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Wolf Schneider

Wolf Schneiders Webdiary

1.11.2004

Auf Augenhöhe

Vom Segen und den Tücken der Gleichrangigkeit

Immer öfter treffe ich in letzter Zeit auf den Begriff »auf Augenhöhe«. Mal in einer Email-Adresse, mal in einer Überschrift. Mal in einer Reportage, wo jemand einem Fremden begegnet, den er oder sie für ranghöher hielt, dann aber froh war »auf Augenhöhe« zu treffen, will sagen: von Mensch zu Mensch, gleichrangig, keiner stellte sich über den anderen.

Sprechen von dem, was fehlt
Will der Zeitgeist, dass wir uns mehr von Mensch zu Mensch begegnen? Oder ist die Mode dieser Redeweise ein Zeichen davon, dass gerade das nicht der Fall ist? Im Krieg reden die Politiker mehr als sonst vom Frieden. Und wenn arm und reich immer weiter auseinander driften, wie das jetzt weltweit der Fall ist, wird mehr als sonst von Gerechtigkeit gesprochen. Man spricht von dem, was man nicht hat. Hätten wir mehr Gerechtigkeit, bräuchten wir nicht so oft davon zu sprechen, wir sprechen ja auch nicht vom Atmen.

Der Guru
Dreizehn Jahre lang, von 1977 bis 1990 hatte ich einen »Guru«. Kann man das so sagen? Guru ist bei uns doch ein Schimpfwort oder jedenfalls ein Wort, das man vor allem ironisch oder zynisch verwendet. In Indien aber bedeutet das Wort einfach »Lehrer« – und einen Lehrer stellt man natürlich über sich, man begegnet ihm nicht auf Augenhöhe. Man will von ihm lernen, deshalb stellt man ihn über sich.
Die Redeweise, dass wir doch alle gleich sind, jedenfalls gleichwertig, verdrängt die Tatsache, dass wir immer bewerten: Menschen, Wissen, Optionen, alles bewerten wir. Das ist erstens eine Tatsache und zweitens eine durchaus nützliche und sogar überlebensnotwendige Fähigkeit von uns Menschen (und Tieren).
Meinen Guru also stellte ich über mich, um von ihm zu lernen, und weil Guru bei uns ein Schimpfwort ist, nannte ich ihn meinen »spirituellen Meister«. Und ich lernte sehr viel von ihm.

Rangunterschiede
Heute empfinde ich mich mit den spirituellen Lehrern oder Meistern, die ich kenne und mit denen ich Kontakt habe, als gleichrangig. Ich begegne ihnen »auf Augenhöhe«. Na gut, wenigstens das, da lässt du dich nicht so leicht von ihnen in die Tasche stecken, könnte man sagen, sondern wahrst deine Menschenwürde. Aber diese Sichtweise verkennt das Problem.
Erstens ist es eine Tatsache, dass Menschen andere über sich oder unter sich stellen, egal wie man diese Tatsache bewertet. Und wenn man sie verdammt, neigt man immer auch leicht zur Verdrängung und sieht dann oft nicht, wo man selbst Rangunterschiede unkritisch hinnimmt oder gar selbst erschafft.
Zweitens können Rangunterschiede auch ihr Gutes haben: Einer Wangari Maathai den Friedensnobelpreis zu verleihen, kann sich für die Umweltbewegung (weniger für die Eindämmung von Aids ...) als sehr positiv auswirken. So ähnlich auch mit Toten: den Jesus der Bergpredigt zu verehren (nicht so sehr den wütenden, fluchenden und allzu sehr seinen fanatischen Vater verehrenden), den Buddha der alten Sutren, den Dichter Rumi, das inspiriert mich viel mehr, als wenn ich in diesen Menschen jemand sehen würde, dem ich ebenso viel zu geben hätte wie sie mir.

Buddha und ich
Mit allen auf Augenhöhe: Du hältst dich wohl für Jesus? – Ja und nein. Ich halte mich für ebenso göttlich wie Jesus, das stimmt, aber ich bin eine andere Person. Und für ebenso erleuchtet wie Buddha? Das nicht, und doch ... von Natur aus bin ich derselbe. Dass ich Buddha (und damals meinen Meister) über mich stellte war notwendig, und es hat mir gut getan.
Erst wusste ich nicht, dass Buddha und ich verschieden sind. Dann stellte ich ihn über mich. Jetzt weiß ich, dass wir dieselben sind. So etwa nach dem Motto: Shakespeare ist tot, Einstein ist tot, und auch mir geht es schon ziemlich schlecht ;-).
Immer wieder der Dreischritt: Erst war ich naiv, dann wissend, dann frei von Wissen. Oder einfacher: Erst war ich naiv. Jetzt weiß ich, dass ich naiv bin.

»Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?«
(Rilke)
Frei? Ja, ich bin frei. Ich bin nicht mehr hierarchiegläubig. Und mehr als das: Ich bin nicht einmal mehr wortgläubig. »Moksha« nennen die Inder diese Freiheit, oder »Jivan mukti«, die befreite Seele. Mehr als Goethes »Nichts Menschliches ist mir fremd«, müsste ich nun sagen »Nichts in der Welt ist mir fremd«, ich bin auch die Steine und das Meer, das Gute und das Böse, ich bin alles, und alles bin ich.
Trotzdem bewege ich mich in einer Welt, in der »ich« ein Privatleben habe, Menschen zurechtweise oder mich entschuldige, Besitz beanspruche, Beziehungen habe, Verpflichtungen einhalte, dankbar bin oder anspruchsvoll und versuche gut zu sein. Auch das gilt. Wo aber gilt das eine und wo das andere? Das zu unterscheiden, genau darauf kommt es an. Von der Freiheit zu wissen ist nichts; zu wissen, wo und inwiefern sie gilt, ist alles.

Herausragen
Mit allen Menschen auf Augenhöhe zu verkehren, was für ein schöner Anspruch! Allein schon um zu hundert Menschen zu sprechen, musst du dich auf ein Podest stellen, von sechs Milliarden Erdbewohnern und den Eigenheiten der Medienapparate ganz zu schweigen.
So war wohl die physisch nötige Erhebung das Vorbild für die Anhebung auf der Werteskala: Wer auf einem Podest oder einer Anhöhe steht, gilt auch auf der Werteskala als herausragend. Viel zu selten sind wir achtsam und differenziert genug, das physische Podest von einer Anhebung auf der Werteskala unterscheiden zu können oder zu wollen. Und wenn dir vier Millionen im Fernsehen zuschauen, dann bist zu zwar noch physisch auf Augenhöhe, aber keiner mehr wie ich und du, sondern du ragst heraus aus der Masse: Du bist wer!

Ich habe gehört ...
Ich habe gehört, dass der Werner jemanden kennt, dessen Schwägerin von einem weiß, der bei dem in der Firma mitarbeitet, zu dem Gott gesprochen haben soll. Ist uns das schon nahe genug dran?
Ich meine, das Gesuchte ist viel näher. Und es braucht keine Hierarchien und nicht einmal Worte. Jedenfalls steht es nicht in der Bibel und auch nicht in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Keiner kann es uns sagen. Und auch dieser kluge Text hier, der mit diesem Satz endet, kreist nur drumrum.

Erst war ich nur naiv.
Jetzt weiß ich,
dass ich naiv bin.

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