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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

6.9.2004

Ach, Gott

Wie Bürokratie die menschliche Intelligenz beleidigt

Habe gerade wieder meine Mehrwertsteuererklärung machen müssen. Beleg für Beleg trage ich ein, wieviel ich im 2. Quartal 2004 ausgegeben habe (privat, nicht für die GmbH, da macht es meine Buchhalterin). Habe zudem 110 Euro Strafe zahlen müssen, weil ich nicht schon bis zum 10. August das ganze 2. Quartal parat hatte, zehn Tage nach Ablauf.
Ich empfinde es als Beleidigung der menschlichen Intelligenz, diese Arbeit machen zu müssen. Warum gebe ich sie nicht ab? Weil ich dann doch nur eines anderen Menschen Intelligenz beleidigen würde. Es muss eine andere Lösung geben als diese stumpfsinnigen Arbeiten an andere Menschen abzugeben. Es muss ein Staat machbar sein, der auf eine andere, einfachere Art die nötigen Gelder eintreibt als per Mehrwertsteuer. Ich bin mir sicher, dass bei Berücksichtigung der Arbeitszeit und Intelligenz-Leistung, die in die korrekte (oder von mir aus auch inkorrekt erfolgreiche) Buchung dieser Steuer gesteckt wird – und zwar auf beiden Seiten der 'Gegner' Fiskus und Steuerzahler – dass diese Art der Steuer sich dann nicht mehr 'rechnet'.

Was rechnet sich?
Ebenso wie Autofahren und Fliegen sich nicht mehr 'rechnen', wenn wir die ökologischen Folgekosten, die nachfolgende Generationen für diesen Reiseluxus von uns Heutigen zu zahlen haben, in die Rechnung mit einbeziehen.
Warum berechnet denn keiner »das Ganze«? Die ökologischen Folgekosten unserer Transportgewohnheiten und überhaupt unserer Lebensweise, aber auch die Intelligenzleistung, die Zeit und den Aufwand etwa unseres komplizierten Sozial- und Steuersystems.

Säuglinge an Fördertöpfen
Es gibt Fördertöpfe für alle Arten von Unternehmungen und Projekten. Private Geldgeber, Subventionen von Bund, Ländern, Gemeinden und von der EU. Man muss nur die richtigen Anträge stellen an die richtigen Stellen. Es gibt sogar Dienstleistungsbetriebe, die sich auf das Finden der richtigen Fördertöpfe für ein vorgegebenes Projekt spezialisiert haben. Es geht darum zu wissen, wohin man sich wendet und welche Fragebögen man von diesen Stellen anfordert und wie man diese Papiere dann ausfüllt – auch das ist eine Expertise, die man sich aneignen kann, oder aber man kauft sie extern ein. Zu der hier gefragten Kompetenz gehört, den bürokratischen Jargon zu verstehen, die Formulare jeweils an der richtigen Stelle anzukreuzen und die Worte und Zahlen dort so einzutragen, dass das Geld aus den Fördertöpfen zu fließen beginnt und zwar dorthin, wo man es haben will.
Was für Qualitäten werden denn durch diese Selektion gefördert? Künstler im Formularwesen, im Umgang mit Bürokratien; Künstler in der Kunst, die Umverteilungsströme in die eigenen Taschen zu leiten oder die der eigenen Unternehmungen. Eine echte Kunst aber ist das nicht, sondern eine Schmarotzerkunst. Durch solche Künste wird noch kein Bisschen Hunger auf der Welt beseitigt und kein Frieden geschaffen, es wird nur ein Bisschen von dem Reichtum in unseren Ländern an die verteilt, die besser mit den Bürokratien umgehen können als andere.

Arbeit ohne Sinn
Kürzlich bewarb sich eine Frau bei mir, hier im Verlag mitzuarbeiten. 24 Jahre alt, Steuerfachangestellte. Ich habe keine Stelle frei, sagte ich. Ach, schade, meinte sie. Aber sie hatte eine sympathische Stimme, und da sie hier in der Nähe wohnt, sagte ich: Komm doch mal vorbei, wer weiß, was sich noch ergibt.
Sie kam, und als sie hier beim »Bewerbungsgespräch« saß für eine Stelle, die ich gar nicht habe (die Buchhaltung ist bei mir schon gut besetzt, und meine private Steuer, die muss ich wohl nach wie vor allein machen), da vertraute sie mir an, dass sie ihren Beruf nicht ausüben wolle. Sie sieht keinen Sinn mehr darin, Zahlen aufzulisten und Kunden dazu zu helfen, Steuerlücken zu finden und alles das. Zweckmäßig ist das alles schon irgendwie, in diesem gegebenen System, aber nicht wirklich sinnvoll. Nichts wofür man als Mensch leben könnte.

Oh Gott
Was sie denn interessiere, fragte ich. »Gott«, war ihre lapidare Antwort.
Gott ... da war ich wirklich baff, und es war erstmal still zwischen uns. Ich brach das Schweigen mit der Frage, ob sie die »Gespräche mit Gott« von Neale Donald Walsch kenne. »Ja!«. Ihre Augen leuchteten. Sie hatte die ersten drei Bände alle gelesen. Ihren guten Job in München in der Buchhaltung einer italienischen Firma aber, den konnte sie einfach nicht mehr machen. Immer dieses Auflisten und Zusammenrechnen von Zahlen, angepasst an die sich ständig wandelnde Gesetzeslage ... oh Gott.
Ja »Gott«, hast Du uns denn dafür in diesen Körper geschickt, auf diese Welt, dass wir sowas machen müssen?

Eine Steuerfachangestellte, die sich mehr für Gott interessiert als für Steuern und Zahlen, was soll die tun? Sie sucht nach einem Fernstudium, weiß aber noch nicht was. Gut, dass sie nicht einmal auf die Idee kommt, Theologie zu studieren, denn das hat mit Gott so wenig zu tun, wie das Steuerfach.

Warum berechnet denn keiner »das Ganze«?

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