschuldigen und ist deshalb zu verdammen.
Warum nicht vergleichen? Mit Entschuldigung hat das nichts zu tun. Das Grundprinzip jeder wissenschaftlichen Forschung ist das Vergleichen. Alle Empirie basiert darauf. Im Grunde ist jede sprachliche Aussage, also jede Aussage, ein Vergleich, denn wenn sich nicht Ähnliches wiederholen würde, könnte man keine Begriffe verwenden, sondern nur einzelnen, unvergleichbaren Ereignissen jeweils Eigennamen geben, und da es so viele sind, wären Nummern angemessener. Die wissenschaftliche Beobachtung ebenso wie die menschliche Geschichtsschreibung wäre dann nichts als eine Aufzählung eben dieser Nummern, die wir den Ereignissen zuordnen, denn es lässt sich ja nichts mit irgendetwas anderem vergleichen. Allein das Wort »Baum« würde ja bereits einen Baum mit einem Strauch vergleichen, der eben kein Baum ist, was man nur durch einen Vergleich feststellen kann.
Oder sollten wir einige Sachen miteinander vergleichen dürfen, andere nicht? Das würde dann ganz schön kompliziert. Erstmal zu bestimmen, was womit verglichen werden darf. Und dann: die Nummerierung des Einzigartigen! Und dann: all die Grenzziehungen zwischen dem Vergleichlichen und dem Unvergleichlichen ... Da kommen wir in Teufels Küche.
Gestern behauptete ich: »Elephanten sind größer als Mäuse.« Da kam eine Delegation des Elephantenverbandes auf mich zu und stellte mich zur Rede: Wie könne ich nur sowas behaupten?! Elephanten sind doch SO VIEL GRÖSSER als Mäuse, das könne man nicht vergleichen. Aber eben diese Aussage ist ein Vergleich. Die Aussage eines großen Größenunterschiedes ist ebenso ein Vergleich wie die eines kleinen Größenunterschiedes. Es könnten ja auch die Mäuse beleidigt sein, dass sie hier »in einem Atemzug« mit den Elephanten genannt wurden, wo die doch so viel größer sind.
»Als Deutscher darfst Du sowas nicht sagen!«
Als Jude darf man die Überlegung anstellen, ob nicht mehr Juden in den 30er Jahren aus Deutschland hätten fliehen können als tatsächlich geflohen sind. Als Jude darf man so eine Frage stellen, denn die Juden, das ist das Opfervolk. Als Deutscher nicht, denn wir Deutschen, wir sind die Täter.
Gibt es denn keine Wahrheit unabhängig von dem, wer sie ausspricht? Bestimmte Aussagen über Vergewaltigung darf ich als Mann nicht machen, egal ob sie wahr sind oder nicht. Und auch nicht als Weißer über die weiße Rasse und nicht als einer aus dem reichen Norden über den Nordsüdkonflikt. Wirklich?
Ich denke, es ist eine Sache des Taktgefühls, wer wann welche Aussage machen sollte. Man muss ja nicht alles aussprechen was wahr ist, jedenfalls nicht immer und vor jedem. Ob eine Aussage allerdings wahr ist, kann, wenn sie Objektivität beansprucht, doch nicht davon abhängen, wer sie macht.
Jede kontroverse Diskussion, sei es die über Rassen in den USA, über die Geschlechterfrage ganz allgemein oder über die Juden und die Deutschen, sollte bestrebt sein, einen Grad von Objektivität zu erreichen, in der die Zulässigkeit einer Aussage nicht mehr davon abhängt, wer sie macht.
Kann die Wahrheit
einer Aussage
denn davon abhängen
wer sie macht?
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