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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

28.7.2004

Der erste Weltkrieg

Und das Jahrhundert, das folgte

1914 bis 1918 ist die heutige Welt entstanden. Der Verlauf des 20. Jh. und die Strukturen der heutigen politischen Welt sind damals entstanden, vor 90 Jahren. Arte brachte gerade einen 52 min Dokumentarfilm von Werner Biermann darüber – grandios gut in seiner Zusammenfassung, zusammengestellt aus historischen Aufnahmen.
(Erstaunlich, wie viel Filmdokumente es aus dieser Zeit gibt! Die Filmkunst war damals ja noch ganz jung.)

Der Sommer 1914
Schon als Student der Sozialgeschichte, 1973-75 an der LMU München, faszinierte mich diese Zeit und wie sehr in ihr die Wurzeln für unsere heutige Zeit liegen.
Darunter: der Sommer 1914, wie ganz Europa in diesen Krieg taumelte, der – zusammen mit dem daraus folgenden zweiten Weltkrieg – die Vorherrschaft Europas über den Rest der Welt beendete und massenhaftes Elend und Grausamkeiten zur Folge hatte, die sich die »zivilisiert« wähnende Welt vordem nicht vorstellen konnte.
Was ist nicht alles in dieser Zeit entstanden: die Sowjetunion, die Weltherrschaft der USA, die Balkanstaaten und die meisten Staaten Osteuropas, Syrien und der Irak (!), beides Reißbrettländer, das Kurdenproblem, der Genozid an den Armeniern, die chemische Kriegführung (Giftgas an der Westfront), der Luftkrieg, U-Boote ... 60 Millionen Soldaten standen an den verschiedenen Fronten, 15 Millionen Menschen starben. Der Krieg wurde zum Massenkrieg. Überhaupt: Hungersnöte, Aufstände und Kriege, alles massenhaft, das 20 Jh. wurde ein Zeitalter der Massen.
Die Räterepubliken in München und Budapest entstanden und vergingen in kurzer Zeit. Lenin kam zur Macht. Silvio Gesell entwarf seine Wirtschafts- und Gesellschaftstheorie und prophezeite den zweiten Weltkrieg. Adolf Hitler machte in den Jahren die Erfahrungen, die ihn bestimmen sollten. Der Holocaust an den Juden wurde in dem an den Armeniern vorbereitet.
Das alles wurde im Sommer 1914 ausgelöst, auch wenn es in seiner Tiefe schon viel früher angelegt war.

Und was kommt jetzt?
Wie wird das neue Jahrhundert, das 21.? Wird es ebenso grausam werden wie das 20.? Wer sind heute die Propheten, die voraussagen können, wie es wird?
Es wird individueller, weniger massenhaft, meine ich. Die heute noch »dritte Welt« genannten Teile der Welt werden mächtiger und bestimmender. Der Nord-Süd Konflikt wird der Hauptkonflikt des Jahrhunderts werden. Die fortschreitende Zerstörung der Natur und die damit verbundene Ressourcenknappheit werden die Hauptprobleme sein.
Die Globalisierung wird fortschreiten, die Verschmelzung der Weltkultur zu EINER Kultur, aber einer sehr vielfach zersplitterten, in Subkulturen, Subgesellschaften, Ethnien, Sprachen und religiös-weltanschauliche Gruppen, die vielfach interagieren und interferieren, weil sie alle miteinander zu tun haben. Keiner kann sich mehr isolieren.
Englisch wird noch mehr zur Weltsprache als schon bisher. Die Rolle des Internet wird noch wichtiger. Weitere technologische Innovationen im Gefolge des Internets werden die Kommunikation und Interaktion der Menschen weiterhin umkrempeln, und wohl eher noch schneller als bisher.
Die Kulturräume werden sein: Lateinamerika, nördlich davon das Englisch sprechende Amerika; Europa (evtl. inkl. Sibirien); Afrika (subsahara); der islamische Kulturraum (vom Mittelmeer über Vorder- und Südasien bis Indonesien); der Subkontinent Indien; das von China dominierte Ostasien; Japan, Australien und der Pazifik.

Vorbeugen
Das eben Gesagte ist natürlich fragmentarisch, spekulativ und nur andeutend. Ich bin auch eigentlich kein Prophet, will jedenfalls keiner sein. Ich sehe aber doch, rate und spekuliere und meine auch, dass solche Prognosen Unheil vorbeugen können. Ein paar Generationen weit voraus zu schauen, statt nur zwei, drei Jahre, wie gut täte es allen, wenn mehr der Mächtigen so weit schauen und dementsprechend handeln würden!
Wir sollten uns mindestens so sehr mit möglichen Zukünften beschäftigen wie mit Interpretationen der Vergangenheit.

Der Film »Der Untergang des alten Europa« von Werner Biermann (52 min) wird am Fr, 30. Juli, um 16.40 h auf Arte wiederholt. Eine kurze Inhaltsangabe findet sich auf www.arte.de.
Außerdem am selben Tag (30. 7.) der Arte-Schwerpunkt »Der erste Weltkrieg« mit
»1914-1918: Der moderne Krieg« eine 90 min Dokumentation von Mathias Haentjes und Heinricht Billstein um 22.15 h und
»Der Krieg der Medien – die Propagandaschlacht im Ersten Weltkrieg«, ein 45 min Doku von Anne Roerkohl, um 23.45 h

Die Kirchen und der Krieg
Und, wo wir schon bei »Propaganda« sind: Das »Publik-Forum«, diese hervorragende zweiwöchentlich erscheinende »Zeitung kritischer Christen« (www.publik-forum.de) bringt in ihrer aktuellen Ausgabe vom 23. Juli neben dem Titelthema »Regionale Währungen« (!) einen drei Seiten langen Bericht »Wie die deutschen Kirchen den Weltkrieg lobpreisten – eine kritische Erinnerung, 90 Jahre nach Kriegsbeginn 1914« von Prof. Heinrich Misalla von der Universität Essen.
Misalla hat zu dem Thema, wie die Kirchen die beiden Weltkriege unterstützten auch einige Bücher geschrieben:
»Gott mit uns. Die deutsche katholische Kriegspredigt 1914-1918« (vergriffen) und
»Für Gott, Führer und Vaterland. Die Verstrickung der Seelsorge in Hitlers Krieg« (bei Publik-Forum erhältlich).

Männer und der Krieg
Mit dem Thema, wie Hitler durch den 1. Weltkrieg geprägt wurde und mit ihm eine ganze Generation von Männern ihre Identifikation als »Männer« erhielt, möchte ich mich noch beschäftigen. Waren die Kriegserfahrungen für die Männer Europas, vielleicht vor allem Deutschlands, die entscheidenden Initiationen ins Mannsein? Dann hätten wir eine Chance, durch die Einführung anderer Initiationen und anderer Männlichkeitsrituale künftige Kriege zu verhindern.

... von der Interpretation
der Vergangenheit
zu den möglichen Zukünften

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